Joseph Williams: Denizen Tenant
Label: The Players Club/Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 26. 2. 2021
Produktion: Joseph Williams
Albumlänge: 50.23 min
Genre: Art Rock / Art Pop
Bewertung: 8.5/10
Joseph Williams braucht keine große Vorstellung. Als Sohn des renommierten Filmkomponisten John Williams schrieb er sich in der zweiten Hälfte der Achtziger vor allem als Mitglied der amerikanischen Art-Rock-Größen Toto in die Geschichte des unvergesslichen Rock-Gesangs ein — zu denen er 2010 zurückkehrte und bei denen er auch nach der Reaktivierung 2020 geblieben ist. In der Zeit, in der die äußerst verwickelten Toto-Verhältnisse sich langsam entknoteten, arbeitete er vor allem intensiv mit Steve Lukather zusammen. Statt Material für ein neues Toto-Album entstanden dabei auf beiden Seiten so viele neue Songs, dass sie sich entschieden, gleichzeitig jeweils ihr eigenes Soloalbum zu veröffentlichen.
Während die Rezension von Lukathers neuem Soloalbum »I Found A Sun Again« noch folgt, nehmen wir zunächst das unter die Lupe, das sich künstlerisch klarer der Pop-Rhetorik annähert. Joseph Williams trägt einen starken, ausgeprägten Vokalcharakter mit unverkennbaren Soul-Federn, der wie geschaffen ist für ein Umfeld aus Pop, (Kabarett-)Chanson und ohrenschmeichelnden Jazz-Variationen. Wer Toto kennt, weiß: Das ist eine Band, die seit jeher alle Genres spielen und sie mit unglaublicher Finesse fusionieren konnte — eingebettet in eine ganz eigene, gewachsene musikalisch-künstlerische Kultur. »Denizen Tenant« ist zweifellos in erster Linie ein durch und durch persönliches Album von Joseph Williams. An seiner Seite findet sich eine Reihe erstklassiger Musiker — die große Mehrheit alte musikalische Weggefährten von Williams —, die ihn durch seine Karriere begleiten. Allen voran die Mitschöpfer der Toto-Geschichte: Steve Lukather, David Paich, Simon Phillips, Leland Sklar, Nathan East; aus dem weiteren Umfeld sind besonders der Keyboarder Jeff Babko, Perkussionist Lenny Castro und vor allem der famose Michael Landau hervorzuheben, der ähnlich wie Steve Lukather oder Gitarristen vom Schlag eines Jeff Kollman oder Carl Verheyen als großer Gitarren-Eigenbrötler und Fusion-Guru gilt. Mit solch einer Gesellschaft von Besten unter Besten kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Williams‘ zutiefst sinnliche und durchlebte vokale Soul-Rhetorik gewinnt auf dem Album brillante Vielschichtigkeit und eine breite dynamische Reichweite im Ausdruck. Ein Album also, auf dem sich Pop-, Rock- und Jazz-Rhetorik, aber auch Einflüsse aus Weltmusik, Blues und sogar keltisch-epischem Schwung (Mistress Winter’s Jump) die Hand reichen — bildhaft und kontemplativ zugleich.
Auf dem Album gibt es etliche Momente, die auf irgendeinem Toto-Album zu Hause sein könnten. Das gilt besonders für Remember Her und Liberty Man sowie für Teile des Eröffnungsstücks Never Saw You Coming — während das abschließende, mystische World Broken, das in seiner Melancholie besonders dramatisch wirkt, auch auf dem Toto-Album »Falling in Between« hätte landen können.
Einer der interessantesten Tracks ist das Titelstück des Albums, das mit sprungartigen Rhythmuswechseln aufwartet, einer reizvollen Alternation von Akkordstrukturen und schelmisch eingebauten Tricks der Jazzfeinmechanik, die dem Ganzen sogar etwas Steely Dan-Flair verleihen. Mit Black Dahlia, in der David Paichs Beitrag besonders heraussticht, nähert sich das Album einer Pop-Rhetorik, die auch Michael Jackson mühelos akzeptiert hätte. Beim Thema Pop: Am deutlichsten tritt er auf dem Album in der Ballade Wilma Fingadoux zutage — sowohl in der Produktion als auch im Arrangement. In diesem Stück tritt Williams‘ vokaler Magnetismus ganz besonders hervor, mit all den durchlebten Gefühlen und Leidenschaften, über die ein Vokalinterpret von seinem Format so realistisch verfügt.
