Dream Theater: A View From The Top Of The World

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Label: Insideout Music / Sony Music
Erscheinungsdatum: 22. 10. 2021
Produktion: John Petrucci
Albumlänge:: 70.19 min
Genre: Progressive Metal
Wertung: 8.5/10


„A View From The Top Of The World“ ist das fünfzehnte Studioalbum der mittlerweile als Ikonen des Progressive Metal zu bezeichnenden Dream Theater. Die Band hat damit nach zweieinhalb Jahren den Vorgänger »Distance Over Time« (RockLine Rezension) abgelöst, der im Februar 2019 erschienen war. „A View From The Top Of The World“ wurde von John Petrucci im neuen Studio der Band namens DTHQ (Dream Theater Headquarters) produziert — eine Kombination aus Aufnahmestudio (live), Proberaum, Regieraum, Ausrüstungslager und, wie die Band selbst sagt, einem „kreativen Bienenstock“. Den Bau des Studios hatte die Band in der Zeit abgeschlossen, in der sie die Tour zur Unterstützung von „Distance Over Time“ sowie die Tour zum 20. Jahrestag von „Metropolis pt. II: Scenes From A Memory“ absagen musste. So entstand im April 2020 der kreative Freiraum für das neue Album. Den Großteil davon schrieben bzw. erarbeiteten Dream Theater zwischen Oktober 2020 und April 2021. Einen Großteil des Songwritings erledigte die Band über Zoom-Meetings. LaBrie war durchgehend in Kanada stationiert, die übrigen Bandmitglieder in den USA. Als das Material fertig war, flog LaBrie Mitte März dieses Jahres nach New York, absolvierte die Quarantäne und nahm die Vocals im Studio DTHQ auf.

„A View From The Top Of The World“ ist das fünfte Album mit Portnoys Nachfolger Mike Mangini, und man muss es eigentlich als das konsistenteste von allen ausrufen. Sogar konsistenter als die Dream Theater-Alben, die nach dem glühend aufgebrachten »Train of Thought« (2003, RockLine Rezension) erschienen sind, oder genauer gesagt — dem wieder klassischer ausgerichteten »Octavarium« (2005, RockLine Rezension). Vielleicht ist daran auch die Handschrift von Andy Sneap nicht ganz unbeteiligt, dem Petrucci Mix und Mastering des finalen Klangbildes anvertraut hat. Sneap hatte zuvor bereits mit Petrucci an dessen Soloalbum »Terminal Velocity« (2020, RockLine Rezension) zusammengearbeitet, und der legendäre Gitarrist war mit Sneaps Arbeit mit Sicherheit mehr als zufrieden.

Frische ist immer willkommen. Vor allem, wenn man sich daran macht, sein fünfzehntes Karrierealbum einzuspielen. Und das neue Dream Theater-Album zeigt eine entsprechend echte metallische Schärfe, Aufgedrehtheit und stellenweise auch eine gewisse Spöttischkeit. Es ist ein waschechtes klassisches Progressive-Metal-Werk, wie es sich Fans der Band nur wünschen können. Diesmal gitarristisch stärker aufgedreht als frühere Veröffentlichungen. Der Sound ist schlicht und einfach brillant. Was besonders bemerkenswert ist: die unglaubliche Ausbeute an solistischer Inspiration seitens Petruccis, der diesmal eine Reihe außerordentlich mitreißender Soli auf Band gebannt hat, die im Format der einzelnen Tracks wie gegossen sitzen und nicht besser passen könnten. Ja, und das sage ich in Bezug auf eine Band, die einen Musikstil pflegt, in dem man das aus den sonst fragmentiert komplexen Arrangements normalerweise kaum herausschälen kann. Aber diesmal ist die Balance zwischen Musikalität und Komplexität, die Dream Theater auf dem neuen Album gelingt, schlicht außergewöhnlich. In einem faszinierenden Gleichgewicht. Ebenso gibt es auf dem Album keine einzige Ballade, und Invisible Monster — der musikalische Höhepunkt des Albums (das gilt auch für LaBries Gesangsmelodien) — kommt unter allen Tracks noch am nächsten an Radiokompatibilität heran (natürlich in einer editierten Version), denn auch dieser Track streckt sich auf respektable sechs Minuten Spielzeit.

