Tarja verzaubert die slowenische Hauptstadt zum dritten Mal (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
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Acts: Serpentyne, Temperance, Tarja Turunen
Location: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Datum: Freitag, 3. 3. 2023


Tarja Turunen, eine der beeindruckendsten und, man kann sagen, herausragendsten Heavy-Metal-Sängerinnen unserer Zeit sowie Sopranistin mit einem Stimmumfang von dreieinhalb Oktaven, hat als Tarja die slowenische Hauptstadt nun zum dritten Mal erobert (ihre Besuche in Tolmin und Rock Otočec nicht mitgezählt). Nicht nur besucht, sondern regelrecht erobert. Das lässt sich gleich zu Beginn sagen. Es war insgesamt Tarjas vierter Besuch in Ljubljana. Zum ersten Mal trat sie hier 2005 mit Nightwish auf (in den Križanke), dann 2009 zum zweiten Mal (aber bereits als Tarja), ebenfalls in den Križanke. 2012 trat sie zum dritten Mal auf, als sie bereits im CUK Kino Šiška gastierte. Als wäre es gestern gewesen. Ohne das geringste Gefühl, dass seit ihrem letzten Besuch bis heute gut elf Jahre vergangen sind. Es versprach ein langer Konzertabend zu werden. Das Publikum trudelte mit Verspätung am Veranstaltungsort ein, der sich nach und nach füllte. Das bewies, dass das erste Ziel des Abends selbstverständlich und in erster Linie Tarja war.

Als Erste erklommen die britischen Symphonic-Folk- und ‚medieval‘ (Power) Metal-Band Serpentyne aus London die Bühne. In der halben Stunde, die ihnen zur Verfügung stand, spielten sie Material aus ihren letzten beiden Alben „The Serpent’s Kiss“ und „Angels Of The Night“. Hochmusikalische Refrains, unterstützt von einer doppelten Salve aus Gitarren-Phrasierungen und im Mittelpunkt der Gesang der schick gekleideten Sängerin Maggie Beth Sand, die selbst Heinrich den Achten verführt hätte, lieferten Korrektheit und Souveränität. Pomp und Theater mit dem Versuch, Mystik einzustreuen. Musikalisch nichts Besonderes oder noch nie Gehörtes, aber für Liebhaber mittelalterlicher Tricks keltischer Melodik, eingebettet in ein metallisches Fundament, gesuchter musikalischer Stoff.

Auch als die italienischen melodischen Power-Metaller Temperance die Bühne betraten, brachten die gesamte Szenerie, das Bühnenbild, die Vibration und die Darbietung nicht das Erlebnis, dass die Band der Metal-Community etwas mitbringen würde, was man noch nicht gehört hätte. Mit Herzblut und Einsatz überzeugten sie aber allemal. Die Stimmung hoben sie jedenfalls um mindestens ein oder zwei Stufen, wozu die deutlich höhere Bühnenagilität beitrug – die Band hat sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Gesang im Team, zu denen sich nach Möglichkeit auch Gitarrist Marco Pastorino als Leadgesang dazugesellt. Gelegentlich arbeitet die Band also sogar mit drei Leadgesängen (die Gesangsdominanz in der Band bestätigte auch der a-cappella-Ausklang des Konzertauftritts). Das aufgeweckte und bestens gelaunte italienische Sextett steckte durchgehend enorme Energie hinein und hielt das Publikum mit verschiedenen Anfeuerungstricks effektiv bei sich. Darin waren sie sehr sympathisch, und als Gitarrist Marco Pastorino sich vor dem Abgang von der Bühne mit „Thank you Slovekia… Slovenia.“ verabschiedete, hinterließen sie sogar den Eindruck liebenswürdiger Verwirrung. Gespielt haben sie aber hervorragend. Mit der ausgeprägten Dominanz beider Gesangsstimmen und dem gelungenen Kontrast ihrer Ergänzung überzeugten Temperance mit ausgezeichneter Eingespieltheit und musikalischer Durchschlagskraft. Vor dem Antritt der Tournee wurde die Band in eine missliche Lage geworfen, als die Hälfte der Mitglieder die Band verließ (jene, die ihr aktuelles Album „Diamanti“ von 2021 eingespielt hatten), doch Temperance lösten die Misere offensichtlich rechtzeitig, retteten die Tournee und präsentierten sich in Ljubljana in erneuerter Besetzung als kohärente und souveräne Band. Zu Hilfe holten sie sich die amerikanische Sängerin Kristina Starkey (die Anfang Februar im Orto bar als Backing-Vokalistin von Twilight Force aufgetreten war), die sich nahtlos in das Temperament ihrer italienischen Mitstreiter einfügte – und ihr ausgezeichneter Gesang wurde durch die außergewöhnliche Explosivität von Sänger Gabriele Gozzi (Eternal Idol) hervorragend ergänzt! Das Duett ließ besonders in den höchsten Sequenzen der Kraftentfaltung buchstäblich das Mauerwerk der Grundmauern des Veranstaltungsorts erzittern. Temperance begeben sich nach Abschluss der Tournee mit Tarja Ende März auf eine eigenständige Tournee, im Rahmen derer sie am 28. 3. 2023 auch in Maribor Station machen (Dates checken!)