Das Album ist farbenreich und ideenmäßig außerordentlich geschickt in Bewegung gehalten. Jeder Track besitzt einen klar herausgearbeiteten Charakter, klangliche und arrangierte Feinheit bis ins Detail, filigrane Fügung kleiner Mosaiksteinchen zu einem mächtig strukturierten Ganzen — das jederzeit frisch, inspiriert, entspannt und zugleich beschwingt anspricht. Ausgeführt mit federnder Leichtigkeit. Dabei reden wir von einer kontinuierlichen Einpflanzung kleiner Meisterwerke großer Musikermeister, die Williams eine breite Piste vollblütiger Vokalexpression bahnen. Ein besonders eigenwilliges Stück ist The Dream, das einen der verspielteren, schwungvolleren und leichteren Momente des Albums liefert und zugleich den verblüffenden Charakter einer versöhnlichen Symbiose zwischen Gesang und dem Instrumentalbeitrag der beteiligten Musiker unter Beweis stellt. Auch das Einfärben mit zusätzlichen Vokalharmonien zündet kontrastreich und evoziert dabei (logischerweise) durchgehend die Vibration der Toto-Besetzung. Williams schafft sich stets viel Raum, um mit seinen Soul-Manövern jede Gesangslinie der Strophen zu verwandeln und ihr melodische Variationen aufzusetzen.
Zwei Coverversionen finden sich auf dem Album. If I Fell, im Original von The Beatles, ist ein Vokalduett mit Lukather — ein streng akustisch angelegter Track, der witzigerweise auf die Kinetik eines Latino-Rhythmus gesetzt wird, was ihm eine faszinierende Note verleiht. Die zweite ist Gabriels Don’t Give Up, die einen ausgeprägten Soul- und sogar Gospel-Anklang bekommt und in der die anspruchsvollen Linien, die im Original Kate Bush gehören, auf höchst faszinierende und überzeugende Weise Williams‘ Tochter Hannah Ruick ausführt. »Denizen Tenant« ist aber an sich mit so starkem Art-Rock-Wert besetzt, dass jedes Cover — so interessant es auch sein mag — letztlich verzichtbar bleibt. Wer Williams‘ Album »Two of Us« (2006) kennt, weiß, dass der Mann schon immer ein Freund von Neubearbeitungen fremder Originale war. Dass auf diesem Soloalbum wieder Cover integriert werden, überrascht deshalb kaum.
Joseph Williams bleibt ein großer und charismatischer Vokalmeister. Das Album besitzt außerordentliche Eingängigkeit, konstante Anziehungskraft, einen ausgeprägten Art-Charakter und eine famose Grenzauflösung beim Zusammenspiel der Genres. Williams‘ vokaler Charme reift also weiter angenehm dahin, und »Denizen Tenant« bestätigt das in vollem Umfang. Ein Album, das keine Halbherzigkeit verträgt — und das „vollständig zugreift“ und bei jeder Rotation begeistert. Es ist das exzellente Endergebnis großen Perfektionismus, fein dosierter klanglicher und kompositorischer Schritte, die aus der Weisheit abgebrühter und reifer Meister ihres Metiers erwachsen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Never Saw You Coming 5:19
2. Liberty Man (4:29)
3. Denizen Tenant (3:26)
4. Wilma Fingadoux (3:43)
5. Black Dahlia (4:34)
6. Don’t Give Up (5:52)
7. The Dream (3:42)
8. Remember Her (4:44)
9. No Lessons (3:48)
10. Mistress Winter’s Jump (3:32)
11. If I Fell (2:33)
12. World Broken (4:41)
Besetzung:
Joseph Williams – Gesang
Gastmusiker:
Jeff Babko, Oscar Bugarin, Lenny Castro, Nathan East, Jay Gruska, Barbara Gruska, Michael Landau, Steve Lukather, Steve Overton, David Paich, Simon Phillips, Dylan Ronan, Hannah Ruick, Leland Sklar, Steve Tavaglione, Weston Wilson, Ray Williams, Mark T. Williams
