Evergrey, Fractal Universe und Virtual Symmetry an einem aufregenden Abend diametraler musikalischer Gegensätze (2022)

foto: SEBASTIJAN VIDEC 2022
0 280

Auftretende: Evergrey, Fractal Universe, Virtual Symmetry
Location: Ljubljana, Orto bar, Slowenien
Datum: Sonntag, 9. 10. 2022


Endlich sind Evergrey auch in Ljubljana angekommen. Die schwedischen melodischen Progressive-Metaller, mit einem handfesten Power-Metal-Einschlag, der jedoch durch ihre ureigene Kreation einer ausgesprochen düsteren, melancholischen, zeitweise auch depressiven Atmosphäre geprägt wird, sind in der hiesigen Szene schon lange eine hoch angesehene Band, die sich einer handfesten Schar an Anhängern und Verehrern ihres Schaffens rühmen kann. Schließlich zählen sie heute bereits zu jenen Bands, denen man langsam aber sicher das Prädikat Progressive-Metal-Legenden anheftet, denn die Wurzeln der Gruppe und ihr Entstehungszeitraum reichen tief in die Neunziger zurück.

Die Jahre fliegen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Evergrey in der Zagreber Močvara mit dem Album »The Atlantic« (2019, Rockline Rezension) aufgetreten sind, da folgte schon der Nachfolger »Escape Of The Phoenix« (2021, Rockline Rezension), und als die Konzerte weltweit wieder möglich wurden, brachte das Evergrey endlich auch nach Ljubljana. Und zwar mit einem neuen, insgesamt bereits 13. Studioalbum ihrer Karriere, nämlich dem diesjährigen »A Heartless Portrait (The Oprhean Testament)« – Rockline Rezension.

Als Tourbegleiter haben sich Evergrey zwei in ihrer musikalischen Ausdrucksweise recht abweichende Bands ausgesucht. Beide sorgten für eine enorme Bereicherung des Abends. Als erste betraten kurz nach sieben Uhr abends die Bühne des Orto bar die schweizerisch-italienischen Progressive-Metaller Virtual Symmetry, die ihre Inspiration aus der alten Schule des Prog-Metal schöpfen, allen voran aus dem Werk der frühen Dream Theater, dabei aber die Kompositionsformate der Kompaktheit unterordnen, was sie u. a. ihren Landsleuten DGM oder Skandinaviern wie Seventh Wonder bzw. Circus Maximus annähert. Virtual Symmetry sind ein Quintett unter der Führung des Visionärs und Gründers, des Multi-Instrumentalisten und primär Gitarristen Valerio Æsir Villa. Die Band geht sorgfältig vor, wenn es um die Produktion von Studiowerken geht. In diesem Jahr erschien gerade erst ihr drittes, das gleichnamige Studioalbum. In knapp einer halben Stunde präsentierten sie sich durch die Darbietung von Stücken des neuesten Werks (Butterfly Effect, Come Alive, The Paradise Of Lies) sowie älterer Songs (Exodus, Safe, Remember) aus dem Vorgänger »Exoverse« (2020) als kompakte, unglaublich eingespielte Einheit, deren Mitglieder gemeinsam und harmonisch auf ein Ziel hinarbeiten. Sie lieferten eine stimmige Kombination aus technisch komplexem, virtuosem Spiel und ansteckender (auch pompöser) Musikalität, wobei sich neben den hochkarätigen Instrumentalisten auch der hervorragende Sänger Marco Pastorino auszeichnete.

