Evergrey und eine neue Manifestation darstellerischer Perfektion in Zagreb (2024)
Evergrey (plus: Inner Vitriol & Klogr)
Mittwoch, 4. 12. 2024
Zagreb / Močvara / Kroatien
Gut zwei Jahre sind vergangen, wie im Fluge, seit wir das Evergrey-Konzert in Ljubljana genossen haben. Gemessen an ihrer Geschichte kann man die Band heute durchaus als Legenden der weltweiten Progressive-Metal-Szene bezeichnen. Dabei ist das eine dieser unglaublich fleißigen Bands, bei denen die Kreativität auch nach drei vollwertigen Jahrzehnten seit ihrer Gründung nicht versiegt. Die Studioalben folgen im regelmäßigen Abstand von zwei Jahren und schwanken qualitativ keinen Deut. Allesamt halten sie eine außergewöhnliche kompositorische Exzellenz aufrecht. Auch das neueste „Theories Of Emptiness“ (2024, RockLine Rezension) ist solch ein Beweis. Die Band brach so im Spätherbst dieses Jahres zu einer neuen Europatournee auf, um es vorzustellen. Zum Glück tauchte eines der neuen Konzertdaten wieder in angenehmer Nähe zu Slowenien auf, weshalb wir uns das Zusammentreffen mit Evergrey diesmal in Zagreb, wo sie zuletzt 2019 aufgetreten waren, keinesfalls entgehen lassen durften. Evergrey spielten an diesem Abend im Zagreber Club Močvara insgesamt zum dritten Mal. Wer Evergrey schon einmal live erlebt hat, weiß, was er vom Perfektionismus dieses schwedischen Quintetts erwarten kann – nämlich nur das Beste.
Auch diesmal sorgten wieder zwei Vorgruppen für das Aufwärmen. Als erste betraten um sieben Uhr abends die Italiener Inner Vitriol aus Bologna die Bühne. Diese waren der Tournee einen Tag zuvor beigetreten, als sie ihr erstes Konzert in Belgrad spielten – bei den vorherigen Konzerten derselben Tournee hatte diese Rolle dem schweizerisch-italienischen Progressive-Metal-Duo Virtual Simmetry gehört, das wir bereits zwei Jahre zuvor im Ljubljaner Orto bar gesehen hatten. Inner Vitriol sind gewissermaßen Schuldner. Seit 2007 sind sie aktiv, haben aber nur ein einziges richtiges Studioalbum in der Tasche: „Into The Silence I Sink“, das sie bereits 2012 veröffentlichten und das zum Zeitpunkt seines Erscheinens aufgrund seiner außergewöhnlichen Qualität damals für beachtliches Aufsehen gesorgt hatte. Im Jahr 2023 begann die Band wieder erhöhte Kreativität zu zeigen. Es erschienen die Singles Endless Spiral sowie ein Cover des Premiata Forneria Marconi-Originals – der kultigen italienischen Prog-Rocker der Siebziger – für den Song Impressioni di Settembre, außerdem das Konzertdokument „Live In Moscow“. Das Quartett besteht heute aus den beiden Originalmitgliedern Schlagzeuger Michele Panepinto und Bassist Francesco Lombardo sowie Gitarrist Michele Di Lauro und Sänger Gabrielle Gozzi. Letzterer war beispielsweise am 3. 3. 2023 in Ljubljana mit der Band Temperance zu sehen, als diese das Publikum vor dem Auftritt von Tarja aufwärmten. Eine halbe Stunde gehörte Inner Vitriol, was ausreichte, um festzustellen, dass es sich um eine außergewöhnlich hochklassige Band handelt, die im klassischen, zugänglichen Format des Progressive Metal eine beträchtliche Portion dunkles Theater und Melancholie entwickelt – was sie auf gewisse Weise auch all jenen näherbringt, die an diesem Abend in die Močvara gekommen waren, um in erster Linie Evergrey zu hören. Ein gut geöltes Team: Gozzi ist vokal eine starke Entität, und der Band mangelt es nicht an Eingespielheit. Das Konzert eröffneten sie mit dem älteren Slowly She Dies und steigerten die Atmosphäre im Laufe des Auftritts behutsam – vor allem aber bestätigten sie die neu gefundene Inspiration mit dem hervorragenden Premiata Forneria Marconi-Cover der bereits erwähnten Impressioni di settembre sowie dem darauf folgenden neuen, ebenfalls starken Eigenkompositions-Single Endless Spiral, der besonders durch eine dominante Refrainmelodie überzeugte. Wir warten also auf das neue Album der Band.
