Dream Theater : Distance Over Time

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Label: InsideOut Records
Produktion: John Petrucci
Erscheinungsdatum: 22.02.2019
Albumlänge: 56.57 min.
Genre: Progressive Metal


Hat das jemand befürchtet? Nun ja. Das bereits 14. Studioalbum der amerikanischen Progressive-Metal-Titanen Dream Theater bestätigt einmal mehr, dass die Band schon seit geraumer Zeit kreativ ausgereizt ist. »Distance Over Time« ist in erster Linie ein sehr gutes neues Studioalbum, das aber nachweislich und behutsam, ja sogar sehr konzis, auf dem Erbe der früheren Studioarbeiten der Band wandelt. Interessanterweise knüpfen manche Tracks sogar an die Frühphase der Band an, bis hin zum Album »Images And Words«. Allein schon der Opener Untethered Angel überrascht mit einer Härte, die Dream Theater seit den Zeiten von »Train Of Thought« oder »Systematic Chaos« nicht mehr an den Tag gelegt haben – vor allem im Refraingesang –, und nähert sich im Outro der Atmosphäre von »Scenes From A Memory«. Tatsächlich wollten Dream Theater mit »Distance Over Time« ein entschieden anderes Album schaffen als das konzeptualisierte Vorgängerwerk »The Astonishing«, das satte zwei Stunden Spielzeit überschritt. Kein einziger Track zielt auf die Zehn-Minuten-Marke ab, und das Album ist erstaunlicherweise kürzer als eine Stunde – das war zuletzt zu Zeiten von »Images And Words« so.

Sämtliche Elemente und Qualitätskriterien, nach denen Dream Theater als eine der angesehensten und respektiertesten Bands im Prog-Metal gelten, sind auch auf »Distance Over Time« vorhanden. Die Jungs haben das Arrangieren etwas vereinfacht, und die Gitarrenriffs übernehmen wieder die Führung – ebenso wie die mehrfach konzis ausgearbeiteten Motive, aus denen sich Strophen- und Refrainstrukturen mühelos herausschälen lassen. Das bestätigt das aufgedrehte Paralyzed, das wieder die Stimmung von »Train Of Thought« heraufbeschwört und einen der düstersten Refrains des Albums besitzt. Auch im dritten Track Fall Into the Light – mit sieben Minuten einer der längeren Songs des Albums – überraschen Dream Theater mit einer kompositorischen Haltung prägnanter Motive, die die Atmosphäre subtil umlenken und eher an den Kompositionsstil klassischer Metal-Bands à la Iron Maiden erinnern als an eine Band, die vor lauter angesammelten Fingerjucken platzt und den Hörer mit hyperschnell gespielten Notenkaskaden überhäufen will. Nun, Fall Into The Light entzieht sich dem nicht gänzlich – dafür sorgt der unersättliche Jordan Rudess –, aber zum Glück erst im Outro und am Ende des Tracks. Barrstol Warrior überrascht als Komposition, weil Dream Theater darin auf glückliche Weise den Kompositionsstil der Neunziger wiederbeleben – also den Zeitraum von 1992 bis 1999. Das Hauptriff beziehungsweise das Einstiegsriff deutet sofort darauf hin – erst recht, wenn der gebrochene Rhythmus dazukommt. Erstaunlich ist, dass ein beachtlicher Teil des neuen Albums sehr »angenehm« darauf verzichtet, in ein chaotisches Zerreißen von Kompositionen zu entgleisen – was sonst gerne durch das bekannte gegenseitige Herausspucken im Kreuzfeuer-Dialog endloser Notengewitter auf der Linie Gitarre – Keyboards entsteht. Auch Barrstol Warrior bewahrt eine unglaublich angenehme Kompaktheit und Eingängigkeit, trotz der Tatsache, dass er fast sieben Minuten lang ist.

