Steve Lukather: I Found the Sun Again
Label: The Players Club / Mascot Label Group
Veröffentlichungsdatum: 26. 2. 2021
Produktion: Steve Lukather
Albumlänge: 50.18 Min.
Genre: Art Rock
Autor der ersten Rezension: Jernej Vene
Der amerikanische Gitarrist und Sänger Steve Lukather hat sich in gut vier Jahrzehnten seines Schaffens als Studiomusiker auf mehr als tausend Alben bewiesen und zählt damit zur absoluten Spitze dieses Metiers.
Lukathers achtes Soloalbum I Found The Sun Again ist äußerst eklektisch. Er hat sich im Schatzhaus des Rock und Blues bedient und seine eigenen Songs mit viel Mut geformt. In den Texten ist er enttäuscht, sieht aber einen Ausweg aus der Dunkelheit; instrumental lässt er sich sowohl von Eigenkompositionen als auch von Coverversionen inspirieren. Als Studiomusiker hat er sich auf einem Meer von Aufnahmen bewiesen, was ihn in die absolute Spitze dieses Metiers katapultiert. Die moderne Zeit braucht mit der Weiterentwicklung der Technik natürlich immer weniger solcher Dienste — also hat Lukather in den acht Jahren seit dem Album Transition, während er nebenbei mit seiner Stammband Toto arbeitete, die nicht rastete, Ideen für das neue Album gesammelt. Das Album besteht aus einem Knaller, einer Ballade, einem Blues, einem Instrumental, einem Popsong und drei Coverversionen. I Found The Sun Again ist für ihn ein Ausdruck des Unmuts über Ereignisse, die ihn noch vor Corona getroffen hatten. Das Fass zum Überlaufen brachte die Klage der Witwe des verstorbenen Toto-Schlagzeugers Jeff Porcaro gegen die Bandmitglieder wegen ausstehender Tantiemen. Die Sache wurde außergerichtlich geregelt, doch Lukather hat seinen Ärger offensichtlich in den Rocksong Along For The Ride gegossen, in dem er auch einigen ehemaligen Wegbegleitern nicht schont, die einst gut auf seine Kosten gelebt haben.
Die Platte I Found The Sun Again erschien am selben Tag wie das Album seines musikalischen Bruders, des Toto-Sängers Joseph Williams. Die Band nimmt in veränderter Besetzung wieder Anlauf — von den langjährigen Mitgliedern sind nur noch Lukather und Williams übrig geblieben. Einen willkommenen Einblick in sein Schaffen, sein Leben und seine Eigenarten bietet auch seine Biografie The Gospel According To Luke. Sie lüftet so manche Schleier seines Wesens und führt den Leser zu einem leichteren Verständnis seiner Weltsicht aus der Perspektive eines Musikers und ganz normalen Erdenbürgers. Dass er nicht aus seiner Haut kann, hat Steve Lukather auf jedem Soloalbum gezeigt. Darauf hat er Hard Rock, Jazz, Blues und alles dazwischen verarbeitet. Die Soloalben betrachtet er als Leinwand, auf der er sich nach Herzenslust austoben kann. Trotzdem handelt es sich nicht um Gitarrenalben, die Selbstzweck sind. Diesmal überrascht er im Titeltrack, der zu den zärtlichsten Dingen gehört, die er in seiner Karriere erschaffen hat.
