Distracted
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Bowrain
Label: Kapa Records
VÖ: year
Laufzeit: 40:25
Wertung: 4.5/5
Tine Grgurevič, künstlerisch bekannt als Bowrain, ist seit geraumer Zeit kein musikalischer Unbekannter mehr. Im Jahr 2014 machte er erstmals ernsthaft auf sich aufmerksam mit seinem damaligen Studio-Debüt, auf dem er sich als D.I.Y.-Klangmanipulator besonderer Güte vorstellte, ganz dem elektronischen Synthetisieren und Samplen verschrieben. Doch im Gegensatz zum erwarteten Einschlagen in Richtung dieser musikalischen Vision, in der elektronische Klangpaletten dominieren, hat Bowrain »den linken Blinker gesetzt und ist rechts abgebogen« (oder umgekehrt) und so einen überraschenden Studio-Nachfolger vorgelegt. Denn darauf genießen wir eine ausgeglichene Kollision von Elektronischem und Organischem.
Bowrain hat damit sein musikalisches Visionärtum auf dem neuen Album grundlegend erweitert und dafür zusätzliche »Werkzeuge« eingesetzt. Auf diese Weise griff er nach neuen ideellen Horizonten und erreichte erfolgreich neue (Ziel-)Felder seines eigenen musikalischen Ausdrucks. Der Entwicklungsschritt auf dem Weg der Selbstevolution ist mehr als ausgezeichnet bemessen. In dieser Hinsicht entfernt sich Bowrain vom Feld der »One-Man-Band«, und das Projekt gewinnt die Konturen einer echten Besetzung. Bowrain lud Musiker zur Zusammenarbeit ein, mit denen er in der näheren Vergangenheit musikalisch zusammengearbeitet und gereift ist. Zwischen den Mitwirkenden entwickelten sich echte chemische Verbindungen musikalischer Kreativitäten; sie teilen ähnliche Ansichten im musikalischen Ausdruck – und so wurde das Album »Distracted« geboren. Angeblich bekam Bowrain den Großteil der Ideen und des Materials in der Zeit, als er noch in Amsterdam lebte; dann begab er sich auf europäische Konzerttouren, Reisen durch ferne, fremde Landstriche und weite Gebiete sowie das Kennenlernen neuer Gesichter – all das füllte den Kerl mit vielerlei Gefühlen, die er so nach und nach in neue Eigenkompositionen goss, wobei der letzte Akt die Rückkehr des Künstlers in die Heimat bringt.
Obwohl das neue Album dem Klavier – sprich dem Piano – eine integrale Rolle zuweist, bewahrt Bowrain seine künstlerische Wiedererkennbarkeit, die mit dem Debüt begründet wurde, unberührt und erweitert und überhöht sie tatsächlich. Das neue Album ist ein definitiver Schritt vorwärts in der Ausweitung des musikalischen Visionärtums und des eigenen künstlerischen Reifens. Es wirkt viel fokussierter, das heißt konzentrierter, im Arrangement noch durchdachter und damit in all seinen artistischen Zügen des charakteristischen Minimalismus – bei gleichzeitiger vielschichtiger klanglicher Lebendigkeit – außerordentlich vollendet.
Was Bowrain bietet, ist unkonventionell, dabei aber in Gänze herausfordernd und frisch. In den Kompositionen destillierst du Elemente der Inspiration durch Werke musikalischer Pionierarbeit. Auch Mike Oldfield schichtete einst fern in der Vergangenheit Instrumentallinien in führende Motive, als er sein revolutionäres »Tubular Bells« schuf – so lange, bis er den Endklang der gewünschten Dimension orchestraler Feierlichkeit erreichte. Daran erinnert die organische Seite des Albums, deren essenzieller Baustein diesmal der Einsatz des Klaviers ist. Das Klavier gibt den Rahmen für die motivische Formatierung. Da es dabei auf Wiederholungen besteht, reicht das bereits aus, um in Richtung neuer „trip-oid-ner“ Versuchungen abzufeuern, was einen spielend in einen Zustand zerebraler Verzückung trägt – jenseits der Prinzipien der binären beziehungsweise empirischen Welt. In die Welt des Albums »Distracted«. Dazu kommt der elektronische Charakter des Albums. In den verwendeten Klangpaletten elektronischer Musik lassen sich Einflüsse des Krautrock und uralter Momente der NDW wahrnehmen; in Assoziationen tauchen sogar ein paar Kraftwerk auf – aber wie gesagt: Bowrain agiert selbstwüchsig, eigenständig, unabhängig, auf besondere Weise und deshalb einzigartig. Das Album »Distracted« festigt diese selbstwüchsige Position Bowrains auf der (internationalen Musik-)Szene nur dankbar. Also das sind keine Enigma, das ist kein Schiller, noch irgendein beliebiges Produkt des »IDM«-Untergrunds. Das ist Bowrain, der natürlich etwas mit den genannten Bezugspunkten gemeinsam hat. Wegen der Arrangierung der Vokalschichten. Diese platziert er in die Motive so, dass die Vokalschichten als zusätzliches Instrument wirken, wodurch die Atmosphäre in den Stücken in der Folge gestärkt wird – die auch oft mystisch ausgerichtet ist.
