Evergrey: Theories Of Emptiness
Label: Napalm Records
Erscheinungsdatum: 7. 6. 2024
Produktion: Tom S. Englund & Jonas Ekdahl
Albumlänge:
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 9.0/10
Evergrey sind, das kann man so sagen, langlebige Legenden des Progressive Metal aus Schweden. Ihr neuestes Studioalbum, das vierzehnte in der Reihe, »Theories Of Emptiness«, zeigt keinerlei Anzeichen, dass das Quintett auch nur ansatzweise die Bremse anzieht. Auch in der kreativen Ausbeute nicht – was bedeutet, dass die Qualität der Inhalte strikt mit der Quantität der Veröffentlichungen der letzten Jahre Schritt hält –, womit Evergrey zu den wenigen Bands mit längerem Betriebsalter gehören, die sich mit dieser ‚unerschöpflichen Kreativität‘ klar und laut brüsten können.
Was im letzten Satz der Einleitung geschrieben steht, kann ihnen niemand nehmen – auch nicht auf dem neuesten Studioalbum »Theories Of Emptiness«. Tom S. Englund, der treibende Motor des Quintetts, dessen Besetzung seit vielen Jahren gleich bleibt – was in der Abfolge der veröffentlichten Alben auch wesentlich für die Aufrechterhaltung der außergewöhnlichen Chemie und Kreativität ist –, macht keine Pause. Evergrey dürfen also nicht in das ausgelaugte ‚Wiederholen‘ abgekauter Ideen verfallen, die sie in der Vergangenheit bereits eingesetzt haben.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: »Theories Of Emptiness« ist alles, was man von Evergrey im Jahr 2024 auch erwartet. Alle wesentlichen Elemente, die Charakter und Werk dieser erstklassigen Band definieren, sind (wieder) da. Sie bleiben hier. Auf den Posten des künstlerischen Schaffens, das weiterhin begeistert. Doch greift das Album wieder auf einige Dinge zurück, die überraschen und beweisen, dass ‚Innovation‘ und die Vermeidung von Stagnation (dem Gegenteil von ‚Progressivität‘) auch auf den neu entstandenen 11 Studiokompositionen Leitgedanke von Englund und seinem Team bleibt. Dass das Album nach neuen Ausdrucksmitteln greifen würde, bestätigte auch die Single zur Komposition Cold Dreams (an der Jonas Renkse von Katatonia mit Growl-Gesang beteiligt ist). Eine der progressivsten Kompositionen mit konstanter Steigerung eines vielfältigen Motivgeflechts. Aggressive Passagen wechseln sich mit ruhigeren ab. Auf Schritt und Tritt. Das Vokal-Arrangement ist in diesem Stück besonders und wird von keiner anderen Albumkomposition wiederholt. Die atmosphärischen Kontraste sind dadurch ausdrucksstark intensiviert, und der Track ist an einem Punkt alles, was wir unter dem Begriff Evergrey im Jahr 2024 verstehen! Eine mutige und ambitionierte Wahl der Band für die Album-Single, die beim Erscheinen so andeutete, dass das neue Album eine künstlerische Abkehr vom Vorgänger »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)« (2022, RockLine Rezension) mit sich bringt.
Dass Evergrey so bei uns sind, wie wir sie wollen, bestätigt sofort das einleitende Far From The Sun – ein typischer ‚Evergrey-Reißer‘ mit einem der eingängigsten und unvergesslichsten Refrains, wie Evergrey sie Album für Album aneinanderreihen können (die Verbindungslinie zur Komposition Omnious vom letzten Album ist unauslöschlich). Der Track kriecht einem sofort unter die Haut. Hypnotik gekreuzt mit der ‚borstig-massiven‘ Produktionsgewalt aggressiver Phrasierung. Englund bleibt mit seinem Gesang ein faszinierender Baustein der expressiven Ausdruckskraft elementarer Künstleraussagen der Band. Essenziell ist der Wert einer solchen – sofort wiedererkennbaren – Stimme. Direkt danach folgt Misfortune, das das ‚Experimentieren‘ mit Dingen bestätigt, die Evergrey bislang nicht ausprobiert haben. Der Refrain ist mit ‚Crowd-Chants‘ arrangiert, was in den letzten Jahren im Pop stark popularisiert wurde – doch haben Evergrey das so geschickt in ihren Artismus integriert, dass diese Innovation in allem das musikalische Profil der Band bewahrt. Tatsächlich fügt sie ihm einen neuen Wert hinzu. Frische. Sie bestätigt, dass Evergrey sich weiterentwickeln.
