Sátan festival 2026 – zweiter Tag
Freitagvormittag hatte der Sátan einen der interessanteren Vorträge zu bieten, für den das Kollektiv Nornabrunnur (Giorgia Sottotetti und Kári Pálsson, seines Zeichens auch Mitglied der heimischen Black/Viking-Metaller Fortið) sorgte, das Veranstaltungen zu isländischen Mythen und Legenden organisiert und Bücher zu dieser Thematik herausgibt. Sowohl Giorgia als auch Kári haben einen Magister auf dem Gebiet der altnordischen Studien und Religionen; diesmal präsentierten sie ein kürzlich entdecktes Zauberbuch, Hexekver, das 1859 vom isländischen Bauern Þorsteinn Guðmunsson verfasst wurde. Außerdem gab es die Möglichkeit, das originale Büchlein zu besichtigen, das so groß ist wie ein Päckchen Spielkarten. Im Video unten kannst du im isländischen Original und in englischer Übersetzung z. B. hören, wie ein Zauber gegen einen Dieb klingt — außerdem präsentierten Giorgia und Kári Zauber gegen Polarfüchse, die Bauern das Vieh stahlen, bis hin zu Zaubern für Peniswachstum (so eine Art Wikinger-Viagra also).
Außerdem war eine Gitarrenklinik mit Haukur von Múr zu sehen (mehr zu ihnen später, da sie noch am selben Tag spielten), und interessant war auch eine Debatte darüber, wie die isländische Landschaft die Musik beeinflusst, an der Josh Rood (Nexion), Viktor (Forsmán) und Komponist Gísli Gunnarsson (bekannt z. B. durch seine Zusammenarbeit mit Alcest) teilnahmen. Auf Letzteren hat die isländische Landschaft ganz direkt und brutal eingewirkt, denn er lebte in der Kleinstadt Grindavik, deren Bewohner aufgrund der Vulkanausbrüche, die sich auf der Reykjanes-Halbinsel seit 2021 häufen, evakuiert wurden, und die meisten sind infolgedessen bis heute nicht zurückgekehrt. Die letzte Debatte des Tages drehte sich um Merchandise, und ich konnte als Vertreter des Tolminator zu diesem Thema auch selbst meinen Senf dazugeben.
Musikalisch begann der zweite Tag mit Barnaveiki aus Reykjavik, dem zweiten Band von Gústaf Evensen (Bass) und Magnús Skúlason (Schlagzeug) aus Misthyrming. Live werden sie an den Gitarren von ihren Kollegen aus der Stammband unterstützt, Dagur und Tómas. Während Gústaf bei Misthyrming neben dem Bassspielen bereits starke Backing Vocals beisteuert, tritt er bei Barnaveiki mit dem Lead-Gesang in den Vordergrund, der weitaus brutaler und gutturaler ist als bei Misthyrming. Barnaveiki spielen nämlich primitiven und dreckigen Death Metal, genre-technisch nah am finnischen Death Metal. Bei Barnaveiki gibt es also keinerlei schöne Melodien, nur Wut und Zorn, der klanglich und vokal aus den tiefsten isländischen Höhlen kommt. Trotz schlechterem Sound und technischen Problemen ein super Auftakt zum zweiten Tag!
Der zweite Tag des Sátan war fast vollständig in isländischen Farben gehalten, denn die ausländischen Acts waren lediglich zwei, obwohl ausgerechnet die nächsten Performer die leider ausgefallenen Nachbarn von den Färöer-Inseln, Hamferð, ersetzten. Die Heimfarben vertraten als Zweite die Stoner/Sludge-Metaller Sleeping Giant, die dieses Jahr ihren Studio-Erstling The Beauty of Obliteration veröffentlicht haben und ihn (wenn ich mich nicht irre) in seiner Gesamtheit spielten. The Beauty of Obliteration ist kurz und knackig, gute eine halbe Stunde lang, und so waren auch Sleeping Giant. Die Gitarrenriffs aus den Fingern gleich dreier Gitarristen klangen massiv und rollten langsam wie isländische Gletscher dahin. Obwohl Sleeping Giant als Stoner/Sludge-Band »vermarktet« werden, können sie auch ordentlich aufs Tempo drücken, und dann klingen sie sogar nah am Death ’n‘ Roll der späteren Entombed. Ein gutes Beispiel war der knackigste Track, der weniger als dreiminütige Venom Ripper, Gorgon Blaster. Hat überzeugt.
