Emil And The Detectives: Remote Proximity
Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 13. 1. 2023
Produktion: Simon Moraz
Albumlänge: 41.50 min
Genre: Jazz-Rock Fusion
Wertung: 10/10
Emil And The Detectives, ein slowenisches Sextett, das sich geschlossen den weltweiten Postulaten der Jazzrock-Fusion verschrieben hat, haben im Januar dieses Jahres ihr drittes Studioalbum »Remote Proximity« veröffentlicht. Zusammengehalten wird die Band von zwei langjährigen Freunden (ich wage zu behaupten: noch aus Schulzeiten) – dem Bassisten Rastko Zager und dem Keyboarder Dejan Pečenko. Die beiden kennen sich in- und auswendig, haben in der Vergangenheit jahrelang gemeinsam gespielt – in den unterschiedlichsten musikalischen Formationen. Dieses Duo ist für das Bestehen der Band auf gewisse Weise heilig und tatsächlich auch ihre kreative Antriebswelle. 2017 erschien das mehr als mutige Studiodebüt »Agora« (RockLine Rezension), das viele kreative Möglichkeiten in Bezug auf künftige Ausrichtungen in sich trug – Möglichkeiten, die die Band auf dem mehr als ausgezeichneten Nachfolger »Sandcastles« aus dem Jahr 2020 (RockLine Rezension) kapitalisierte. Zwischen den beiden Alben ist ein klarer künstlerischer und kreativer Sprung spürbar, was darauf hindeutet, dass Emil And The Detectives ihre eigene musikalische Geschichte sind, die sich nicht mit dem Stil belastet, ihn nicht zementieren will – es geht vielmehr um eine Band, die Musik im Glanz der momentanen Inspiration erschafft und sich den Gefühlen hingibt, auch den intuitiven Sphären und Instinkten. Und das ist das Wesen des ständigen Wandels, der einen ewigen künstlerischen Schub nach oben bringt. Wachstum. Wenn man auf den musikalischen Weg zurückblickt, den Zager und Pečenko gegangen sind, auf die gesammelten Erfahrungen und das etablierte Visionärwesen, überrascht die obige Feststellung überhaupt nicht. Zusammen mit der Substanz der beiden Vorgängeralben war es nahezu mit Sicherheit vorherzusagen, dass das Material auf dem neuen Album etwas Frisches, Anderes, Herausforderndes – man könnte auch sagen ‚Ungewöhnliches‘ – bringen würde.
Wenn man »Remote Proximity« in den Player einlegt, ist man überrascht von der merklich größeren Raffinesse der Arrangements im Vergleich zum Vorgängeralbum. Das Ohr wird vom deutlich anders reagierenden Gitarrenklang ‚aufgeweckt‘, und plötzlich gesellt sich zum Saxofon auch eine Trompete, die zuvor nicht da war. Die Band hat zuletzt eine grundlegende Umbesetzung durchgemacht, das Album entwickelte sich über einen längeren Zeitraum, was natürlich auch die aufgezwungene P(l)andemie beeinflusste. Pečenko, Zager und Saxofonist Zdravko Zimič bleiben im erneuerten Sextett weiterhin die Konstante; die Neuzugänge in der Truppe sind: Trompeter Boris Majcen (das Schlagzeug wurde also gegen Trompete getauscht), Schlagzeuger Jože Zadravec sowie – man könnte auch sagen ‚der slowenische John McLAughlin‘ – der Jazz-Gitarrenakrobat und Großmeister Igor Bezget (schau dir sein supersonisches ‚Shredden‘ im abschließenden River With 2 Springs an). All diese Musiker sind streng ausgebildete Jazz-Meister, und die expressive Reichweite, die ihr Artismus hervorruft, ist atemberaubend. »Remote Proximity« (man könnte das als ‚ferne Nähe‘ übersetzen) bringt damit einen neuen künstlerisch-kreativen Schritt auf dem evolutionären Weg der Band nach oben. Sofern man überhaupt von Evolution sprechen kann. Es geht nur um den Moment, den du erwischst! Jetzt. Das lässt sich als höchste Instanz der aufrichtigen Übertragung von Instinkten und Gefühlen in musikalische Aussagekraft behandeln, der sich der Musiker hingibt. Offensichtlich versteht das Sextett diese Philosophie des Loslassens sehr gut, was auch die Grundlage des künstlerischen Erreichens von Eigenheit und Originalität ist.