Steve Lukather zeigt auf I Found The Sun Again sein Können, wo es gefragt ist, und entfaltet sich stellenweise in freier Kreation bei den Soli — vor allem bei den drei Coverversionen. Er hat sich am Erbe der britischen Giganten Traffic sowie der geschätzten Gitarristen Robin Trower und Joe Walsh bedient. Er betonte, dass die Aufnahmen ohne Probe im ersten Versuch entstanden sind, wie der Großteil des Albums, das dadurch enorm organisch klingt. Der Veteran der Rockgitarre kennt natürlich seit seinen frühen Zwanzigern das Wort „unmöglich“ nicht. Nach seinem Vater voller Galgenhumor und hartem Charakter, duldet er weder Ungerechtigkeit gegen sich noch gegen andere. Es ist das reife Werk eines erfahrenen Kämpfers, der einiges erlebt hat. Lukather ist ein Gitarrist mit außergewöhnlichem Gefühl, ein Held der glänzendsten Zeit der Studioaufnahmen, der noch einiges zu sagen hat. Einen Teil davon kannst du auf der Platte I Found The Sun Again hören. Vielleicht hätte er noch die eine oder andere Eigenkomposition draufpacken können — stattdessen hat er eine wahrhaftig lebende Legende eingeladen. Lukather ist Mitglied einer Starbesetzung, die der berühmte Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr alle paar Jahre wechselt. Trotz seiner achtzig Jahre ist er noch immer aktiv, doch Lukather hat ihm so sehr imponiert, dass er schon seit acht Jahren dabei ist. Als antikoronareskapade haben sie den Song Run To Me eingespielt — natürlich eine sehr beatleske Angelegenheit, bei der auch Joseph Williams mithilft. Steve Lukather blickt damit optimistisch auf bessere Zeiten.
Autor der zweiten Rezension: Aleš Podbrežnik
Steve Lukather — Frontmann der legendären Art-Rock-Ikonen Toto — beweist mit seinem neuen Solo-Studioalbum, dass ihn der Funke und die Magie einer hochgradig ausdrucksstarken Kreativität nicht verlassen haben. Seit Lukes letztem Soloalbum »Transition« sind acht Jahre vergangen. Dazwischen spielte sich eine neue Toto-Geschichte ab, die bis zum Abschluss der Tour 2019 fast märchenhaft verlief — bis alles durch eine neue Klage, diesmal seitens der Witwe des verstorbenen Bandschlagzeugers Jeff Porcaro, zunichte gemacht wurde. »Kann das denn wirklich nie aufhören?«, werden neben allem anderen Gedanken durch Lukathers Kopf geschossen sein, der von neuem Bitterkeit und schmerzhafter Enttäuschung zernagt wurde. Toto war auf eine gewisse Weise eigentlich erloschen. Doch wieder einmal zeigte sich, dass diese Band neun Leben hat. Luke hat kürzlich den Namen Toto gekauft. Jetzt wird Ruhe sein. Und mehr. Er hat die Band neu aufgebaut. An Bord der neu geborenen Gruppe gesellte sich von den alten Kumpels nur Joseph Williams zu Lukather. David Paich ist gesundheitlich angeschlagen und hat deshalb auf eine Mitarbeit verzichtet, und interessanterweise wollte auch Steve Porcaro nicht mehr zurückkehren. Angesichts der Situation, die wir nun schon gut ein Jahr durchleben, entschieden sich beide Musiker — Luke und Williams —, jeweils ihr eigenes Soloalbum zu veröffentlichen. Ebenso gastierten sie gegenseitig auf den jeweiligen Alben. Von beiden klingt Williams‘ Album mehr nach »Toto«. Das musste nicht zwingend so sein, war aber zu erwarten. Auf eine gewisse Art auch logisch. Die Rockline-Rezension zu Williams‘ neuem Album „Denizen Tenant“ ist HIER verfügbar.