Die ersten beiden Bands sind damit ein schöner Beweis, dass die isländische Metalszene nicht nur Black Metal kennt, obwohl sie — Hand aufs Herz — genau in diesem Genre die Nase vorne hat, das sich aufgrund seines hohen Qualitätsniveaus und seiner Eigenständigkeit bereits einen Status à la Swedish Death Metal erarbeitet hat. Eines der Paradebeispiele für die Qualität des isländischen Black Metal sind auch Nexion, die letztes Jahr ihr zweites Studioalbum Sundrung veröffentlicht haben — meiner Meinung nach das Album des Jahres 2025. Der Black Metal von Nexion ist nämlich genre-technisch vielseitig (vor allem die Death-Metal-Einflüsse sind offensichtlich), voller exzellenter Riffs, die sich tief ins Ohr einschleichen und dort bleiben, und vor allem wird er durch die erstklassige, vielseitige und ziemlich einzigartige Vokalperformance von Josh Rood bereichert. Er hat die Texte nämlich nicht nur roh herausgebrüllt, sondern ein breites Spektrum vokaler Könnerschaft gezeigt — vom Death-Metal-Growl (der stellenweise an Ulcerate erinnert) über gesprochenes Wort und Clean Vocals bis hin zu Kehlgesang —, was live schlicht hervorragend wirkte und Nexion live einer rituellen Erfahrung annähert, besonders wenn Gitarrist Óskar noch Backing Vocals hinzufügt. Er bewies zusammen mit Jóhannes durch vielseitiges und geschicktes duales Tremolo-Riffing und Soli, dass Nexion gitarrentechnisch eine echte Bestie sind, und insgesamt klang die Band beim Sátan mit Tracks wie Gandr, Hymn of the Valkyrjur und Rending the Black Earth massiv, mächtig und
Gavin Portland waren ein weiterer Beweis für die Vielfalt der isländischen Musikszene — es handelt sich dabei nämlich um kultische heimische Punks/Hardcorer, die schon seit mehr als zwanzig Jahren existieren. Von ihnen hatte ich vor dem Sátan keine Ahnung, aber live überzeugten sie mit kurzen, schnellen und druckvollen Tracks, denen die apokalyptischen Schreie von Sänger Kolli den Ton angeben. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war das ihr »Come-back«-Konzert, da sie längere Zeit nicht aktiv waren — ihre letzte Platte, IV – Hand in Hand With Traitors, Back to Back With Whores, erschien ohnehin bereits 2010. Fans von echtem HC kann ich Gavin Portland ohne Vorbehalte empfehlen.
Mit den französischen Necrowretch verlangsamte sich der Aufwärtstrend ein kleines bisschen. Während ihre neueste Platte Swords of Dajjal ein ziemlich ordentliches Stück klassischen Black/Death Metal ist, konnten sie live nicht wirklich überzeugen. Das Ganze klang nämlich ziemlich eintönig und gegen Ende repetitiv. Dem Auftritt der Franzosen ist zwar nichts vorzuwerfen, denn sie haben ihre Arbeit so erledigt, wie man es von einer Band ihres Niveaus erwartet, für die Annalen war ihr Auftritt aber auch nicht.
