Yes Featuring Jon Anderson, Trevor Rabin, Rick Wakeman: Live at the Apollo
Label: Eagle Rock Entertainment
Erscheinungsdatum: 7. 9. 2018
Albumlänge: 125 Min. (2CD)
Genre: Progressive Rock
Wertung: 10/10
Stimmt. Dieses Konzertdokument ist zwar schon 2018 erschienen, trotzdem ist es außerordentlich interessant und mehr als ein paar Zeilen wert. 2010 schlossen sich drei ehemalige Yes-Mitglieder zusammen (mit Nachdruck auf: leider drei ehemalige) – nämlich Vocalist Jon Anderson, Gitarrist Trevor Rabin und Keyboarder Rick Wakeman. Es war ihre erste gemeinsame Zusammenarbeit seit 1992, also seit dem Yes-Album »Union« und dem Abschluss der damaligen Tour. Ursprünglich war geplant, ein eigenes Studioalbum aufzunehmen, doch dazu kam es nie. Man muss dabei im Hinterkopf behalten, dass Yes zu dieser Zeit unter der Führung des inzwischen verstorbenen Yes-Bassisten Chris Squire noch mit vollem Elan aktiv waren und auch neues Material aufnahmen.
Zwischen Anderson und Squire herrschte stets eine Brücke des Vertrauens und des Respekts, und es war vereinbart, dass den Namen Yes immer nur jene Besetzung führen dürfe, die gemeinsam mit Chris Squire vereint war. Deshalb starteten alle drei Musiker ihr Projekt zunächst unter dem Namen A\R\W (Anderson, Rabin, Wakeman), was Erinnerungen an das Projekt A\B\W\H (Anderson, Bruford, Wakeman, Howe) wachrief. Kurz nachdem Chris im Juni 2015 verstorben war, schlug seine Frau Scotland Anderson selbst vor, dass auch er fortan den Namen Yes verwenden solle. So gab es plötzlich wieder zwei Yes: jene, die auf Squires Weg weitermachten – mit den prominentesten Vertretern Steve Howe, Alan White und Geoff Downes – und auf der anderen Seite das »neue Yes« mit Rabin, Anderson und Wakeman, die sich in »Yes featuring Jon Anderson, Trevor Rabin And Rick Wakeman« umbenannten.
Das Trio entschied sich, auf Tour zu gehen und damit fünfzig Jahre Yes-Musik zu feiern, und trat am 25. 3. 2017 auch im britischen Manchester auf, wo es das dortige Apollo restlos ausverkaufte – eben dieser Mitschnitt liegt uns hier vor. Der berühmten Dreiheit machte auf der Bühne eine Rhythmussektion Gesellschaft, bestehend aus: Bassist Lee Pomeroy (der u.a. mit den bekannten »Pop-Goldkehlen« Take That sowie Jeff Lynne’s Electric Light Orchestra, It Bites, Steve Hackett, Rick Wakeman,… gespielt hat) und Schlagzeuger Louis Molino III (bekannt durch die Zusammenarbeit mit Rabin, dem Projekt Yoso und der Band Cock Robin).
Da Rabin eigentlich die Definition des Yes-Artismus der Achtziger ist – und auch noch des Albums »Talk« (1994), das wir diesmal beiseitelassen –, kombinierten die drei Musiker ihr Repertoire so geschickt, dass sie auf der Tour auch Klassiker der Achtziger spielten, also Stücke von den Alben »90125« und »Big Generator«. Gerade ersteres gilt noch heute als einer der größten Art-Rock-/Pop-Diamanten aller Zeiten des Rock ’n‘ Roll.
Rabin hat seinen Gitarrensound mit filigraner Sorgfalt auf Haaresbreite an den Klang beider Yes-Platten der Achtziger herangeführt und sich klanglich auch höchst gewieft den Klanggrundlagen von Steve Howe angenähert – wobei er, anders als Howes organischer Purismus à la »jazz meets Chet Atkins«, dem Gitarrensound mehr Fettigkeit und verzerrte Kernigkeit gelassen hat. Die Gitarre klingt absichtlich etwas kecker und rauer bei der Interpretation der Yes-Klassiker aus den Siebzigern. Rabin ist als Gitarrist zudem schlicht eine Meile besser als Howe, und die »Sensiblen« zu diesem Thema werden jetzt in die Luft springen und lieber das Urteil »eine Meile anders« akzeptieren wollen – obwohl schlicht beides gilt (anders und besser). Diese außergewöhnliche, vielschichtige musikalische Dichte Rabins, seine breite Klangvorstellungskraft und expressive Variabilität, fügen sich in Kombination mit dem Keyboard-Zauberer Wakeman auch ungleich spielerischer zusammen! Die artistische Herausforderungsfreude ist im Zusammenspiel dieser beiden Musiker erheblich intensiviert.
