BEAT auf den Spuren von King Crimson der Achtziger entfachten Prag (2026)

foto: EDITA KLEMEN 2026
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BEAT
Donnerstag, 18. 6. 2026, von 20.00 Uhr bis 22.15 Uhr
Prag // Universum O2 Arena // Tschechische Republik


King Crimson spielten ihre letzten europäischen Konzerte nach der Reaktivierung 2015 im Sommer 2019. Unser letztes Treffen (von insgesamt vier) mit dieser eklektischen Prog-/Art-Rock-Band bleibt nicht nur wegen der musikalisch-darstellerischen Genialität dieser Formation unvergesslich, sondern vor allem wegen eines heftigen Regengusses, der das Konzert in Palmanova beinahe weggespült hätte. Der Regen erstreckte sich bis in die Spielzeit hinein, hörte aber irgendwann gegen elf Uhr nachts auf, sodass Fripp und seine Mitstreiter doch noch die Bühne betraten und uns zumindest 45 Minuten Konzert spielten.

Die ganze Zeit hatte Adrian Belew gehofft, dass Fripp ihn für diese King Crimson-Konzerte einladen würde – doch das geschah nicht. Die Crimsons spielten ohnehin nur Repertoire aus den Siebzigern. Kein einziger Song, der in den Achtzigern bis hin zum letzten King Crimson-Album „Power To Believe“ von 2003 entstanden ist, stand auf dem Programm – was bedeutet, dass Fripp Belew in der Besetzung schlicht nicht gebraucht hat. So kam Ade auf die Idee, eine Supergroup namens BEAT zu gründen, deren Grundidee das Spielen von King Crimson-Material aus den Achtzigern ist. Das sind jene kultigen drei King Crimson-Alben: das rote, das blaue und das gelbe. Fripp und Bruford waren schlicht nicht zu haben – was kaum überrascht –, doch Belews King Crimson-Weggefährte aus den Achtzigern, Tony Levin, stieß dazu; er spielte u.a. auch bei allen Crimson-Konzerten zwischen 2015 und 2019. Also war die Hälfte der King Crimson-Besetzung der Alben „Discipline“, „Beat“ (nach dem die Band ihren Namen trägt) und „Three Of A Perfect Pair“ versammelt. Ade brauchte noch einen ausreichend unverschämt guten Schlagzeuger, der alles Mögliche – und auch Unmögliche – weghauen kann. Den fand er im Tool-Großmeister Danny Carey. So blieb nur noch die Frage, wer die Gitarre übernimmt, die in den Achtzigern auf den King Crimson-Alben natürlich Robert Fripp gespielt hat. Steve Vai. Die Wahl überrascht nicht, und zum Glück war Steve Vai, der bis über beide Ohren mit Arbeit eingedeckt ist, verfügbar, willens und daran interessiert, dem Quartett beizutreten. Die Supergroup war geboren. Eine Supergroup, die jederzeit und natürlich alles ‚liefern‘ kann. Eine Supergroup, die nicht enttäuschen kann. Allenfalls schockieren und verzaubern.

Nach ausgiebigem Touren auf dem nordamerikanischen Kontinent haben sich BEAT endlich auch auf ihre erste richtige Europatournee begeben. Die Konzertserie führt sie sogar ins Friaul (Udine) und nach Kroatien (Zagreb). Was gibt es Schöneres für einen King Crimson-Fan aus unserer Region. Doch Urlaub in Tschechien beeinflusst die ein oder andere Terminanpassung, auch was unser Medium betrifft. Das Schicksal wollte es, dass wir das BEAT-Konzert mitten im Prager Urlaub abfangen konnten und so einen ersten Einblick bekamen, was BEAT live tatsächlich auf den Tisch bringen. Vor allem dann, wenn man das Live-Album, das BEAT letztes Jahr in den USA aufgenommen haben, noch gar nicht gehört hat.

Es ist acht Uhr abends. Das O2 Universum ist brechend voll. Ausverkauft bis auf den letzten Platz. 5.000 Menschen! Fünf Minuten nach acht erscheinen BEAT von rechts (aus Zuschauerperspektive) auf der Bühne. Außer Danny Carey sind alle im gleichen Konfektionsstil gekleidet, den King Crimson in der Ära der oben genannten drei Alben trugen. Vai hatte sich zudem noch einen Hut zugelegt, der an den erinnerte, mit dem er am 13. 11. 2012 auf der damaligen „The Story Of Light“-Tour Ljubljana besuchte. Das war (bislang) leider auch der letzte Besuch Sloweniens durch Steve Vai.

