Testament: Para Bellum
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 10. 10. 2025
Produktion: Chuck Billy & Eric Peterson
Albumlänge: 50.24 min
Genre: Thrash Metal
Wertung: 9.0/10
„Para Bellum“ ist das vierzehnte Studioalbum der Bay Area Thrash Metal Legenden Testament. Wieder ein makelloses Werk dieser großartigen, wütenden Thrash-Urgesteine! Extrem abrasiv und verheerend, dabei aber mit einer schönen Portion ideenreicher Ausreißer, mit denen die erfahrenen alten Hasen unglaublich geschickt jonglieren – wenn man von der Weisheit spricht, die vorgibt, wie man die grenzenlose Aggression einer Komposition im Zaum hält und gleichzeitig daraus eine künstlerische Brillanz herausholt, die schlicht umhaut. Ja, umhaut – auch 36 Jahre nach dem Debüt „The Legacy“. Testament bleiben also auch nach dem 14. Studioalbum das Synonym für eine Legendenband, die schlicht nicht enttäuschen kann und will. Eine Band, die im Laufe der Zeit – natürlich dank des Genies ihrer Mitglieder, einer echten Bruderschaft – künstlerisch gereift ist, sich evolutionär geschickt mit der Entwicklung des Zeitgeists (und den Produktionsmöglichkeiten im Studio) mitbewegt und das alles nahtlos in ihre ursprüngliche Thrash-Metal-Brachialität eingewoben hat.
Im Sommer 2023 stieß der eher unbekannte Schlagzeuger Chris Dovas zur Band, der zuvor bei Seven Spires gespielt hatte. Hoglan hatte die Band Anfang 2022 erneut verlassen. Lombardo war zurückgekehrt und hatte Testament durch eine Nordamerika-Tournee begleitet, lehnte jedoch im August 2023 eine erneute Zusammenarbeit ab. In die Fußstapfen von Vorgängern wie Gene Hoglan und Dave Lombardo zu treten – gerade als junger Typ mit vergleichsweise kurzer Laufbahn – ist keine Kleinigkeit. Aber die Sorge ist unbegründet. Dovas ist schlicht scharf und liefert alles genau so ab, wie es die hohen Qualitätsstandards von Testament verlangen. Einer Band, die stets für ihre technische Unübertrefflichkeit bekannt war. Chris agiert mit Witz, Abwechslung und auf der Doppelbassdrum schlicht bestialisch. Er ist an genau dem richtigen Ort gelandet. Das haben wir letzten Oktober selbst erlebt, als Testament erneut Ljubljana besuchten – Rockline Konzertrezension! Mit dem Typen ist nicht zu spaßen.
Testament sind ernsthaft bösartig. Auch hinterhältig. Immer noch. Chuck Billy brüllt wie ein wahnsinniger Grizzly, den jemand mitten aus dem Winterschlaf gerissen hat. Er bietet wieder mehrere Facetten, wobei er bereits im Opener For The Love Of Pain schlicht umwerfend ist. Der Song beginnt mit einem bildstarken Thrash-Metal-Riff à la Testament – doch das ist praktisch alles, was man in ihm vom klassischen Thrash bekommt. In dieser Phrase imponiert ein quietschendes Übergangsinterval auf den Punkt, wenn Skolnick und Peterson sich gnadenlos ans Tremolo hängen. Der Track wechselt schon im Vers in eine Erfahrung, die fast mehr mit Death Metal zu tun hat als der kommerzielle Wohlgeruch der neueren Arch Enemy – wenn ich mal ein bisschen frech sein darf. Vor allem wegen des bestialischen Growls eines aufgebrachten Chuck Billy. Und mehr noch: Gegen Ende der zweiten Minute „bricht“ der Song auf und mündet in einen einminütigen Black-Metal-Schuss, zu dem die Band bis zum Ende immer wieder zurückkehrt und dabei geschickt mit dem dominanten Thrash-Metal-Riff alterniert. Irgendwann kapiert man: Das ist der „Black-Metal-Refrain“. Höllisches Zucken, unterstützt von einem vernichtenden Blast-Beat, mit einer klanglichen Dichte, die düster, aber in Maßen fast schon sinfonisch wirkt. Vor allem die abschließende Gitarrenharmonie. Ein Hinweis? Das Projekt Dragonlord dürfte euch bekannt sein.