Da musst du kein Einstein sein, um festzustellen, dass dies von Kopf bis Fuß ein waschechtes Konzert-Yes-Album ist. Nicht nur, dass die Stücke phänomenal den Originalen folgen – Rabin und Wakeman liefern bei der Darbietung auf Schritt und Tritt einen Haufen virtuoser Kapriolen durch die Sprache der Improvisation, die eigentlich den Stil des einen wie des anderen Musikers definiert. Auf diese Weise sind alle Stücke in ihrer artistischen und klanglichen Erscheinung gewachsen, und wenn man sie mit allen offiziell veröffentlichten Konzertdokumenten von Yes vergleicht, stehen sie in dieser Ausführung ganz eigenständig da – als Manifestation einer einzigartigen und unverwechselbaren Magie, die nur das Gespann Wakeman/Rabin erzeugt. Was virtuose Bravour angeht, stellt die Neuinterpretation der Klassiker mancherorts sogar die berühmtesten Konzertalben von Yes in den Schatten – allen voran »Yessongs« und »Yesshows«. Auch Pomeroy und Molino tragen ihren Löwenanteil zu dieser besonderen Magie bei, die an jenem Abend in der Apollo-Halle geboren wurde.
Bei alledem könnte man aber noch nicht mal annähernd von irgendeinem Yes sprechen, wenn nicht der Eine und Einzige am Mikrofon dabei wäre. Jon Anderson. Seine Stimme ist konserviert, als wäre das Jahr 1968 und der Mann kaum über zwanzig. In all den Jahren hat er nicht ein Fünkchen seiner gewaltigen vokalen Ausstrahlung verloren, begleitet von einem einzigartigen und auf eine Meile erkennbaren charakteristischen Klang, der den Stücken Leben einhaucht und sie zu einem »biblischen Yes-Credo« werden lässt. Die drei Legenden sind also, unterstützt von einer erstklassigen Rhythmussektion, wieder in vollem Glanz erblüht und erleben ihren neuen Frühling!
Das Konzertdokument ist von Anfang bis Ende begeisternd. Spielerisch, übermütig, »knackig«, es platzt vor grenzenloser Dynamik, brillanten Eskapaden in den Solo-Parts, Kohärenz und Konsistenz. Ein Konzertdokument, das man nie satt hört und das am Ende regelrecht danach schreit, immer wieder und wieder auf »Play« gedrückt zu werden. Das Quintett steckt voller Details, die man noch lange entdecken kann, während man in der Konzertmagie schwelgt. Von den Achtziger-Klassikern angeführt von einem der besten Stücke der Rabin-Ära, Changes, über den höchst raffiniert in die Pop-Aura von Owner of a Lonely Heart eingeschmuggelten Metal-Riff, weiter zu Rhythm of Love, Lift me Up (eine Überraschung vom Album »Union«) und Hold On. Selbstverständlich tauschen Rabin und Anderson darin die Lead-Vocals ab, wie es auch bei den Studioversionen der Stücke der Fall ist. Atemberaubend ist besonders die Interpretation der Siebziger-Klassiker, denn man spürt, dass Wakeman die Arrangements etwas auflockern wollte, dabei aber keinen einzigen Zentimeter vom Kern der Originale abwich. Das gelang ihm, indem er Rabins musikalische Breite nutzte und sich mit ihm, wie schon gesagt, brillant zusammenfand. Das größte Highlight dieses Werkes sind genau die Neuinterpretationen der Siebziger-Klassiker – angeführt von der brillanten epischen Suite Awaken, dem zerklüfteten Prog-Epos Heart of the Sunrise und dem progressiv-volkstümlich gewordenen Klassiker Roundabout, der erwartungsgemäß das finale Crescendo liefert. Besonders hervorheben muss man die Widmung an Chris Squire in der höchst geistreich-witzigen Interpretation des »Fragile«-Klassikers Schindleria Praematurus, der 1972 in vielerlei Hinsicht die Weichen für die Entwicklung des Bassgitarrenspiels in der Rockmusik gestellt hat.
Schade, dass diese Yes-Version es nicht geschafft hat, ihr Studioalbum auf die Beine zu stellen – obwohl Wakeman in Interviews die Möglichkeit für die Zukunft nicht ausschloss. Aber das ist wenig wahrscheinlich, da Rabins aktuelle Haltung zu dieser Idee ablehnend ist. Das verwundert kaum, denn Rabin schreibt seit Jahren ausschließlich Filmmusik. Die Gruppe hatte jedoch eine Tour für dieses Jahr geplant, die jedoch nicht zustande kam. Wir wissen, warum. Als Trost bleibt uns also vorerst nur dieses erstklassige Konzertdokument. Yes-Fans haben es schon seit geraumer Zeit zu Hause, und allen anderen, die die Band nicht kennen, kann dieses Dokument als hervorragende Einführung in Leben und Werk der Progressive-Rock-Titanen dienen.
Trackliste:
CD1
1. Intro / Cinema / Perpetual Change (Medley) (11:20)
2. Hold On (8:00)
3. I’ve Seen All Good People (7:43):
(I) Your Move
(II) All Good People
4. Lift Me Up (7:11)
5. And You & I (10:40):
(I) Cord Of Life
(II) Eclipse
(III) The Preacher, The Teacher
(IV) Apocalypse
6. Rhythm Of Love (4:55)
7. Heart Of The Sunrise (11:26)
CD2:
1. Changes (6:59)
2. Long Distance Runaround / The Fish (Schindleria Praematurus) (Medley)(6:17)
3. Awaken (22:40)
4. Make It Easy / Owner Of A Lonely Heart (Medley) (9:46)
5. Roundabout (7:34)
Besetzung:
Jon Anderson – Gesang, Akustikgitarre, Backgroundgesang
Trevor Rabin – Gitarre, Gesang, Backgroundgesang
Rick Wakeman – Keyboards
Lee Pomeroy – Bassgitarre, Backgroundgesang
Louis Molino III – Schlagzeug, Perkussion
