Songs Of Experience
Autor: Jernej Vene
Künstler: U2
Label: Island Records
Veröffentlicht: year
Laufzeit: 51:07
Wertung: 3.5/5
In der Popmusik sind nur wenige Bands mehr als dreißig Jahre lang lebendig und aktiv geblieben. The Rolling Stones, The Moody Blues, The Who, Uriah Heep, ZZ Top, Rush, Aerosmith – und dann wird’s schon dünn … Die meisten gehen auseinander wegen Geld oder künstlerischer Differenzen, genauso wie Ehe- und Lebenspartner. Manche gönnen sich längere Auszeiten, um die Batterien aufzuladen und ihren Standpunkt zu überdenken, wie man damals zu sagen pflegte.
Wahrscheinlich haben auch die Mitglieder von U2 vor Jahrzehnten nicht mit einer so langen Karriere gerechnet. Obwohl sie 2017 wieder auf der ganzen Welt aufgetreten sind, Stadien gefüllt und mit einer megalomanen Tournee zum dreißigjährigen Jubiläum des Klassikers The Joshua Tree die Bankkonten aufgestockt haben, boten sie den Fans etwas Neues – besonders nach der flüchtigen Platte Songs Of Innocene von 2014. Damals hat vielleicht weniger die Musik selbst für Aufsehen gesorgt als die Aktion, das Album kostenlos an alle Apple-Telefonbesitzer mit einem Konto in ihrem Online-Musikshop zu schicken – ob die nun darum gebeten hatten oder nicht. Bono und Kompanie haben über die Jahre heftige Kritik einstecken müssen: Sie hätten sich verkauft, hätten nichts mehr zu sagen, würden sich bei Weltpolitikern einschmeicheln, besonders beim Dalai Lama. Na und – vielleicht würde das der ein oder andere von uns auch tun, wenn er die Gelegenheit hätte?
Die lautesten Kritiker sind meistens Leute, die übers Internet an einen Haufen Informationen kommen und diese dann, mangels konstruktiverer Freizeitbeschäftigung, eifrig kommentieren und in der Regel kräftig ablästern. Fast niemand fragt sich auch nur einen Moment lang, wie viel Zeit es braucht, bis ein neuer Text oder neue Musik oder beides entsteht. Wohin geht der Künstler, um Inspiration zu finden, wem vertraut er seine inneren Impulse zuerst an, wie präsentiert er das seinen Mitstreitern? Und das gilt nicht nur für U2 – alle, die schaffen und erschaffen, stecken da drin, nur ist es für sie ein bisschen leichter, weil sie schon lange finanziell unabhängig sind. Trotzdem haben sie es geschafft, eine schöne, angenehme Platte zu machen. Mit prall gefüllten Taschen ist das leichter – aber dennoch.
Können Bono und seine Freunde die Zuhörer davon überzeugen, ihnen zu glauben, wenn sie von universellem Weltfrieden und Liebe singen – meinen sie wirklich ernst, was sie da predigen? In den letzten Jahren hat sich die syrische Tragödie ausgeweitet, und kein normaler Mensch kann sagen, dass ihn die schrecklichen Nachrichten von dort kaltlassen. Das Böse kennt im Laufe der Geschichte keine Grenzen. Ob U2 mit ihrer Stellung irgendetwas verändern können – ich bezweifle es, sie versuchen es schließlich schon seit mindestens fünfundzwanzig Jahren.
Die Neunziger waren für U2 die Jahre der Experimente, vor allem Zooropa und Pop. Das Album All That You Can’t Leave Behind brachte sie zur alten Form zurück, How to Dismantle An Atomic Bomb führte das fort, No Line On The Horizon und Songs Of Innocence waren etwas blass. Auch Songs Of Experience bringt einige Tracks mit, die des Bandnamens würdig sind. Dazu zählen You’re The Best Thing About Me, Get Out Of Your Way, Summer Of Love und Blackout. Gemeinsam mit dem Vorgängeralbum haben sich U2 an die gleichnamigen Gedichtsammlungen William Blakes angelehnt. Dabei ist das Ganze nicht dunkel und traurig – der Großteil der Platte ist ziemlich fröhlich und hell. Produktionstechnisch haben sie sich einem alten Weggefährten anvertraut, Meister Steve Lillywhite, sowie Ryan Tedder, dem Chef von OneRepublic, der für modernere Sounds gesorgt hat. Genau bei diesen zeitgemäßeren Ansätzen geht aber manchmal der natürliche Sound von The Edges Gitarre verloren, der von übertriebenen Soundeffekten überrollt wird.
Songs of Experience ist das Album einer erfahrenen Band – es steht mühelos neben allem, was sie in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht hat, aber zum Meisterwerk fehlt noch ein gutes Stück.
Besetzung
Bono – Gesang
The Edge – Gitarre, Gesang
Adam Clayton – Bass, Gesang
Larry Mullen Jr. – Schlagzeug
Produktion
Ryan Tedder, Steve Lillywhite, Dangermouse, Andy Wright
Trackliste
1. Love Is All We Have Left
2. Lights Of Home
3. You’re The Best Thing About Me
4. Get Out Of Your Own Way
5. American Soul
6. Summer Of Love
7. Red Flag Day
8. The Showman (Little More Better)
9. The Little Things That Give You Away
10. Landlady
11.The Blackout
12. Love Is Bigger Than Anything In Its Way
13.(There Is A Light)