Das Sprichwort, dass man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen soll, ließe sich leicht auch auf die großen Hoffnungen des isländischen Metals, Múr, übertragen; schaut man sich das Cover ihres gleichnamigen Erstlings an, könnte man schnell meinen, es handle sich um irgendwelchen Indie Rock. Mitnichten — Múr vereinen nämlich die besten Teile von Bands wie Gojira, The Ocean, Devin Townsend, Meshuggah und Opeth, fügen dem Ganzen aber einen so einzigartigen Ansatz hinzu, dass man die Einflüsse anderer Bands wie eine Nadel im Heuhaufen suchen muss. Angesichts des außergewöhnlich starken Erstlings hatte ich von den Jungs live viel erwartet, aber sie haben mich bereits in den allerersten Momenten des Auftritts komplett umgehauen, als auf der abgedunkelten Bühne in der Mitte nur Sänger Kári Haraldsson unter dem Schein einer einzigen weißen Lampe stand und auf dem »Keytar« (wenn ich sehe, dass eine Band dieses Instrument hat, läuft mir normalerweise ein Schauer den Rücken runter, aber glaubt mir, bei Múr funktioniert es absolut perfekt) einen langen, atmosphärischen Intro spielte, der gleichzeitig wunderschön und unheilvoll wirkte. Zu Kári gesellten sich die restlichen Mitglieder in uniformen schwarzen Tuniken (nur der Schlagzeuger drosch tierisch mit nacktem Oberkörper) und lieferten einen beeindruckenden, wirkungsvollen und bis ins letzte Detail — aber keineswegs so sehr, dass er künstlich gewirkt hätte — einstudierten Auftritt. Beherrscht wurde er von Káris unglaublichem Gesang, der hier auch mal ordentlich growlen kann, ansonsten aber mit fast wunderschönem Clean-Gesang einzelne Verse opernhaft lang auszieht, während sein Erscheinungsbild mit langen Haaren und ausladenden Gesten wirkt, als wäre er der Anführer irgendeines Kults. Die Bandmitglieder sind noch nicht einmal 30 Jahre alt, beherrschen die Bühne aber bis ins letzte Detail — instrumentell waren sie erstklassig (besonders zu erwähnen ist Haukurs makelloses Solospiel) —, und musikalisch klingen sie so reif, dass man nie sagen würde, dass sie erst ein Album hinter sich haben. Das i-Tüpfelchen des Auftritts bildeten psychedelische Projektionen und ein wirkungsvoller Lichteinsatz, die Múrs Show abrundeten — wohl zum besten Auftritt des Sátan 2026. Mit etwas Glück und den richtigen Schritten können Múr das nächste große Ding im Metal werden, und ich kann euch nur wärmstens empfehlen, sie diesen Herbst auf der Tour mit Oranssi Pazuzu zu checken (die uns am nächsten gelegene Station macht am 31.10. in Wien halt)
Von den belgischen (na ja, heute besser gesagt internationalen) Veteranen Aborted weiß man genau, was man von ihnen erwarten kann, und nichts weniger und nichts mehr als das haben sie beim Sátan abgeliefert. Ihr Auftritt auf dem isländischen Festival ist eigentlich keine große Überraschung, denn sie haben seit einigen Jahren einen Isländer in ihrer Besetzung, Gitarrist Daníel Máni Konráðsson (Ophidian I, Une Misère). Aborted sind eine erfahrene Band mit langer Laufleistung, und das merkt man auf der Bühne mehr als deutlich — sie sind perfekt aufeinander eingespielt, und alles läuft wie am Schnürchen (einschließlich Svens flacher Witze). Ein Auftritt, wie er sein soll, und tiefer Respekt an Sven dafür, dass er diese Band als einziges verbliebenes Gründungsmitglied gnadenlos und ohne Pause schon seit 1995 am Laufen hält!
Die Ehre, den zweiten Tag zu beschließen, fiel den heimischen Sign zu, die als eine der größeren einheimischen Rockbands gelten (eine Art isländische Siddharta), deren Gründer Ragnar Zoltan auch jenseits der isländischen Grenzen bekannt ist, da er einige Jahre bei den schwedischen Progressive-Rockern Pain of Salvation spielte.














