Smith/Kotzen: Smith/Kotzen
Label: BMG
Erscheinungsdatum: 26. 3. 2021
Produktion: Riche Kotzen & Adrian Smith
Albumlänge: 47.19 min
Genre: Hard Rock
Bewertung: 9.0/10
Ein Album wie dieses »Smith / Kotzen« ist für alle, die gute Rockmusik lieben, immer wieder eine ganz besondere Delikatesse. Man weiß, dass man aus solchen musikalischen Abenteuern eine Menge mitnehmen kann. Man wird reicher um ein neues musikalisches Erlebnis — genauso wie die Musiker selbst, die sich auf ein solches Abenteuer einlassen. Man hätte nie gedacht, dass zwei Musiker aus derart unterschiedlichen musikalischen Welten jemals ihre Kräfte für ein gemeinsames Album bündeln würden. Adrian Smith, der Brite, den der gesamte Planet als Gitarristen der Metal-Giganten Iron Maiden kennt, und auf der anderen Seite der Amerikaner Richie Kotzen, der neben einer außergewöhnlichen Musikerkarriere seinerzeit den Stolz von Poison und Mr. Big rettete, der Schöpfer einer beeindruckenden Solokarriere ist und mit seiner schier grenzenlosen musikalischen Vielseitigkeit auch bei den hochgezüchteten Fusionisten namens The Winery Dogs zuhause ist.
Das Album wurde auf der Insel Providenciales aufgenommen, die Teil des Archipels Turks and Caicos ist. Dieses Archipel liegt zwischen der Dominikanischen Republik, Kuba und den Bahamas. Produziert haben das Album Richie und Adrian, für Mix und Mastering sorgte Kevin »Caveman« Shirley. Beide Musiker steuerten sowohl Leadgesang als auch Gitarren und Bassgitarren bei. Fünf Tracks hat Kotzen persönlich eingetrommelt, während bei Solar Fire Adrians Iron Maiden-Kollege Nicko McBrain die Drums übernahm. Der zweite Gastmusiker ist Kotzens Schlagzeuger Tal Bergman, der die Drums für You Don’t Know Me, I Wanna Stay und ‚Til Tomorrow einspielte.
Also? Das Album ist eine Art Schnittpunkt zweier musikalischer Welten, die eine Plattform für eine neue musikalische Geschichte schaffen. Diese wiederum weckt genug Interesse, um auch anspruchsvollere Hartrock-Fans zum Erkunden einzuladen. Ja, in erster Linie handelt es sich um ein Hard-Rock-Album, das einen außerordentlich vollen und fetten Sound besitzt, was die Riff-Wand betrifft, gleichzeitig aber auch an manchen Stellen mit bluesiger Würze und funky rhythmischer Kinetik aufwartet. Smith schöpft auf diesem Album tatsächlich frei aus dem Vollen und macht Musik, die ihm bei Iron Maiden quasi »verboten« ist. Man schaue sich nur den Track Scars an. Der öffnet sich — interessanterweise — in einer Akkordfolge, die melodisch den Einstieg des Black Sabbath-Klassikers Anno Mundi (Album „Tyr“ (1990), Rockline Rezension) heraufbeschwört — ansonsten aber ist es von Kopf bis Fuß ein waschechter, mitteltempiger Blues-Rocker mit düsterem Charakter, in dem Adrian einmal mehr beweist, dass er auf diesem Album auch vokalich eine gute Figur macht.
In den Refrains übernimmt auf dem Album größtenteils Kotzen die Führung, der stimmlich technisch deutlich stärker ist als Smith — aber nicht zwingend. Die Refrains werden als Duette gesungen, die im Kontrast zueinander sehr überzeugend zünden. Der Albumeinstieg basiert auf zwei packenden Angriffsstücken: Taking My Chances und direkt danach Running. Ersteres trägt eine Eröffnungsphrase, die in einem anderen Studiokontext Bruce Dickinson bei der Entstehung des Albums »Chemical Wedding« (1998, Rockline Rezension) mühelos hätte adoptieren können. Aber das ist nur der Einstieg, denn die zwei Herren bringen die Dinge ziemlich schnell auf den Punkt. Taking My Chances ist nämlich ein funkig-grooviger Hard Rocker, in dem sich beide Musiker die Gesangslinien gekonnt zuspielen. Interessant ist die Mid-Eight-Passage, in der Kotzen — vor allem dank der sprunghaften rhythmischen Strukturen (Basslinien) — sogar etwas The Winery Dogs-Magie heraufzubeschwören vermag, was ohne Sheehan und Portnoy kaum vorstellbar scheint. Die erste Strophe singt Kotzen, die zweite Smith, im Refrain sind sie gemeinsam (Duett). Die Kompatibilität ist da, und die Stimmen stützen einander auf angenehme Weise. Man ahnt es bereits: Trotz des relativ vorhersehbaren Songwriting-Formats gelingt es dem Album, gerade dank der musikalischen Eigenheiten beider Schöpfer, durchgehend mit einer angenehmen Note an Eklektizismus anzusprechen — und das garantiert durchweg attraktives Hören. Running festigt dieses Gefühl im weiteren Albumverlauf. Wenn Taking My Chances eher Smiths Idee ist, dann ist Running Kotzens Song — der aber interessanterweise sogar noch mehr Refrain-Appeal mitbringt als der Opener und auch eine höhere Dosis funky Kinetik liefert. Das in klassische Rock’n’Roll-Gewässer gesteuerte (Kotzensche) Sturmlied Solar Fire, bei dem auch Nicko McBrain hinter dem Schlagzeug explodiert, ist der lebendigste Punkt des Albums und sorgt mit hochoktaniger Spannung für eine enorme dynamische Abwechslung.