Wenn wir noch einmal auf das gegenseitige Solierfeuer in der Achse Rudess-Petrucci zurückkommen, muss betont werden, dass wir diesmal nicht mehr nur von einem „roboterhaften Notenrausschütten“ reden können, weswegen Dream Theater vor allem in den vergangenen fünfzehn Jahren immer wieder zur Zielscheibe der Kritik geworden sind. Die Soli wirken, als hätte John die perfekte Balance zwischen Komplexität und Musikalität gefunden, was seinen solistischen Akrobatiken eine enorm glaubwürdige Kompaktheit verleiht. Auf jedem Schritt des Albums. Darüber hinaus ist die Arbeit von Jordan Rudess hervorzuheben. Im Zusammenspiel mit Petruccis Solieren wirkt sein Beitrag von allen bisherigen am meisten „retro-klingend“. Das heißt, Rudess weckt diesmal am gelungensten Assoziationen an die klassischen Dream Theater, was wir seit dem Album »Metropolis pt. II: Scenes From A Memory« (RockLine Rezension, 1999) nicht mehr in dieser Form erlebt haben. Man merkt, dass der Mann in den vergangenen Jahren (in verschiedenen Konstellationen und Projekten) intensiv die Klassiker des Progressive Rock der Siebziger gespielt hat. Deshalb ist es schlicht erfreulich, dass Jordan diesmal aus dem größtenteils schon ziemlich vorhersehbaren (und bedauerlich monotonen) Einsatz von Keyboard-Sounds, die Fans der Band schon auswendig kennen, herausgesprungen ist und sein Arsenal so erweitert hat, dass er die Arrangements durch verstärkten Einsatz von Hammond-Orgelklang und Moog untermauert hat — wobei natürlich auch Einlagen auf dem klassischen Klavier nicht fehlen. Das diesmalige Zusammenspiel mit Petrucci klingt sogar so retroartig, dass es Assoziationen an die Bands weckt, die Dream Theater beeinflusst haben. So etwa der Ein- und vor allem Ausgangspart von Transcending Time, der (auch dank James‘ Gesangsmelodie) Anklänge an die alten guten Kansas aufruft. Insgesamt ist Rudess diesmal „mit dem Kopf durchgehend am richtigen Platz“. Er geht an die Gestaltung der Arrangements mit Feingefühl, Bedacht und keineswegs überstürzt heran. Die Hammond-Linien platziert er in der Regel genau dort, wo Petruccis allgegenwärtige und diesmal besonders dominante Phrasen bzw. sein geschärftes Shredding liegen. Gleichzeitig hat Jordan mehrfach zusätzliche Patterns und Programmschleifen äußerst geschickt in die Tracks eingebettet und damit die theatralische Reichweite einzelner Songabschnitte weiter ausgebaut. Nicht dass Jordan das nicht auch in der Vergangenheit versucht hätte — aber noch nie so gelungen und wirkungsvoll griffig wie auf „A View From The Top Of The World“.

Offensichtlich hat die Band die Entstehung dieses Albums wirklich genossen, die ohne besondere Störungen und Unterbrechungen verlief. Sehr reibungslos. Sneap hat diesmal auch Myung spürbar mehr aufgedreht, sodass seine brillanten Basslinien dem Hörer konkreter nähergerbracht werden. Die Wärme und Organik des Sounds bleibt auf dem Werk erhalten.

Und wie der Name der Band gebietet: Theatralik. Und zwar eine traumhafte. Die Band kann keine schlechte Platte aufnehmen. Das ist schlichtweg unmöglich. Allerdings gibt es qualitative Schwankungen zwischen den Alben. »The Astonishing« (2016, RockLine Rezension) ist ihnen nicht gerade geglückt und ist mit seinen hochfliegenden Ambitionen, das Konzept dem Hörer näherzubringen, letztlich versandet. Aber Dream Theater haben diesen blassen Eindruck mit »Distance Over Time« konkret korrigiert — einem Album, mit dem sie sich ihren Wurzeln zugewandt haben. Diesen Trend setzt nun auch das neueste Album „A View From The Top Of The World“ fort.