Die Band stürmte in das exzentrische Neurotica. Beim ersten Song war der Sound nicht richtig ausgewogen. Ades Gitarre dominierte das Klangbild. Sie war viel zu laut, doch das wurde schnell behoben. Von da an kann ich nur eines sagen. Atemraubende Perfektion auf den Spuren des musikalischen Erbes der King Crimson der Achtziger. Zwei zugänglichere Songs vom Album „Beat“ – das eröffnende Neal, Jack And Me und danach Heartbeat, das kommerziellen Erfolg hätte bringen sollen, aber bis heute eine übersehene Single geblieben ist – lieferten eine entspanntere Fortsetzung, dann folgte der erste der ‚giftigen‘ Improvisations-Höhepunkte, die einen bei solchen Konzerten mit offenem Mund dastehen lassen: Sartori In Tangier. Es folgte Adrians Ansprache, in der er dem Publikum erklärte, dass King Crimson nach dem Erscheinen von „Three Of A Perfect Pair“ kaum noch live aufgetreten sind und daher ein beachtlicher Teil der Songs dieses Albums nie live gespielt wurde. Also machten sich BEAT zunächst an das ‚hübschere‘ Man With An Open Heart, dem das experimentell besonders gefährliche Industry folgte, und dann Dig Me, das Konzert führte dann ins Finale des ersten Teils mit dem abschließenden Stück dieses Albums, Lark’s Tongues In Aspic (pt. III). BEAT spielten also quasi die gesamte B-Seite des besagten Albums. Die B-Seite, die das genaue Gegenteil der A-Seite ist. Sprich: eine außergewöhnliche experimentelle Messe, mit der King Crimson einst die musikalische Normalität aufbrachen, den Konformismus mit Feuer und Schwert austrieben und mit Visionarismus auch in den Achtzigern viele noch unentdeckte Horizonte erschlossen.

Ade bot eine ausgezeichnete Gesangsform auf. Sein vokaler Exzentrizmus ist seit jeher etwas ganz Besonderes und kaum Vergleichbares. Vielleicht ist David Byrne der einzige vergleichbare Name in dieser Hinsicht – den wir am selben Veranstaltungsort einen Tag zuvor gesehen hatten. Es überrascht nicht, dass King Crimson ihre musikalische Natur der Achtziger auch unter dem entschiedenen Einfluss von Talking Heads entwickelten, mit denen Ade zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Karriere sogar zusammengearbeitet hat. Ade ist ein absoluter musikalischer Sonderling. Er war bei Bowie dabei, auch bei Zappa, wo er eine wichtige Rolle auf dem Album „Sheik Yerbouti“ spielte und mit Zappa auf Tournee ging. Seine Imitation von Bob Dylan im Song Flakes ist bis heute eines der luzidesten Dinge, die die Musikwelt je geliefert hat. Und da ist noch der andere Zappa-Mitstreiter – Steve Vai natürlich. Vai agierte diesmal oft abseits des Rampenlichts, und diese untergeordnete Rolle sind wir von ihm schlicht nicht gewohnt (nun, auch Fripp nahm auf seinem Barhocker in den Achtzigern eine Position mit weniger Scheinwerfern ein). Im Mittelpunkt stand Ade mit seinem außergewöhnlichen vokalen Chamäleonismus und dem entfesselten Gitarrenspiel sowie einem unglaublich eigenwilligen und schwer beschreibbaren Sinn für Improvisation. Tony Levin griff neben dem Chapman Stick mehrmals zu jenen verlängerten Stäbchen an den Fingern der rechten Hand. Genau das, was er auf den King Crimson-Touren und auch im Studio gemacht hat – und er spielte exakt dieselben Bassgitarren wie bei King Crimson in den Achtzigern (und auch danach). Tony spielte den Bass auch über Synthesizer und sorgte gemeinsam mit Carey für zusätzliche Vocals. Der Sound war außergewöhnlich, mächtig, einmalig und unwiederholbar. Die Neuinterpretation der King Crimson-Klassiker löste Salven von Ovationen und außergewöhnlicher Begeisterung in der Halle aus.