Neun Tracks entfalten eine außergewöhnliche Vielfalt. Höhepunkte sind schwer auszumachen, denn beide Kumpel schaffen einen außerordentlich kompatiblen Dialog und eine gegenseitige Ergänzung im konzeptionellen und spielerischen Geflecht. Es kommt drauf an, welcher Typ man ist. Wer eine packende Atmosphäre sucht, wird mit den (Smithschen) Tracks Scars, You Don’t Know Me (ein balladesker »Happen«, den Bruce Dickinson auf einem seiner Soloalben nicht verschmähen würde) und vor allem dem abschließenden ‚Til Tomorrow fündig. Alle drei Tracks sind von düsterer Natur, entfalten dabei aber außerordentliche Musikalität in einer klaren Haltung aus Melancholie und unausgesungenen Schmerz.
Aber nicht zu viel Philosophieren. Die Worte gehen einem schnell aus — oder sie werden angesichts der Magie solchen Könnens schlicht überflüssig. Das ist ein Album mit einem außergewöhnlichen »Flow«, einem außergewöhnlichen »Drive« — wenn man so will. Ein organischer, lebendiger und saftiger Tritt. Mit den Gitarrenfingern ständig am Abzug. »Smith/Kotzen« ist ein sehr dynamisches Werk und dreht sich im Nu um die eigene Achse. Gleichzeitig ist es auch musikalisch außerordentlich packend. Die Fusion zweier musikalischer Welten ist effektiv umgesetzt. Sie entfaltet eine große Kompatibilität und Harmonie der Schöpfer dieser musikalischen Geschichte. Das gilt auch für die Gitarrensoli, mit denen beide Musiker die Tracks des Albums überhäufen. Smith fasziniert erneut mit seiner außergewöhnlich feinfühligen Fähigkeit, Noten und Töne so einzubinden, dass er innerhalb der Soli eine außerordentliche musikalische Anziehungskraft aufrecht erhält und weiterentwickelt — eine Qualität, die er von jeher auch zu Iron Maiden mitgebracht hat. Auf dem »Smith/Kotzen«-Album aber präsentiert sich Adrian auch in Blues-Gefilden, was ihm ausgezeichnet steht. Das sehnsuchtsvolle I Wanna Stay — ein Song über die unvermeidliche Trennung zweier Menschen, denen es nicht vergönnt war, ihre gegenseitige Liebe vollständig auszuleben — ist nur einer jener Momente, in denen »Smiths Blues« intensiviert wird. Beide Musiker gehen in den Songs mit völlig unterschiedlichem Solospiel und spürbar verschiedener Solotechnik ans Werk. Kotzen spielt mit dem Plektrum. Allein dadurch haben seine Soli einen anschaulich anderen Charakter, und es steckt deutlich mehr Blues-Symbolik bzw. eingefangene »Spannung des Blues-Theaters« in ihnen. Das Schwelgen in Soli und der schmückenden (harmonischen) Würze der Leitmelodien ist ein Abenteuer für sich und definitiv eine der größten Attraktionen, Qualitäten und Verlockungen beim Hören dieses Werkes.
»Smith/Kotzen« ist ein Album voller Energie und mit dem Vorzeichen der Eklektik. Letztere wird garantiert durch das kompatible Gespann zweier Musiker, die aus deutlich unterschiedlichen musikalischen Umfeldern stammen. Das Album hat seinen grundlegenden Brennpunkt im Hard Rock, hängt aber im expressiven Sinne an die Grundphrasen Elemente des Blues und des traditionellen R&B an. Gelegentlich schleicht sich auch ein Unterton von Funk ein, und den (polierten, klar gemeißelten) Charakter bzw. die Aura des Werkes rundet die verinnerlichte Vibration der klassischen Rockschule der Siebziger ab, die im Blut beider Akteure fließt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Taking My Chances
2. Running
3. Scars
4. Some People
5. Glory Road
6. Solar Fire
7. You Don’t Know Me
8. I Wanna Stay
9. ‚Til Tomorrow
Besetzung:
Adrian Smith – Gesang, Gitarre, Bassgitarre, Hintergrundgesang
Richie Kotzen – Gesang, Gitarre, Bassgitarre, Hintergrundgesang
Gastmusiker:
Nicko McBrain – Schlagzeug auf Track Nr. 6
Tal Bergman – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 7, 8 und 9