Die Kommunikation aller Bausteine der Klanglandschaft ist hervorragend. Im Sinne des Arrangements koexistieren alle Klangbausteine in reger gegenseitiger Kommunikation, nehmen sich durchweg sensibel wahr und ergänzen sich in Kompatibilität auf sehr hohem Niveau. Von der Implantation der elektrischen Gitarre über Streicher (Violine, Cello) bis zum bereits erwähnten Färben mit Vokalschichten von »extraterrestrischem Glanz«, wie auch dem brillanten Einbau zusätzlicher Schichten klanglichen Synthetisierens. All diese Bausteine, eingebettet in ein prägnantes motivisches Fokussieren, das das Klavier diesmal als integrales Instrument dieses Albums setzt, sind auf der Suche nach maximalem expressivem Ertrag mit feinsinniger reifer Geschicklichkeit und außerordentlich sensibler Hingabe arrangiert. Das ist der Haupttrumpf, der von der hohen Qualität dieses Werks überzeugt.
»Distracted« wirkt wie ein musikalischer Hintergrund für eine Dokumentation über Bowrains jüngst zurückgelegte Reise, auf der er den alten europäischen Kontinent in die Länge und in die Breite durchquert und am Ende nach Hause zurückgekehrt ist. Es erweckt die Gefühle des Musikers – Verlorenheit, auch Entfremdung, beklemmende Einsamkeit –, es trägt Sehnsucht, eine konkrete Dosis Melancholie, aber auch Feierlichkeit, Freude und Verspieltheit. Ein Album, das mit einer selbstwüchsigen Aura und dem inneren rhythmischen Herzschlag seines eigenen Herzens atmet und pulsiert. »Distracted« ist eine Leistung, die völlig unprätentiös anspricht, die einem sofort unter die Haut geht und beim Hörer gleichzeitig ein Gefühl von »Vertrautheit« sowie herausfordernder artistischer Frische weckt. Deshalb ist sein musikalischer Charakter durchweg außerordentlich anziehend – sowohl beim konzisen Hören als auch besonders belohnend, wenn du deine Ratio ausschaltest und dich seinen energetischen Schwingungen unbelasteter und wahrheitsliebender musikalischer Erkundung hingibst. Sollte Bowrain auch in Zukunft sein musikalisches Dossier auf die Weise erweitern und veredeln, wie es »Distracted« dokumentiert, wird er gewiss nach und nach zu einem Meister des Umgangs mit der Fertigkeit beständiger musikalischer Transformation und Veränderung heranwachsen – dabei gleichzeitig durchweg seinen artistischen Eklektizismus bewahrend, pflegend und weiterentwickelnd.
Besetzung
Bowrain – Piano, Keyboards, Gesang
Mario Babojelić – Gitarre
Robert Nitschke – Schlagzeug
Ema Kobal – Cello
Vita Kobal – Violine
JAŠA – Narration im Stück “Time”
Jure Vlahovič – zusätzliche Sounds im Stück “Saudade”
Produktion
Jernej Černalogar, Bowrain & Mario Babojelić
Trackliste
1. A New Beginning (04:49)
2. Saudade (05:34)
3. Asil (05:18)
4. Time (06:25)
5. Refugee (06:47)
6. Continuum (07:38)
7. Home (04:12)