Nach all den Jahren, in denen die Band auf der Musikszene trotzt und dabei für Augen und Ohren längst kein Geheimnis mehr ist, ist es fast schon komisch, überhaupt noch darüber zu reden, was jedes nächste (neue) Album der Band bringt. Und doch zeigt „A View From The Top Of The World“, dass Dream Theater trotz der seltsamen Zeiten, die die Menschen dazu zwingen, sich immer mehr voneinander zu distanzieren, als Einheit noch einmal gewachsen sind. Das Album bezeugt eine außerordentliche kreative Kompaktheit des Quintetts. Eine Reihe außergewöhnlicher studiomäßiger Kohärenz und gegenseitiger chemischer Verbundenheit dieser bemerkenswerten musikalischen Bruderschaft aus fünf unglaublichen Talenten, wie sie eine Reihe vergangener Alben mit solcher Überzeugungskraft schon lange nicht mehr unter Beweis gestellt hatte. Das Kronjuwel dieser Erkenntnis ist der abschließende, über 20 Minuten lange Progressive-Metal-Sinfonie bzw. sinfonische Ep, aufgeteilt in drei Teile, der einmal mehr die gesamte ambitionierte Versiertheit und das Engagement des Quintetts gerechtfertigt hat. Er krönt „A View From The Top Of The World“ definitiv. Mike Manginins Auftritt ist gerade in diesem schlangenartigen Track besonders unglaublich und atemraubend, und der Drummer bestätigt einmal mehr, dass er in Ideen und Herangehensweise wesentlich variabler und einfallsreicher ist als sein Vorgänger. LaBrie ist wieder fantastisch, sein Gesang funktioniert in allem höchst beeindruckend und mitreißend, und James ist in seiner Darbietung nicht nur einzigartig, sondern liefert einen neuen expressiven Höhepunkt. Das Album ist zweifellos instrumentaler als vokal, was bei Dream Theater nicht überrascht — aber auch in der Wahl der Leitmelodien, besonders was die Refrains betrifft, ist LaBrie diesmal besonders faszinierend. Das Album als Ganzes bewegt sich, was die Theatralik betrifft, auf dem Niveau der Düsterheit des Vorgängers, und übertrifft diesen dank der strahlendereren Gitarrenproduktion in der Finsternis sogar noch.

Das Album „A View From The Top Of The World“ führt nicht nur Dream Theater, sondern die gesamte Welt des Progressive Metal und die Liebhaber dieses Genres ebenso sehr in seine klassischen Zeiten zurück, wie es gleichzeitig die ganze Klarheit der neuen Blickwinkel des Quartetts auf die musikalische Gegenwart und den Fokus der neuen Zeiten zeigt, in die diese — man darf es wohl sagen — ehrwürdigen Musikherren schauen. Mit unvermindert kühner Kreativität. Es reicht nicht zu sagen „unglaubliche Musiker und Talente“ — man muss sie geradezu „musikalische Monster“ nennen. „A View From The Top Of The World“ führt Dream Theater zurück auf das Niveau des Besten, was das Quintett zu liefern vermag, und ist ein Manifest außergewöhnlicher musikalischer Reife ebenso wie neu gefundener artistischer Brillanz. Als solches gehört es in den obersten Rang der besten Dream Theater-Alben.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. The Alien (9:32)
2. Answering The Call (7:35)
3. Invisible Monster (6:31)
4. Sleeping Giant (10:05)
5. Transcending Time (6:25)
6. Awaken The Master (9:47)
7. A View From The Top Of The World (20:24)

Besetzung:
James LaBrie – Gesang
John Petrucci – Gitarre
Jordan Rudess – Keyboards
John Myung – Bassgitarre
Mike Mangini – Schlagzeug


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