Infanticide A. I. und danach Shadow People holen den Thrash Metal zurück aufs Album. Das Einschieben von Halbtönen hält die Toxizität des Phrasierens auf höchstem Niveau. Das Spiel mit Musikalität demonstriert erneut außergewöhnliches kompositorisches Geschick. Eine überraschende Abweichung bringt die Ballade Meant To Be. Die akustische Gitarrenharmonie im Eingangspart fließt in etwas über, das unglaublich oldschoolig anspricht (denk an Return To Serenity vom Album „Ritual“ – die gute alte Metallica kam damals z. B. mit Fade To Black raus), als wäre es direkt aus den Achtzigern entsprungen, als Thrash Metal aufkam und Testament genau da dabei waren. Chuck singt fast clean, aber ins produktionstechnische Dunkel und musikalische Melancholie gelenkt. Auch die hinzugefügten sinfonischen Orchesterarrangements bringen keinerlei Zucker. Nirgends. Ein fantastischer kompositorischer Ausreißer, der den abrasiven Albumauftakt entlädt, dabei aber außergewöhnliche Finsternis und Hoffnungslosigkeit aufrechterhält.
High Noon schickt das Album in einen neuen Angriff. Die Gitarrenharmonien wirken in diesem Track besonders unheilverkündend, die Riffs speien Feuer in alle Richtungen. Ein Track, der unaufhaltsam auf dem vernichtenden Lauf der Doppelbassdrum rollt. Die klassische Thrash-Metal-Totenmesse Witch Hunt setzt den zerstörerischen rhythmischen Marsch des Albums fort, dann folgt ein weiterer Ausreißer: Nature Of The Beast, wo sich der Track von der Klassik der alten Metal-Schule anstecken lässt und das Album sogar in Richtung N.W.O.B.H.M.-Zeiten treibt. Für dieses Gefühl ist auch Chucks cleaner Gesangsansatz mitverantwortlich. Das mittelschnelle Room 117 bringt den Thrash Groove zurück aufs Album; die Band entwickelt durch das wütende Theater ein sympathisches Maß an Musikalität. Chuck bleibt besonders in Havana Syndrome ansteckend, wo die Band erneut Öl ins Feuer gießt und geschickt zwischen dem rasenden Vers und der klassischen Musikalität des Refrains alterniert. Die Verbindung zur ersten Album-Ära (1989–1992) ist unvermeidlich! Der abschließende Titelsong rühmt sich wohl der größten Dosis technischer Komplexität. Wieder ist ein Black-Metal-Übergangselement untergeschoben, der Track aber mit klassischen Gitarrenharmonien aus den alten Achtzigern ausbalanciert, wo viel Raum bleibt für die bekannte Thrash-Metal-Dreistigkeit der Bay Area Apokalyptiker. Ein außergewöhnlicher Albumabschluss, der einen automatisch dazu bringt, am Player auf „Wiederholen“ zu drücken.
Die Produktion? Keine Diskussion. Keine Frage. Sie ist erstklassig. Ein wunderschön verdichteter, lebendiger und düsterer Sound, der alles vor sich niederwirft, das Licht verschluckt und auf allen Zylindern mit unglaublicher Feurigkeit feuert. Die Bausteine des Klangbilds pulsieren kristallklar durch das Album. Der Sound ist meisterhaft kontrastiert und ausgefüllt. Das Album wirkt lebendig, an bestimmten Stellen reichlich vampiresk, aufbrausend und extrem aufgeheizt. Testament bleiben in jeder Hinsicht – ungeachtet des gewaltigen, kurvenreichen Wegs hinter ihnen, bei dem man denken könnte, sie wären abgenutzt – auch in gereiften Jahren weiterhin sehr, sehr verdammt nochmal und wunderschön wütend. Was die musikalische Substanz des jüngsten Werks der Band bietet, ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass Testament Material schreiben, dem ein schmeichelhaftes Prädikat nicht weit ist: das beste Metal, das es gerade gibt. „Para Bellum“ ist schlicht und ergreifend ein Meisterwerk.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. For The Love Of Pain
2. Infanticide A.I.
3. Shadow People
4. Meant to Be
5. High Noon
6. Witch Hunt
7. Nature Of The Beast
8. Room 117
9. Havana Syndrome
10. Para Bellum
Besetzung:
Chuck Billy – Gesang
Eric Peterson – Gitarre
Alex Skolnick – Gitarre
Steve DiGiorgio – Bass
Chris Dovas – Schlagzeug
