Atlantic: Another World
Label: Escape Music
Erscheinungsdatum: 21. 6. 2024
Produktion: Atlantic
Albumlänge: 50.24 min
Genre: AOR
Bewertung: 8.0/10
Atlantic sind eine alte AOR-Erinnerung. Die Band veröffentlichte 1994 genau ein einziges Studioalbum mit dem Titel »Power«. Das war eine Zeit, in der das Genre bereits an der Wende der beiden Dekaden überrollt worden war, und 1994 wurden melodiefreudige Bands mit pompösen, mitreißenden Refrains buchstäblich ‚mit Feuer und Schwert‘ verjagt. Deshalb ist das Album »Power« zur Zeit der Herrschaft der Grunge-Szene und der immer aggressiveren Derivate des Heavy-Metal-Genres ein wahres Juwel, das bei AOR-Liebhabern aufgrund seiner Qualität bis heute sehr hoch gehandelt wird. Es war eine Zeit, in der sich Bands in der Produktion an härtere Klangansätze klammerten — dem konnte sich auch das pompös-musikalische Prinzip, das in den Achtzigern regierte, nicht entziehen. Dazu kommt der Kopf und Initiator der Band, der im Grunde Gitarrist ist — Simon Harrison — und die Sache bekommt klarere Konturen. Der ganze erste Absatz dreht sich um ein Album, das den Test der Zeit bestanden hat, aber auch das einzige Atlantic-Album war. Bis 2024.
Da sind wir. Atlantic haben ein neues Album herausgebracht. Es heißt »Another World«. Klar ist: Mit einer solchen musikalischen Ausrichtung, wie sie Atlantic verkörpern, hattest du in den Neunzigern nichts zu melden, wenn du dir in den Achtzigern keinen ernsthaften Ruf aufgebaut hattest. Und Atlantic waren obendrein absolute Newcomer. Obwohl Simon Harrison jahrelang Texte für andere schrieb und in den Bands Strange und Whisht aktiv war, lernte er in den Neunzigern Mark Grimmett kennen, mit dem er zu komponieren begann — doch die Kompositionen erblickten nie das Licht der Welt. Die Demoaufnahmen lagen bis 2021 in den Archiven. Damals formierte sich zunächst die Besetzung MGB, die mit der Zeit den Namen Atlantic annahm, wobei Simon Harrison das einzige Mitglied ist, das auf »Another World« die Verbindung zum Debüt »Power« repräsentiert.
Wunder sollte man keine erwarten. »Power« ist »Power«. Eines jener wunderschönen, in Zeit und Raum verlorenen Alben, das Teil des britischen Ansatzes beim Schreiben von AOR-Musik ist — angeführt von Bands, die die rockige Seite der Szene damals bereits geprägt hatten (einige sind noch heute aktiv), darunter: FM, Dare, Bad English, Strangeways, Heartland. »Another World« lässt sich in dieser Hinsicht schwer mit dem Debüt vergleichen. Zwischen den Veröffentlichungen liegen satte 30 Jahre, und die Zeiten haben sich seither stark verändert.
Klar ist, dass »Another World« im Jahr 2024 mit Ansätzen, die sich fest auf die archaische Genre-Jurisdiktion stützen, eine verlorene Platte in Zeit und Raum ist. Wenn man versucht, es mit dem Debüt zu verknüpfen, ist die angenehme Erkenntnis vor allem die, dass es in der Produktion sehr geschickt jene wesentlichen Elemente hervorhebt, die für den ‚gigantischen Sound‘ der Produktionspostulate der Achtziger wichtig sind. Die Kontraste sind ausgeprägt. Man spürt die Bassdrum, die pulsiert, die Snare hat Tiefe und Hall, die Gitarren packen in den Phrasen zu, die Synthesizer erzeugen einen starken Kontrast-Vorhang im Klangbild — und was am wichtigsten ist: die großen Vokalharmonien in den Refrains sind da (angeführt von der ausgesprochen ansprechenden Vokalfarbe von Sänger Mark Grimmett). Kurzum ein sehr schönes Album, vollgepackt mit überschwänglicher Bombastik, wobei auch ordentliche solistische Gitarreneinlagen in den Mid-Eight-Passagen garantiert sind. Echter AOR. Aber vergessen wir nicht zu wiederholen: Das Gerüst für die Songs auf »Another World« liefern Demoaufnahmen, die vor mehr als 20 Jahren entstanden sind. Der Opener Ready Or Not packt sofort zu, und das Album verliert seinen Schwung nicht mit der exzellenten Ballade Without Love, die direkt hinter dem Eröffnungsstück steht. Auch im weiteren Verlauf sind die ideelle Abwechslung und die Umsetzung verführerisch und in jeder Hinsicht überzeugend. Solche Alben sind heutzutage selten. Im Kontext, dass sie von der ‚alten Garde‘ zusammengestellt wurden — mit alter Philosophie und altem Ansatz, um die packenden Effekte zu erzielen, die AOR-Pomp verlangt. Die Studio-‚Kosmetik‘ ist durchaus aufgefrischt, übertreibt es aber nicht mit der Implantation von ‚Neuerungen‘ (der ‚analoge‘ Moment bleibt erhalten) — deshalb lässt sich das Album umso leichter als ausgezeichnete und mehr als gelungene Verbindung zu den klassischen AOR-Zeiten der Achtziger charakterisieren.
Für die wenigen überlebenden Fans dieses heute streng archaischen Genres — das allerdings von neuen Musikgenerationen reichlich revitalisiert wird (was sehr erfreulich ist) — wird »Another World« einen der Jahreshöhepunkte liefern. Das Ziel ist für Harrison und sein Team also mehr als erfolgreich erreicht. Es ist schwer zu sagen, was als Nächstes kommt und ob noch ‚unverschossene Patronen‘ im Magazin stecken — aber selbst wenn es bei »Another World« bleibt, ist das so oder so mehr als eine zufriedenstellende Leistung alter Hasen, die ihr auserwähltes Publikum (überwiegend ‚alte Onkel und Tanten‘) noch immer wirkungsvoll zu verwöhnen wissen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Ready Or Not
2. Without Love
3. Hold On
4. I’ll Be Waiting
5. If This Is Goodbye
6. Whole Lot Of Love
7. Loving Arms
8. Nothing More I Can Say
9. Missing You
10. Dream About You
11. This Ain’t Love
Besetzung:
Mark Grimmett – Gesang
Nick Burr – Gitarre
Simon Harrison – Gitarre, Keyboards, Bass
Tim Bristow – Keyboards
Julian D. Hill – Bass
Mark Pullin – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Gastmusiker:
Andy Margrett – zusätzliche Gitarrensoli
Mark Pullin – zusätzliche Gitarrensoli
Gareth David Noon – Keyboards