Die Show enthält eine 15-minütige Pause. Die Jungs ziehen sich um, und das Konzert eröffnet das Schlagzeug-Duo Carey/Belew mit einer Stimmung und einem harmonisierten Klang, der an den Einsatz einer Kalimba erinnert. Es war Waiting Man in erweiterter Formation, und Ade nutzte den Teil des Textes, der das Wörtchen „Hello“ enthält, natürlich entschlossen für einen (weiteren herzlichen) Gruß ans Publikum. Der zweite Teil war in musikalisch-kompositorischer Hinsicht leichter zugänglich. Nach Waiting Man machte sich die Band an eine bravouröse Interpretation des atmosphärischen Sheltering Sky. Den Song, der eigentlich auf zwei Akkorden basiert, dehnten sie in eine außergewöhnliche Leidenschaft aus, die wie ein spirituelles Mantra wirkte – darin begeisterten besonders Steve Vai und Danny Carey mit ihren ‚Füllern‘. Bravourös. Dann aber die Stampede, die am sehnlichsten erwartet wurde. Sleepless! Was für ein Beat und eine Rhythmik! Losgelöst und perfekt. Ein Song, von dem man nie genug bekommt. Man könnte ihn in alle Ewigkeit hören, und dahinter das einzigartige Frame By Frame, wo Vai gegenüber Fripp sogar ‚geschummelt‘ hat. Fripp spielt in diesem Song nämlich alle Parts auf der Gitarre mit der rechten Hand (klassisches Picking), während Vai sich hier mit Tapping behalf. Das Motiv ist nämlich unglaublich schnell – und Fripp ist, wie wir wissen, schlicht ein wahnsinnig besonderer Gitarrist! Da ist dann die zarte, fragile ‚hawaiianische‘ Ballade Matte Kudasai, die in der Setlist nicht fehlen durfte und die all die progressive Gezacktheit des bisherigen Ablaufs beruhigt. Und wieder ein aufgedrehteres Weitertreiben mit Elephant Talk (das Elefanten-Motiv der Band stammt aus diesem Song), wo Ade mit Gitarreneffekten das Trompeten der Elefanten imitiert, und dahinter Three of A Perfect Pair! Es folgt das experimentelle Indiscipline, wo sich der Song in vollstem herausfordernden Exzentrizmus bricht, abgeschlossen durch Adrians finalen Ausruf „And I like it!“, und die Band verabschiedet sich von der Bühne.

Im Encore sagt Adrian: „Ohne zwei Musiker würde das, was wir heute hier machen, sicher nicht existieren. Einer ist Robert Fripp, der andere Bill Bruford. Dieser hier ist für Robert.“ Die Band startet eine Überraschung – jenen King Crimson-Song der Siebziger, der diese Ära der Band auch abschloss. Red! Ein Song mit einem Motiv, das auch auf der Gitarre für jeden zugänglich ist (zugänglich mit ein bisschen ‚Können‘ natürlich). Das Publikum strömte aus seinen Sitzen vor die Bühne. Die Leute konnten schon lange nicht mehr stillsitzen. Und da ist das Finale mit Thela Hun Ginjeet! Noch ein weggehauener „Discipline“-Klassiker, der bei solchen Shows nicht fehlen darf!

Superlative. Es gibt nicht genug davon. Die Truppe kommt aus einer anderen Galaxie, und das muss man sich einfach ansehen. (Über)pflicht. Ob King Crimson-Fan oder nicht. Jeder, der musikalisches Feinschmeckertum schätzt, muss so eine Konzertshow unbedingt erleben. Danny Carey 65 Jahre alt, Steve Vai 66 Jahre alt, Adrian Belew 76 Jahre alt und Tony Levin – man höre und staune – 80 Jahre alt. Wie bitte? Hallo? Und ja. Das ist das unantastbare musikalische Erbe der Größten, das (und glaubwürdig nur so) die Größten anfassen können. Deshalb sind BEAT hier. Und die Geschichte hat noch kein Ende. Wenn die Truppe Lust hat weiterzumachen, warten die Alben „Thrak“, „ConstruKction of Light“ und „Power To Believe“, sowie noch das ein oder andere Stückchen aus der King Crimson-Geschichte der Achtziger! Hoffen wir, dass das auch passieren wird!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotografien: Edita Klemen

BEAT – setlist:
erster Teil
1. Neurotica
2. Neal and Jack and Me
3. Heartbeat
4. Sartori in Tangier
5. Model Man
6. Dig Me
7. Man With an Open Heart
8. Industry
9. Larks‘ Tongues in Aspic (Part III)
zweiter Teil
10. Waiting Man
11. The Sheltering Sky
12. Sleepless
13. Frame by Frame
14. Matte Kudasai
15. Elephant Talk
16. Three of a Perfect Pair
17. Indiscipline
—Zugabe—
18. Red
19. Thela Hun Ginjeet


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