Als zweite Band übernahmen Fractal Universe die Bühne. Was aus Frankreich kommt, ist häufig von musikalischer Eigenart, ja sogar avantgardistischen Manövern durchdrungen. Fractal Universe sind eine eigenständige Entität, die kaum Vergleiche zulässt – wenn überhaupt. Nach Ljubljana brachten sie ihr neuestes Album »The Impassable Horizon« (2021). Progressive Technical Death Metal also. Sprich: lauter „Musikprofessoren“, die in die Ausdrucksmittel extremer Metal-Beben interessante Akkordgradationen und Phrasierungen einweben, Kombinationen mit ‚stolpernder Rhythmik‘ einsetzen, sich nicht scheuen, offen mit Jazzlinien zu flirten, und in die Arrangements auch Alt-Saxophone einbeziehen. Die Band hat zwischen 2017 und 2021 drei Studioalben veröffentlicht, insbesondere mit dem zweiten, »Rhizomes Of Insanity« (2019), hat die Gruppe signalisiert, dass sie enormes Entwicklungspotenzial entfaltet. Die mit ‚laserartiger Präzision filigraner Feinmechanik strenger technischer Disziplin‘ gespielten Passagen werden zwischendurch auch durch längere – beinahe esoterische – Passagen ‚unterbrochen‘. Die Band scheut sich weder vor dem Einsatz eines Vocoders noch des besagten Saxophons. Frontmann Vince Wilquin ist ein Teufelskerl: Neben kombinierten Clean- und Growl-Vocals bedient er Gitarren und Saxophon. Letzteres war im Mix während des Konzerts kaum zu hören. ‚Progressive Technikspielereien‘ oft an der Grenze zur Science-Fiction? Wenn also bei Virtual Symmetry die Liebhaber der alten Prog-Metal-Schule auf ihre Kosten kamen, freute sich beim Set von Fractal Universe das Publikum, das die neuesten Erkenntnisse des extremen, technisch geschliffenen Death Metal mag und dabei u. a. von Alkaloid, Gorod, Rivers Of Nihil … beeindruckt wird. Kurzum: Vielen hat der Ljubljana-Besuch von Fractal Universe den Atem verschlagen.

Evergrey sind Evergrey. Ein durch und durch gefestigter und unverkennbarer Name auf dem Metal-Globus. Rund 350 Besucher wurden an diesem Abend im Orto bar gezählt. Klingt wenig, aber sie waren ‚gut verteilt‘. Darunter viele, die enorm engagiert, begeistert, ja geradezu fanatisch dabei waren. In den ersten Reihen herrschte durchgehend Hochbetrieb! Von Song zu Song grölten und brüllten sie beharrlich so gut wie jeden Vers des Repertoires mit – gemeinsam mit dem Anführer, dem Hauptvisionär und Antriebsmotor der Band, Sänger und Gitarrist Tom S. Englund. Eine Figur, ohne die man sich Evergrey schlechterdings nicht vorstellen kann. Einige Besucher des Abends waren eigens aus Kroatien und Italien angereist. Die Energie war absolut mitreißend. Der charismatische Englund hatte keinerlei Probleme damit, eine starke Verbindung zwischen Band und Publikum herzustellen. Die Band konzentrierte sich im Repertoire vor allem auf die letzten beiden Alben »A Heartless Portrait (The Oprhean Testament)« und »Escape of the Phoenix«, die gut die Hälfte des gesamten Setlists ausmachten. Evergrey können sich einer ungemein ansteckenden musikalischen Wirkung rühmen, die sich stets und ausnahmslos auf einer Akkordgradation entfaltet, die auf Moll-Tonarten basiert. Melancholie und Düsternis haben bei Evergrey schon vor langer Zeit ihren festen Wohnsitz erhalten. Englund bringt mit seinem hervorragenden, unverwechselbaren, tief empfundenen und leidenschaftlichen Gesang mindestens die Hälfte dieser melancholischen Atmosphäre in die instrumentale Kulisse ein, die über dem Bild der Band liegt. Das Material, einschließlich des enorm musikalischen neuen Albums, ist bei den Fans der Band bis zur Ankunft der Gruppe im Orto bar konkret in Fleisch und Blut übergegangen, und die treuesten Unterstützer der Band nahmen jede Ansage eines Songs im Repertoire mit ungebremster Begeisterung auf. Hand aufs Herz, ergänzte das Material der älteren Studioalben das Konzertrepertoire doch recht vorhersehbar. Ohne besondere Überraschungen. Am weitesten in den Diskografie-Katalog griffen Evergrey mit der Darbietung des erwarteten »The Inner Circle«-Klassikers (2003) A Touch Of Blessing sowie im obligatorischen Zugabenblock mit Recreation Day (»Recreation Day«, 2004).