Der Dämpfer auf der Trompete in Tranquility kündigt klar an, dass sich für Emil And The Detectives in der Zeit zwischen 2020 und 2023 einiges verändert hat. Wenn sich das Album in diesem Teil noch etwas zaghaft und unter dem Diktat eines lässigen rhythmischen ‚Open-Brushings‘ öffnet, was das Flair rauchiger Chicagoer Nachtkabarettklubs der Dreißigerjahre heraufbeschwört, ist der nächste Track – Back From Planet Serpo – jener Teil des Albums, der in voller Breite die neue chemische Wirkung der Bausteine des erneuerten Sextetts offenbart. Mit dem Einzug von Trompete und Flügelhorn in das musikalische Feld der neuen Platte und ihrer Kombination mit dem Saxofon ist der Geist des Be-Bop gegenüber dem Vorgängeralbum spürbar intensiviert – bedingt gesagt jener ferne und stets wohlwollende, ersehnte Geist von Miles Davis. Bemerkenswert ist auch das Zusammenspiel der Instrumente an der Frontlinie, die Pečenko, Bezget, Zimič und Majcen vertreten, womit die außerordentlich feste und funkelnde chemische Wirkung der gegenseitigen Verbindungen in der Korrelation des expressiven Wahrnehmens der Sextett-Mitglieder bestätigt wird. Das ist eigentlich entscheidend!
Das Album spricht einen mit organischer Wärme an, lebendig und lebhaft. Die Band hat in ihrer erneuerten Aufstellung eine außergewöhnliche Chemie zwischen den Klangbausteinen entwickelt, und das liefert die musikalische Substanz meisterhafter Seiltänzerkunst der Jazz-Rock-Fusion, die nicht aufhört zu begeistern. Es erreicht außergewöhnliche Geschmeidigkeit, und die Mitglieder reichen sich mit witzigem, funkelndem Glanz improvisatorische Einlagen weiter, die brillant auf die motivische Strukturierung abgestimmt sind – sodass von irgendwelchen skurrilen Ausreißern avantgardistischer Fragmentierung oder ‚Free-Jazz‘-Variationen auf dem Album keine Rede sein kann. Emil And The Detectives erreichen mit dem neuen Album noch mehr expressive Elastizität, halten dabei aber durchgehend ein außergewöhnliches Maß an Hörgenuss aufrecht, denn die Jazz-Meister kehren, jeder auf seinem Feld, stets geschickt zu den Leitmotiven zurück, mit denen die Band die Kompaktheit der Songs aufrechterhält. So lässt sich sagen, dass sie allesamt improvisatorisch genau im richtigen Maß aufgelockert sind. Zugleich muss betont werden, dass das Sextett in erster Linie als Band funktioniert und dass beim Dosieren der improvisatorischen Einlagen kein Mitglied heraussticht.
Auf jedem Schritt, in jedem Format und in jeder Entwicklungsphase dieses Albums gibt es keinen Moment, der den Hörer nicht mit der Fülle musikalischer Information überhäufen würde. Was aber all diese (in diesem Essay bisher beschriebenen) Superlative überragt, ist die Übertragung des ursprünglichen Gefühls. Auch der Instinkte. Auf diese Weise entwickelt das Album eine außergewöhnliche Faszinationskraft der musikalischen Substanz selbst, die einen mitreißt und in sich aufsaugt. Es erweckt sogar den Eindruck von Spontaneität, obwohl davon nicht die Rede sein kann. Sagen wir lieber: Die Reihe unvorhersehbarer Wendungen, Tricks und Finessen, die Emil And The Detectives auf »Remote Proximity« entwickeln, erzeugt durchgehend eine außergewöhnliche Anziehungskraft, die den Genuss beim Hören dieses musikalischen Werks beflügelt. Vor allem deshalb, weil die Band sich durchgehend davor verwahrt, in mögliche Gefilde skurriler Experimente abzudriften.
»Remote Proximity« ist für Emil And The Detectives eine neue musikalische Geschichte. Eine neue Plattform der Definition der musikalischen Visitenkarte der Band. Ein neues künstlerisches Niveau des ständigen Wandels, der wie ein ‚Perpetuum mobile‘ reagiert, keine Schablonen und keine Grenzen kennt. Es handelt sich um ein faszinierendes musikalisches Werk, mit dem die Band eine neue Spitzensphäre kreativer musikalischer Entfaltung etabliert hat, in der sie auch in Zukunft grenzenlos expressionistisch genießen, sich ihr hingeben und sie pflegen kann.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Tranquility
2. Back From Planet Serpo
3. Devided By Zero
4. Fuego Ondulado
5. Dark Matter
6. Ouroboros
7. River With 2 Springs
Besetzung:
Rastko Zager – Bassgitarre
Dejan Pečenko – Kurzweil Keyboards, Hammond M3
Zdravko Zimič – Saxofon
Igor Bezget – Gitarre, Gitarrensynthesizer B
Boris Majcen – Trompete, Flügelhorn
Jože Zadravec – Schlagzeug