Da Lukather aber so viel mehr als nur ein Toto-Gitarrist ist, wollte er sich auf dem neuen Album wieder vollblütig und in vollen Zügen künstlerisch entfalten. Ein Soloalbum ist ein mehr als willkommenes Ventil, um die »Kugel zu beruhigen« nach dem »Toto-Sturm«, der hinter dem Musiker liegt. Lukathers musikalischem Charakter kommt niemand das Wasser reichen. Naja, wenige gibt es, die ihm das Wasser reichen können. Er ist nämlich ein Musiker, den ihr alle schon oft im Radio gehört habt, ohne zu wissen, dass ihr ihn hört. Mit einer solchen Menge anerkannter Musiker hat er im Laufe seiner Karriere im Studio aufgenommen und sich damit in eine unüberschaubare Reihe von Studioplatten eingetragen. Er ist einer der meistgeschätzten Studiomusiker, und das neben einer multi-platinhaften Karriere mit Toto, mit denen er über 40 Millionen Studioalben weltweit verkauft hat. Kurzum: Luke ist ein großer Musiker — und mehr. Ein Musiker mit großem Herzen. Ohne ihn wäre Toto nicht wie der Phönix aus der Asche, der kürzlich neu geboren wurde.
Schauen wir uns also Lukes Soloalbum an. Luke, der seit Jahren der Begleitband des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr angehört, hat den berühmten Beatle dazu gebracht, die Drums für das beschwingte, positive und unbeschwerte Run To Me beizusteuern. Ringo wie er leibt und lebt. »Der Trommler schlägt auf die Zwei«, würde Bajaga sagen. Hier gibt es eine bunte Schar von Musikern, die neben Ringo Lukes Karriere auf die eine oder andere Weise geprägt haben. Von den Toto-Kumpels sind Joseph Williams und David Paich dabei, dazu Gregg Bissonette am Schlagzeug, Jeff Babko an den Keyboards sowie die Bassisten John Pierce und Jorgen Carlsson. Man muss nicht lange rätseln. Paich ist mit seinen Keyboard-Diensten allgegenwärtig — seine Tricks und Klangfarben sind nicht zu überhören, wobei auf dem Album auch der brillante Babko intensiv und lebhaft ist, der erstmals bei Along for The Ride im Eröffnungsstück auf sich aufmerksam macht, wenn er in der Mid-Eight-Passage mit einem Einsatz hereinplatzt, der unglaublich an den eröffnenden Hammond-Part der Who-Klassiker Won’t Get Fooled Again erinnert. Joseph Williams hat diesmal über das gesamte Album hinweg Backing Vocals geliefert, mit denen er die Melodien innerhalb der Songs koloriert und kontrastiert. Gleichzeitig ist Run To Me ein gemeinsames Werk von Lukather, Williams und Paich, wobei Williams für diesen Song die Arrangements für Bläser und Streicher zusammengestellt und auch die Keyboards eingespielt hat.
Das Album wird von zwei Eigenkompositionen eröffnet. Das sommerliche und knackige Along For The Ride mit einer treibenden Phrase von starkem »à la Luke«-Charakter, die von einem unter die Haut gehenden, hochgradig eingängigen Refrain ergänzt wird. Ein Song, der die Aufmerksamkeit sofort umlenkt. Serpent Soul ist ein Stück, das gerade wegen der verinnerlichten Toto/Steely-Dan-Kultur magisch wirkt — das bedeutet, dass sich darin auch verspielte Jazz-Fusion-Elemente einfinden, die freilich so kalibriert sind, dass sie den Vorrang der kompakten Songstruktur nicht untergraben. Dieser Song besitzt einige Bitterkeit, die mit Lukathers Erfahrungen von der letzten Toto-Tour zusammenhängt. Journey Through ist ein weiteres Lukather-Instrumental, das wie eine mystische, magische, schläfrige, doch melodisch unaufhörlich erkundende Nummer wirkt — locker und entspannt in seiner expressiven Natur. Eine Nummer, wie sie nur der einzigartige Touch und das Genie von Lukathers gitarristischer Zauberei hervorbringen kann — wo der Charakter des Gitarristen wie auf dem Präsentierteller liegt. Unter den Eigenkompositionen befindet sich auch der Titeltrack, eine Ode an Lukes neue Freundin, mit der er »wieder die Sonne gefunden hat«. Ein wunderschön leichtes Stück, in dem innerer Frieden, Freude und Glück zusammenwohnen — spürbar bei jedem Schritt, den das Gitarrenspiel abmisst. Note für Note trägt es Charakter, und das gilt auch für den leidenschaftlichen Gesang. Ja. Luke ist nach wie vor ein exzellenter Vokalist. In allem durch und durch mitreißend.