Anschließend gehörte die Bühne um acht Uhr einer weiteren italienischen Band: Klogr (ausgesprochen: ‚Key-log-Are‘). Dabei handelt es sich um eine Band aus einem ganz anderen Teig, die im Ausdruck für eine Exposition wuchtiger, tief gestimmter Phrasen sorgt, mit denen sie eine massive Klangwand errichtet, und dabei in den Kompositionen eine klar nachverfolgbare, packende Musikalität aufrechterhält. Klogr gelten als erfahrene Formation. Vier Alben im Rücken. Das neueste und vierte, „Fractal Realities“, erschien Ende Oktober dieses Jahres, und die Band widmete ihm beim Auftritt bei weitem die meiste Aufmerksamkeit – sie spielten es nahezu in seiner Gesamtheit. Die Band wird auf der Bühne von ihrem einzigen Originalmitglied angeführt: dem charismatischen Sänger und Gitarristen Gabriele „Rusty“ Rustichelli, auf den während der Vorstellung der Großteil des Scheinwerferlichts gerichtet war. Gitarrensoli gibt es kaum oder sie sind auf ein Minimum reduziert. Für sie sorgt Rusty in Mid-Eight-Passagen – alles ist auf den massiv wälzenden Drive der Phrasierung zweier Gitarren und einen satten Rhythmus im Hintergrund fokussiert. Deshalb haftet der Band das Etikett des Alternative an: eine blendende Riffwand und einfache, aber packende Figuren, die auch den einen oder anderen Fan ihrer Landsleute Lacuna Coil ansprechen dürften. Die Vorstellung wurde visuell auch durch eine Leinwand unterstützt, die direkt hinter Rusty aufgestellt war. Die Männer begeisterten tatsächlich mit der Tiefe der Atmosphäre, die sie während der Vorstellung aufbauten und die nicht nachließ – da war kein Platz für Gleichgültigkeit. Für alle, die sofortigen Kontakt mit einem starken Riff-Vorhang suchen, der eine melancholische, aber packende Musikalität hochhält, waren Klogr an diesem Abend ohne Frage eine äußerst sympathische Neuentdeckung auf der Szene! Die Band, die den Abend mit Guinea Pig aus der ersten EP „Till You Turn“ (2013) abschloss, weiß genau, was sie schafft, entwickelt ihre musikalische Ausrichtung und folgt ihr künstlerisch konsequent. Eine ausgesprochen überzeugende Vorstellung.
Und Evergrey. Um Viertel nach neun. Interessant ist, dass diese – weltweit außerordentlich geschätzte und hinreichend bekannte – Band in unserer Region bei einem Konzert keine 300 Leute zusammenbringt. Auch vor zwei Jahren in Ljubljana war die Zahl in etwa dieselbe wie diesmal in Zagreb. Doch ihre Anhänger sind geradezu glühend und fanatisch. Jede Menge Slowenen war an diesem Abend nach Zagreb gefahren, und da die Močvara von ihrer Form her etwas breiter und kürzer ist als der Orto bar, vermittelte der Club den Eindruck angenehmer Fülle.
Die Band lieferte genau das, weswegen wir gekommen waren und was wir erwartet hatten. Eine überlegene Vorstellung. Ohne Bremsen. Souverän, mit voller Kraft. Silovit. Die Eingespielheit des Quintetts ist schlicht makellos. Man spürt eine außergewöhnliche Verbundenheit der Mitglieder, die durch eine Reihe exzellenter Studioalben bestätigt wird (allein in den letzten fünf Jahren sind ganze vier erschienen) sowie natürlich durch die Stabilität der Besetzung, in der es keinerlei Versteckspiele gibt und in der eine außergewöhnliche Kameradschaft herrscht. Der Hauptteil der Show entfiel auf die Präsentation des neuesten, hervorragenden Albums „Theories Of Emptiness“. Im Grunde war lediglich eins ein kleines bisschen überraschend: dass die Band (mit Ausnahme der neuesten Songs) keinen einzigen Track spielte, den wir nicht schon vor zwei Jahren in Ljubljana gehört hätten. Abgesehen von dieser Beobachtung war jedoch klar, dass sich damit an diesem Abend in Zagreb schlicht niemand die Laune verdarb. Die Band wurde getragen von einem unglaublich lodernden und herzlichen Enthusiasmus und der Begeisterung der ausgeflippten Fans, die besonders wild in den ersten fünf Reihen tobten und mit Englund jeden gesungenen Vers im Griff hatten. Und genau diese Verbindung zwischen Publikum und der Darbietung der Band, die sich augenblicklich in dieser ausgezeichneten Clubspielstätte herstellte, war der hauptsächliche Mehrwert einer Vorstellung, die einem den Atem verschlug. Die Chemie war außergewöhnlich! Das Knistern aller Funken und Salven überströmender Energie. Bombastisch. Im Sound überdeckten die Gitarrenfiguren gelegentlich die übrigen Bestandteile, wobei die Keyboards von Rikard Zander am schlechtesten wegkamen – er war so oder so schwer wahrnehmbar und in den Hintergrund der kleinen Clubbühne gedrängt. Doch dasselbe Soundproblem war auch schon vor zwei Jahren in Ljubljana zu hören. Deshalb verfolgten wir auch dieses Evergrey-Konzert größtenteils am Mischpult (im hinteren Bereich), wo das Klangbild am akzeptabelsten war.