Das neue künstlerische Paket einer brillanten Balance zwischen kompositorischer Kompaktheit ultra-ansteckender Musikalität (Refrainmelodien) und konsequent progressiv-metallischen Kniffen wirkt in allem überzeugend und mitreißend. Da sind atmosphärische Wendungen, die Momente unvorhersehbarer Entwicklungen liefern und gleichzeitig im Hörer die ständige Lust wecken, das Album zu entdecken. Das packt einen nach ein paar Durchläufen im Player wirklich ‚höllisch‘. Tracks wie We Are The North (mit ausdrucksstarker Riff-Borsigkeit) und To Become Someone Else sind solche Beispiele ‚progressiver Lebendigkeit‘ nach typischer ‚Evergrey-Rezeptur‘! Die Balance dazu setzen Albumteile, die kompakter komponiert sind. Die Single Say. Die intensiviert erneut die musikalische Anziehungskraft. Höhepunkt ist der Refrain-Gesang, der Fans dieser Band ganz sicher einen der zukünftigen Konzertfavoriten beschert. Ein solcher Moment ist auch das ‚Heavy-Metal-klassisch angriffige‘ und direkt zupackende One Heart. Mit ähnlicher Energie, aber etwas weniger Riff-‚Borsigkeit‘, spricht auch Our Way To Silence gegen Ende des Albums an, das atmosphärisch mit dem (kürzeren, progressiv-rockigen) gleichnamigen Titelinstrumental abgeschlossen wird, unterlegt mit weiblicher Narration.
Melancholie, Sehnsucht, Düsternis. Die Produktion hält all diese Elemente fest, die Evergrey definieren. Die Ballade Ghost Of My Hero ist in der Intensivierung dieses bittersüßen Schmerzes eine besondere Faszination des Albums und stellt gleichzeitig eindringlicher die gesamte Qualität von Englunds vokaler Ausdruckskraft heraus. Der Vokalist bestätigt eine außerordentliche Reife der vokalen Anpassungsfähigkeit in Bezug auf den Grad der Ausschöpfung des eigentlichen Ausdruckswerts des Tracks. Das kommt mit den Jahren. Mit der Erfahrung.
Kurzum: Das Album »Theories Of Emptiness« ist ein neues, brillant realisiertes Ziel der Band. Die ‚Innovationen‘ sind geschickt in den Artismus der Gruppe eingewoben. Geschickt ‚eingearbeitet‘. Ein Album, das eine spürbare künstlerische Abkehr trägt, wird alle Fans der Band begeistern. Das ist zweifellos so. Gleichzeitig beweist es, dass die Band künstlerisch keineswegs die Bremse zieht, nicht stagniert, sondern künstlerisch reift und sich weiterentwickelt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Falling From The Sun
2. Misfortune
3. To Become Someone Else
4. Say
5. Ghost Of My Hero
6. We Are The North
7. One Heart
8. The Night Within
9. Cold Dreams
10. Our Way Through Silence
11. A Theory Of Emptiness
Besetzung:
Tom S. Englund – Gesang, Gitarre
Henrik Danhage – Gitarre
Rikard Zander – Keyboards
Jonas Ekdahl – Schlagzeug
Johan Niemann – Bassgitarre
Gastmusiker:
Jonas Renkse – Gesangsduett auf Track Nr. 9
Salina Englund – Begleitgesang auf Track Nr. 9