Dann folgte der letzte Akt des Abends, auf den natürlich das gesamte Publikum gewartet hatte und das das CUK Kino Šiška schließlich mit rund 500 bis 600 Besuchern doch etwas konkreter füllte. Der Auftritt von Tarja Turunen bestätigte einmal mehr, dass Tarja eben einzigartig ist. Tarja ist eben Tarja. Im (symphonischen) Power Metal kann ihr kaum eine andere Sängerin das Wasser reichen. Gleichzeitig folgte auch eine erneute Bestätigung u. a. dafür, dass Nightwish ohne Tarja schlicht nicht mehr jene prägende Durchschlagskraft erreichen können, die sie mit Tarja in der Besetzung erreichten. Ohne Tarja sind Nightwish eine konkret andere musikalische Geschichte. Das sind Zeiten einer fernen Vergangenheit, doch bei der Begegnung mit einer Darbietung von Tarja Turunen drängen sich solche Gedanken von selbst auf.

Tarja bekam an jenem Abend auf der Bühne Gesellschaft von drei langjährigen Mitgliedern ihres Begleitteams: Alex Scholpp (Gitarre), Christian Kretschmar (Keyboards) und Cellist Max Lilja, der auch den Fans von Apocalyptica bestens bekannt ist. Die Rolle des Bassisten übernahm weder Doug Wimbish (Living Colour) noch Kevin Chown (der 2012 mit Tarja in Ljubljana aufgetreten war), sondern – verglichen mit den beiden zuvor genannten prominenten Namen – der weniger bekannte Ralf Botzenhart (Farmer Boys, Dacia & The Weapons of Mass Destruction), während die Rolle des Schlagzeugers für diese Tournee Alex Menichini (Stereo.Pilot, Dacia & The Weapons of Mass Destruction) übernahm. Da Scholpp sowohl mit Farmer Boys als auch mit Dacia & The Weapons of Mass Destruction zusammengearbeitet hat, liegt die Vermutung nahe, dass der Gitarrist Tarja den Bassisten und Schlagzeuger für ihre aktuelle Tournee empfohlen hat, mit der sie auch Slowenien besuchte.

Also. Es lohnt sich, ein Tarja-Konzert zu besuchen. Immer. Auch auf dieser Tournee, auf der sie ihr letztes Studioalbum „In The Raw“ (2019) präsentiert. Ihre Ausstrahlung ist außergewöhnlich. Eine ausgebildete Opernsängerin, eine überragende Mezzosopranistin! Bei diesem Auftritt bewies sie, dass die Jahre an ihr spurlos vorübergehen. Ihre vokale Bravour mit ihren vielen vokalen Charakteren und Facetten ist schlichtweg ungreifbar. An diesem Abend war die Sängerin in unglaublich aufgeräumter und lebhafter Stimmung. Sie heizte dem Publikum durchgehend mit dem Magnetismus nicht nur der Bühnenfigur und ihrer Bewegungen ein – was ihr ohnehin schon die Routine vorschreibt –, sondern auch mit der Eindringlichkeit ihrer Blicke und dem Verteilen von Lächeln. Und für alle, die ausschließlich in vokale Darbietungen eintauchen und sich bei Konzerten vorwiegend auf die Reichweite und die Arbeit der Vokalisten konzentrieren, ist ein solches Konzert schlicht ein Muss und eine Pflicht.

Im Repertoire waren Tarjas sechstes und siebtes Studioalbum, nämlich „The Shadow Self“ und das aktuellste „In The Raw“ (2019), am stärksten vertreten und machten gut zwei Drittel der Songs der gesamten Setlist aus. Das Publikum erwartete natürlich auch die eine oder andere Nightwish-Klassikerin aus der Ära, in der Tarja – Mitgründerin der finnischen symphonischen Power-Metal-Sensation – bei ihnen sang. Die Band entschied sich für den Nightwish-Klassiker Nemo, obwohl der Autor dieser Zeilen insgeheim auf eine Darbietung des pompösen Marsches Wishmaster gehofft hatte, den Tarja bei den Februar-Dates der aktuellen Tournee gespielt hatte. Und wenn nicht früher, bekamst du spätestens während der Darbietung von Nemo die unmissverständliche Bestätigung, dass die Magie der klassischen Nightwish-Ära nur Tarjas Stimme heraufbeschwören kann.

Der Auftritt von einer Stunde und dreiviertel verging wie im Handumdrehen. Das Team professionell, routiniert, eingespielt und in der Ausführung eigentlich optimal. Tarjas erneuter Auftritt in Ljubljana bestätigte, dass sie als Interpretin weiter reift und ihr unerschütterlicher vokaler Auftritt eine Art betörender Faszination bleibt, die den Zuhörer verblüfft, begeistert und in ihm (auch) tiefste Gefühle weckt. Mit unverminderter oder allenfalls noch höherer Intensität! Genau das ist es, weswegen du auf ihr Konzert kommst.

Text: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik (1-39) & Edita Klemen (40-42)

Serpentyne Setlist:
1. Away from the World
2. Spirits of the Desert
3. Helen of Troy
4. Seance
5. Angel of the Night

Temperance Setlist:
1. Pure Life Unfolds
2. Breaking the Rules of Heavy Metal
3. Start Another Round
4. The Last Hope in a World of Hopes
5. Diamanti
6. Of Jupiter and Moons
7. Catch the Dream

Tarja Setlist:
1. Serene
2. Demons in You
3. My Little Phoenix
4. Anteroom of Death
5. Diva
6. Goodbye Stranger
7. Silent Masquerade
8. Nemo
9. The Golden Chamber (Loputon Yö) / You and I
10. Undertaker
11. Tears in Rain
12. Victim of Ritual
—Zugabe—
13. Innocence
14. I Walk Alone
15. Dead Promises
16. Until My Last Breath


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