LaBrie bleibt sich treu. Unverkennbar, markant und sofort wiedererkennbar. Er ist ein besonderer Sänger. Entweder er liegt dir, oder seine Stimme raubt dir den Verstand – aber dann lass einfach die Finger von Dream Theater. Als solcher verleiht er den Songs wieder einen besonderen Charakter. Room 137 (mit einem Beatles-artigen Übergangseinschub) ist ein metallisch geschärfter Track mit voluminösem rhythmischen Groove, der vom Schlagzeuger Mike Mangini geschrieben wurde – sein kompositorisches Debüt bei Dream Theater. Ein ungemein düsterer Moment des Albums, der den Hörer wieder in die Zeiten von »Train Of Thought« katapultiert. Mitsamt den Vokallinien. Drama pur also. S2N hält die Härte des vorherigen Room 137 aufrecht, nur dass alles »aufgelöster« ist – mehr Synkopen, mehr kompositorische Lockerheit, mehr Fragmentierung. Nichts Neues für Dream Theater. Aber es ist schön zu sehen, dass Petrucci diesmal wirklich auf der Gitarre »brennt« und den überzeugten Metaller in sich wieder geweckt hat. Und dann ist da At Wit’s End – zwar die längste Komposition des Albums, aber auch ein Paradebeispiel eines Songs, der in einem Stück und an einem Ort die gesamte Essenz einer Band wie Dream Theater verkörpert. Wer den verlorenen Track vom Album »Scenes From A Memory« (1999) sucht – At Wit’s End wäre ein verdammt guter Treffer bei dieser Suche (der Refrain). Out Of Reach ist eine gefällige, knackige Ballade, die die Stimmung dreht, und Dream Theater steigern darin geschickt und clever die Atmosphäre. Fast überraschend ist dabei Rudess‘ Ruhe und sein Fokus auf die effektive Nutzung des verfügbaren Raums mit dem Piano. Das Album muss bombastisch enden, und dafür sorgt einer der farbigsten Tracks des Albums! Das ist der abschließende Pale Blue Dot, in dem Dream Theater schnell in giftig schnelles Phrasieren übergehen und einmal mehr zeigen, warum sie als so einzigartige und besondere musikalische Entität im Progressive-Metal-Universum gelten. Der atemberaubende gegenseitige Dialog der Instrumentalisten bringt dem Album  damit einen Höhepunkt für alle, die von der Band einen strikteren Fokus auf kompromisslose technische Komplexität einfordern. Das zeigen Dream Theater in vollem Galopp und natürlich völlig in ihrem eigenen Stil. Die Bombastik wird durch den musikalisch verträglichen Refraingesang in Schach gehalten – ansonsten aber ist Pale Blue Dot die aufgelockerste Komposition des Albums, wo Rudess nicht lange fackelt und wieder einige schrecklich nervig pfeifende Linien »unterschmuggelt«, womit er daran erinnert, dass Dream Theater genau wegen dieser Elemente seines Keyboard-Spiels einen beachtlichen Teil ihrer Fanbasis verloren haben – jene, die auf ein Keyboard-Arrangement nach dem Vorbild von Kevin Moore oder Derek Sherinian gesetzt hatten. Aber diesmal haben Dream Theater Rudess über das gesamte Album hinweg schön an der Leine gehalten.

Also, um keine zu lange Rezension zu schreiben. »Distance Over Time« ist das Album, das Dream Theater irgendwie brauchten, nachdem sie mit »The Astonishing« beinahe Filmmusik erschaffen hatten. »Distance Over Time« ist metalltechnisch deutlich rauer und im Phrasieren fokussierter.  Als solches ist es ein gelungener Abdruck von Dream Theaters Liebäugeln mit der früheren Schaffensphase, einschließlich der Ära, in der sie Arrangement und Produktion aufrauten („Train Of Thought“). Interessant ist, dass sie diesmal nicht um jeden Preis in die notorische Euphorie des Notenfeuerwerks drängen, sondern für solche Eskapaden die richtigen Momente innerhalb der Kompositionen dosieren. Sie wollen also daran erinnern, dass sie in der Lage sind, eine prägnante Komposition zu schreiben und zu erschaffen. Und das gelingt ihnen vollends, denn »Distance Over Time« stellt wieder einen zugänglicheren Moment in der Karriere von Dream Theater dar. Kein künstlerischer Fortschritt also. Aber in allem, was es verkörpert, von Anfang bis Ende ein echter Dream Theater-Album. Und natürlich ein sehr gutes Dream Theater-Album. Aber nicht mehr als das.

Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 8.5 / 10


Dream Theater – Fall Into The Light (offizielles Video)

Trackliste:
1. Untethered Angel
2. Paralyzed
3. Fall into the Light
4. Barstool Warrior
5. Room 137
6. S2N
7. At Wit’s End
8. Out of Reach
9. Pale Blue Dot

Besetzung:
James LaBrie – Gesang
John Petrucci – Gitarre
Jordan Rudess – Keyboards
John Myung – Bass
Mike Mangini – Schlagzeug

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