Ein wichtiger Hinweis! Evergrey haben einen neuen Schlagzeuger! Das ist der Norweger Simen Sandnes, der vor seinem Beitritt zu Evergrey mit den Bands Temic, (dem norwegischen!) Shining und Arkentype zusammengearbeitet hat. Bereits beim Betreten der Bühne und in den ersten Takten des eröffnenden Falling From The Sun explodierte Simen wild an seiner Schlagzeugfestung. Und diese Wildheit ließ nicht nach. Mit einem frischen neuen Schwung meisterten Evergrey diesen Positionswechsel ohne Erschütterungen. Der Frontmann und Hauptantriebsmotor der Band in jeder Hinsicht, der charismatische Sänger und Gitarrist Tom S. Englund, bleibt vokal hervorragend, und die zweite wichtige Entität der Band ist natürlich Henrik Danhange! Der schwer fassbare Gitarrenvirtuose, der wieder mit einigen atemraubenden Kunststücken verblüffte. Es war großartig, aus nächster Nähe die Bühnenkommunikation zwischen den Bandmitgliedern zu beobachten, bei der alles vorwiegend mit striktem Fokus geregelt wird, wenn sie sich in anspruchsvollen Passagen gegenseitig begleiten. Bassist Johan Niemann, der nun seit fünfzehn Jahren bei Evergrey dabei ist, marschierte mehrfach von seiner Position links zu Sandnes oder zu Zander, der im Hintergrund ‚verdeckt‘ war. Eine außergewöhnliche Darbietung. Nichts entgeht ihnen. Das gilt auch für die Terzgitarren zwischen Englund und Danhange, die auf schweizerische Präzision abgestimmt sind!
Die besten Konzerte vergehen im Nu. Auch das diesmalige Konzert von Evergrey lieferte eine solche Erfahrung. Das Repertoire ist hauptsächlich mit Material aus den Alben der vergangenen Dekade bestückt. Der einzige Titel, der weiter in die Vergangenheit der Band zurückgreift, wurde in der Močvara als Zugabe abgefeuert: A Touch Of Blessing vom Konzeptalbum „The Inner Circle“, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert und regelmäßig im Tourneerepertoire der Band auftaucht. Man hätte sich eine Abwechslung gewünscht, wie etwa die Darbietung von beispielsweise Waking Up Blind – aber okay. Die Band schloss das Konzert im Stil des Auftakts. Mit dem neuesten Album „Theories of Emptiness“ und dem hervorragenden Our Way Through the Silence, das mit einem Höchstmaß an dramatischem Theater und Bombastik die Močvara ein letztes Mal in die Höhe riss!
Was lässt sich zum Schluss sagen? Eigentlich nichts sonderlich Neues oder Wesentliches, was wir nicht schon der Evergrey-Konzertkritik vor zwei Jahren in Ljubljana beigegeben hätten. Magie und Perfektion. Vielleicht eine Kleinigkeit – aber wirklich nur eine Kleinigkeit –, dass eine leichte Zurückhaltung spürbar war, da die Band nicht ganz so gesprächig war wie vor zwei Jahren in Ljubljana. Dennoch vergaß sie nicht, nach dem Konzert unter die Fans zu gehen, sich mit ihnen zu fotografieren und Autogramme zu verteilen. Im gewohnten Ritual ihrer Touren! Evergrey bleiben also ein hoch geöltes und filigranartig eingespieltes Team, das weiterhin höchste Darbietungsqualität bei seinen Konzerten aufrechthält. Wenn ihr Konzert endet, fängt man im selben Moment an, die Tage bis zum nächsten Wiedersehen herunterzuzählen – was einmal mehr ein Beweis für die konzertante Unverwüstlichkeit der Band ist!
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Inner Vitriol – setlist:
1. Slowly She Dies
2. The Frozen Wind
3. Butterflies
4. Impressioni di settembre (orig. PFM)
5. Endless Spiral
Klogr – setlist:
1. Hysterical Blindness
2. One of Eight
3. Face the Unknown
4. Lead Wings
5. Whale Fall
6. Gravity of Fear
7. Waking World
8. Unspoken Words
9. The Twisted Art
10. Guinea Pigs
Evergrey – setlist:
1. Falling From the Sun
2. Say
3. Midwinter Call
4. Distance
5. Eternal Nocturnal
6. A Silent Arc
7. Call Out the Dark
8. One Heart
9. Where August Mourn
10. Weightless
11. Missfortune
12. Save Us
—Zugabe—
13. A Touch Of Blessing
14. King Of Errors
15. Our Way Through the Silence





























