Radio Voltaire
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Kino
Label: Inside Out Records
Erschienen: year
Laufzeit: 55:51
Wertung: 4/5
Die englischen Neoprog-Veteranen Kino haben nach ihrem gut aufgenommenen Debüt »Picture« (2005), dem im selben Jahr noch das Kompilationsalbum »Cutting Room Floor« folgte, ihre Tätigkeit eingestellt – damals war das Ganze als kurzlebiges Projekt und nicht als langfristige Band konzipiert. Die Kino-Mitglieder sind nämlich musikalische Meister aus etablierten und angesehenen Bands, die sich ursprünglich nur für eine einmalige Zusammenarbeit zusammengefunden hatten, weshalb es eine echte Überraschung war, als sie sich 2017 erneut zusammentaten und ihr zweites Studioalbum mit dem Titel »Radio Voltaire« aufnahmen.
Die Besetzung auf »Radio Voltaire« blieb weitgehend dieselbe, nämlich John Mitchell (Arena, It Bites, Lonely Robot, The Urbane, Frost*, ex-Blind Ego) an Gitarre und Lead-Gesang, Pete Trewavas (Marillion, Transatlantic, Edison’s Children) am Bass und John Beck (It Bites) an den Keyboards, während Chris Maitland (ex-Porcupine Tree, ex-Blackfield, Guilt Machine) und sein kurzfristiger Nachfolger Bob Dalton (It Bites) am Schlagzeug durch Craig Blundell (Steven Wilson, ex-Pendragon, Frost*) ersetzt wurden. Letzterer gilt neben Marco Minnemann heute als einer der gefragtesten Schlagzeuger in der Welt des Progressive Rock.
»Radio Voltaire« ist im Vergleich zum Debüt ein noch abwechslungsreicheres Werk und wird den meisten Fans des melodisch ausgerichteten Neoprog-Rock alter britischer Schule gefallen, vor allem aber den Anhängern von It Bites und Lonely Robot – denn Mitchell ist mit seinem Gitarren- und Gesangsbeitrag zweifellos die ‚zentrale Figur‘ dieses Albums. Seine Gitarrenkunststücke stehen gegenüber den anderen Instrumenten im Vordergrund, während er seine stimmliche Ähnlichkeit mit Peter Gabriel (ex-Genesis) erneut gekonnt einsetzt, was sich bereits im einleitenden Titeltrack klar widerspiegelt. Damit bestätigt er einmal mehr seinen Status als einer der derzeit besten Musiker, die gleichzeitig hervorragend singen und meisterhaft Gitarre spielen können – kein Wunder also, dass ihn Ex-Jethro-Tull-Gitarrist Martin Barre vor einigen Jahren in seine Soloband eingeladen hat, wo einer der gefragtesten Sänger/Gitarristen unserer Zeit auf Tournee die Gesangsaufgaben übernahm.
Alle, die schon sehnsüchtig auf das neue It Bites-Album warten, werden mit »Radio Voltaire« zumindest etwas Genugtuung finden – auch wenn die Musik und Atmosphäre der meisten Kino-Kompositionen merklich düsterer, nostalgischer und melancholischer ist als bei den oben erwähnten Progpop-Frohgemüten. Dass Mitchell aktiv die musikalischen Neuheiten verfolgt und einen möglichst modernen Sound anstrebt, hört man deutlich in Songs wie dem dramatischen »The Dead Club«, der auch einige Alternative-Rock- und Prog-Metal-Elemente enthält. Stücke wie »Idlewild« zeichnen sich neben Mitchells wehmütigen Gitarrensoli und noch wehmütigerem Gesang durch außergewöhnliche künstlerische Tiefe aus, während Beck regelmäßig zwischen klavierorientierten symphonischen Arrangements und den charakteristischeren Synthesizer-Neoprog-Elementen wechselt. »I Don’t Know Why« ist ein nettes Exemplar des sogenannten Prog-Pop mit einem Refrain, der zu anderen Zeiten und in einer anderen Dimension gewiss Hit-Potenzial gehabt hätte. Auf »Radio Voltaire« gibt es keine schwachen Momente, es ist ein äußerst konsistentes Werk – erst gegen Ende des Albums fängt es leicht zu knirschen an, wenn man spürt, dass langsam die interessanten Ideen zur Neige gehen und sich das Ganze ein wenig zu sehr in die Länge zieht.
»Radio Voltaire« ist eine triumphale Rückkehr von Kino auf die Neoprog-Rock-Szene und stellt im Vergleich zum Debüt einen wichtigen Schritt nach vorne dar, auch wenn es erwartungsgemäß keine besonders innovativen Ansätze bietet. Trotzdem ist es eines der besseren Prog-Rock-Alben des Jahres 2018, das durch seine Zugänglichkeit und Melodiosität auch so manchen neuen Fan ansprechen wird, der sonst nicht zu den üblichen Liebhabern experimenteller Musik zählt. Auf jedem einzelnen Track spürt man bei der ausgezeichneten Produktion, dass diese Spitzenmusiker eine hervorragende gegenseitige Chemie entwickelt haben – es wäre also wirklich schade, wenn man auf das nächste Kino-Album wieder zwölf Jahre warten müsste, und das, obwohl Mitchell und seine Mitstreiter mit zahlreichen anderen Musikprojekten restlos ausgelastet sind.
Besetzung
John Mitchell – Gitarre, Gesang
Pete Trewavas – Bass, Hintergrundgesang
John Beck – Keyboards
Craig Blundell – Schlagzeug
Produktion
John Mitchell
Trackliste
1. Radio Voltaire
2. The Dead Club
3. Idlewild
4. I Don’t Know Why
5. I Won’t Break So Easily Any More
6. Temple Tudor
7. Out of Time
8. Warmth of the Sun
9. Grey Shapes on Concrete Fields
10. Keep the Faith
11. The Silent Fighter Pilot