Evergrey sind in ihrer Darbietung schlichtweg exzellent. Die Besetzung ist seit geraumer Zeit konstant, und man spürt die erstklassige Eingespieltheit sowie die ständige, äußerst lebendige Kommunikation zwischen den Mitgliedern auf der Bühne. Englund entgeht dabei nichts. Auch der hervorragende Henrik Danhag präsentierte seine meisterlichen Gitarrensoli in vollster Pracht. An diesem Abend war auch Bassist Johan Niemann von Dynamit in den Fingern erfüllt. Schlagzeuger Jonas Ekdahl bleibt in jeder Hinsicht eine souveräne Figur, auf die sich das Team in jedem Moment verlassen kann. Englund stützte sich im ersten Teil beim Klangaufbau auf seine siebensaitige Caparision-Gitarre. Sein Gesang funktionierte auf hohem Niveau. Mit Danhag teilt er sich oft die Gitarren-Soli, wobei Englund seinem Kollegen technisch einen Schritt hinterherhinkt. Das bedeutet nicht, dass er nicht in der Lage wäre, außerordentlich schöne und qualitativ hochwertig gespielte Gitarren-Solo-Passagen abzuliefern. Am kürzesten kam im Klangbild Keyboarder Rikard Zander. Durchgehend aber war eine hohe, darstellerische Kohärenz spürbar. Vor allem in dem Sinne, dass die Band das Spielen des Repertoires in vollen Zügen zu genießen weiß. Englund ließ es sich auch nicht nehmen, Anekdoten zu erzählen, wobei insbesondere jene über die ständigen Beschwerden von Bassist Niemann in Erinnerung blieb – er klagte, Evergrey ließen ihn bei Konzerten keine Gitarren-Soli spielen.

Beim Klang gilt: Der war über das gesamte Konzert hinweg nicht gerade begeisternd. Das machte sich vor allem bei Englunds schwer verständlichem Gesang sowie besonders bei den Keyboards bemerkbar, die vom ‚Rauschen‘ der Gitarren-Phrasierung mehrfach übertönt wurden. Man musste die richtige Position finden. Die befand sich natürlich am Mischpult.  

Der Auftritt von Evergrey, der von darstellerischer Energie, Präzision und Erfahrung geprägt war sowie von der ununterbrochen gierigen Interaktion zwischen den in den ersten Reihen versammelten Fans und der Band, verging viel zu schnell. Für die Zugabe erschienen die Bandmitglieder in frisch gewaschenen, blitzblanken weißen Hemden, die das ordentlich durchgeschwitzte Schwarz ersetzt hatten. Die Zugabe war mit drei Stücken üppig bestückt, und beim Abschied von der Bühne deutete die Band den versammelten Besuchern an, ihnen doch bitte 10 Minuten zu gönnen – denn danach folgte noch lange ein Get-together mit Evergrey für alle echten Fans nach diesem erfüllenden, von intensiven Gefühlen durchdrungenen Auftritt, dem man – abgesehen vom etwas schwächeren Klangbild – kaum etwas ankreiden konnte.  

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Sebastijan Videc

Fractal Universe Setlist:
1. Sons of Ignorance
2. Oneiric Realisations
3. Symmetrical Masquerade
4. Scar Legacy of Hatred
5. Flashes of Potentialities
6. Fundamental Dividing Principle
7. A Clockwork Expectation

Evergrey Setlist:
1. Save Us
2. Weightless
3. Distance
4. Eternal Nocturnal
5. Midwinter Calls
6. Where August Mourn
7. A Silent Arc
8. In the Absence of Sun
9. Call Out the Dark
10. My Allied Ocean
11. A Touch of Blessing
—Zugabe—
12. Blindfolded
13. Recreation Day
14. King of Errors


Virtual Symmetry


Fractal Universe


Evergrey

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki