Kansas: The Absence Of Presence
Label: InsideOut Music
Erscheinungsdatum: 28. 6. 2020
Produktion: Zak Rizvi, Phil Ehart & Rich Williams
Spielzeit: 47.25 min
Genre: Progressive Rock
Wertung: 9.0/10
Anders als viele Bands aus der goldenen Ära der Progressive-Rock-Bewegung, die heute größtenteils von alten Lorbeeren zehren und die Studioarbeit mehr oder weniger zur Nebensache erklärt haben, sind die amerikanischen Prog-Legenden Kansas nach der ‚Frischblut-Infusion‘ durch neue Mitglieder regelrecht wiedergeboren – was sie mit dem Album »The Prelude Implicit« (2016) unter Beweis stellten. Damit wurde klar, dass der Rücktritt des Originalsängers Steve Walsh der Band nicht im Geringsten geschadet hat und dass sie mit den neuen Mitgliedern nicht nur exzellente Musiker, sondern auch außergewöhnlich talentierte Songschreiber gewonnen hat.
Es kam also wenig überraschend, als Kansas das nächste Studioalbum ankündigten – »The Absence of Presence«, insgesamt ihr sechzehntes Studiowerk und das zweite mit Sänger Ronnie Platt sowie Zusatzgitarrist Zak Rizvi. Zugleich ist es das erste Kansas-Album mit Keyboarder Tom Brislin, der David Manion ersetzte. Brislin ist unter Prog-Rock-Fans wohl vor allem für seine Live-Engagements mit den Prog-Ikonen Yes bekannt, obwohl er ein genreübergreifend äußerst vielseitiger Keyboarder ist, der in seiner Karriere auch mit so unterschiedlichen Künstlern wie Meat Loaf, Debbie Harry, Renaissance und The Sea Within zusammengearbeitet hat.
Sämtliche Musik und Texte auf »The Absence of Presence« stammen von den bereits erwähnten ‚Neulingen‘, während die ‚alten Hasen‘ – sprich Leadgitarrist Rich Williams, Schlagzeuger Phil Ehart, Bassist Billy Greer und Geiger David Ragsdale – sich dem Ausfeilen von Soli und der Anleitung der neuen Mitglieder zur Entwicklung des klassischen Kansas-Klangs widmen konnten. Das ist ein weiterer eindrucksvoller Beweis dafür, wie wichtig und segensreich der Zuwachs der neuen Mitglieder für Kansas war. »The Absence of Presence« ist nämlich, ähnlich wie sein Vorgänger, ein durch und durch klassisches Kansas-Album – das heißt, es dominiert ein äußerst geschmackvoll arrangierter und melodischer Progressive Rock, der dank cleverer Riffs und temperamentvoller Gitarrenpassagen auch so manchem Hard-Rock-Fan gefallen dürfte. Die längeren Kompositionen sind zurück, und Platt wird auf einzelnen Songs von Greer und Brislin als Leadsänger erfolgreich ergänzt. Mehrere Sänger gleichzeitig zu haben ist etwas, das zuletzt auf dem Album »Somewhere to Elsewhere« (2000) der Fall war.
Schon der Opener – zugleich der Titeltrack – erinnert an die goldene Ära von Kansas, also die Siebziger. Alles, was Kansas in ihrer besten Zeit auszeichnete, ist wieder da: melancholische symphonische Arrangements, sinnliche Violinharmonien, erstklassige Mehrstimmigkeit, knackige und gleichzeitig intelligente Gitarrenpassagen sowie ein epischer Refrain. Platts Stimmfarbe ähnelt der von Walsh stark – das ist der Hauptgrund, warum Kansas-Fans ihn nach der Pensionierung des charismatischen Gründungsvokalistens so herzlich aufgenommen haben. »Throwing Mountains« ist etwas druckvoller, ein ausgesprochen dramatisches Stück, in dem vor allem Ragsdale mit seinen eklektischen Passagen auf der E-Geige glänzt, während der einäugige Gitarrenass Williams mit einem farbenfrohen Solo begeistert. Platts Gesang ist erneut außergewöhnlich und verdient glatt die volle Punktzahl.
Auch »Jets Overhead« wird alle Prog-Gourmets begeistern, die bei Kansas jahrelang die Rückkehr zum kompositorischen Niveau der Siebziger und einen größeren Anteil symphonischer Elemente vermisst haben. Auch hier stehen brillante Vokalharmonien im Vordergrund, die schon immer eines ihrer Markenzeichen waren. »Propulsion 1« ist ein kurzes, aber feines Instrumental, auf dem vor allem Brislin mit dem Aufbau majestätischer Keyboard-Arrangements glänzt. »Memories Down the Line«, bei dem vor allem Platts Gesangsdarbietung begeistert, ist eine eklektische Power-Ballade mit starkem Nostalgie-Charakter, während »Circus of Illusion« mit brillant gewählten Synthesizer-Texturen und dramatischen Tempowechseln zu den Highlights des Albums zählt. »Animals On the Rooftop« punktet mit majestätischen symphonischen Arrangements und einer sich stetig steigernden Ambient-Dramatik. »Never« ist eine epische Power-Ballade, die mit den klassischen AOR-Balladen, die Kansas in den Achtzigern produzierten, kaum etwas gemein hat – sie steckt voller eklektischer Instrumental-Einschübe und entschlossener Gitarrensoli. Das Album schließt mit dem Symphonic-Prog-Epos »The Song the River Sang«, einem weiteren Ambient-Höhepunkt, auf dem Brislin als Leadsänger in Erscheinung tritt und seine ungewöhnliche Aufgabe mit Bravour meistert.
»The Absence of Presence« ist ein Album für alle Kansas-Anhänger, die die legendäre Band vor allem als wichtigste Vertreter des amerikanischen Progressive Rock schätzen. Die legendäre Band klingt mit Unterstützung der ‚Neulinge‘, die voller ausgezeichneter Kompositions- und Arrangementideen stecken, durchgehend frisch und kann sich problemlos mit zahlreichen modernen Prog-Revivalisten messen, die bestimmte Kansas-Klangelemente besonders gerne imitieren – auch wenn sie das Original niemals übertreffen werden. Das Endergebnis ist eines der besten Kansas-Alben seit dem Ende der Siebziger und zugleich ein Kandidat für einen der Prog-Rock-Höhepunkte des Jahres 2020. Zur Klasse von »The Absence of Presence« trägt maßgeblich auch die exzellente, zeitgemäße Produktion unter der Regie von Williams, Ehart und Rizvi bei, sowie das großartige Cover, das ästhetisch und motivisch an einige Albumcover von Bands der italienischen Prog-Rock-Szene erinnert.
Autor: Peter Podbrežnik
Trackliste:
01. The Absence Of Presence
02. Throwing Mountains
03. Jets Overhead
04. Propulsion 1
05. Memories Down The Line
06. Circus Of Illusion
07. Animals On The Roof
08. Never
09. The Song The River Sang
Besetzung:
Ronnie Platt – Gesang, Hintergrundgesang
Rich Williams – Gitarre
Zak Rizvi – Gitarre, Hintergrundgesang
Tom Brislin – Keyboards, Hintergrundgesang, Gesang auf Track Nr. 4
David Ragsdale – Violine, Hintergrundgesang
Billy Greer – Bass, Gitarre, Hintergrundgesang
Phil Ehart – Schlagzeug, Perkussion