Das Album enthält drei Coverversionen. Warum gleich drei — das muss man Lukather fragen. So war sein Wunsch. Jedenfalls sind alle drei Songs so weit umgedeutet, dass die Musikertruppe ihr Können voll ausleben kann, da die Sachen stellenweise auch deutlich aufgelockert sind. Blues und eine adventive Ausrichtung in der Abfolge der Ereignisse, die Spektakularität hervorruft, die an die Grenzen des Progressive Rock stößt — und auch an Jazz-Rock-Fusion, wobei es sich dabei um zwei aufgelockerte Bluesrock-Nummern handelt. Die erste ist eine Bearbeitung des Traffic-Originals The Low Spark of High Heeled Boys, die zweite am Ende des Albums Robin Trowers Bridge of Sighs, bei der sich Luke für das finale Crescendo besonders bildreich auf seiner Gitarre austobt. Dann wäre da noch die dritte Coverversion: in der Albummitte das schelmische und stellenweise mutwillige Welcome To the Club (orig. Joe Walsh), dem Luke mit seiner Truppe einen völlig neuen Charakter einhaucht.
Dieses Album ist wirklich geschrieben und gespielt im Einklang mit großer Freude und Genuss. Die Liste der Mitwirkenden ist nicht so umfassend und lang wie etwa beim Vorgänger »Transition«, denn in diesen Zeiten musste man den Gürtel etwas enger schnallen — das Ergebnis ist trotzdem in jedem Fall grandios und rundum höchst befriedigend. Auch alle drei Coverversionen sind im Vergleich zu den Originalen phänomenal umgedeutet. Die Stärke einer solchen Musikertruppe liegt genau darin, dass sie mit ihrer Geistesschärfe, ihren Talenten und ihrer Abgebrühtheit stets genug Raum für sich selbst und füreinander öffnen, um durch die Expression eine Symbiose des grandiosen Zusammenklangs der kompositorischen Bausteine zu entwickeln bzw. herzustellen. Trotzdem wäre es noch schöner gewesen, wenn das Album »I Found the Sun Again« ausschließlich aus Eigenkompositionen bestünde.
Noch etwas. Das Album wurde größtenteils im ersten Versuch eingespielt. Ein Song pro Tag. Das gesamte Album wurde also in einer Woche aufgenommen. Kein Wunder. Wenn man die Namen der Musiker und ihre Kilometerzahl überfliegt, ist das federleicht erreicht. In Teilen klingt das Album retro — vor allem durch die Integration der ausgewählten Coverversionen — und nähert sich so stellenweise der Vibration von Lukes Album »Candyman«, gleichzeitig wirkt das Album auf eine gewisse Weise wie eine Hommage, beziehungsweise als Lukathers Verbeugung vor den Musikern der klassischen Rockära der Siebziger. An Organik und analoger Klangwärme mangelt es ihm nicht. Ein Meister bleibt ein Meister. Und mit seinem insgesamt achten Solo-Studioalbum bleibt Luke in der Liga der größten Rockgitarristen.
Bewertung: 9.0/10
Trackliste:
1. Along For The Ride
2. Serpent Soul
3. The Low Spark of High Heeled Boys
4. Journey Through
5. Welcome To The Club
6. I Found The Sun Again
7. Run To Me
8. Bridge Of Sighs
Besetzung:
Steve Lukather – Gesang, Gitarre
Joseph Williams – Backing Vocals
David Paich – Keyboards
Jeff Babko – Keyboards
John Pierce – Bassgitarre
Jorgen Carlsson – Bassgitarre
Gregg Bissonette – Schlagzeug
Ringo Starr – Schlagzeug auf Track Nr. 7
