Winger: Seven
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 5. 5. 2023
Produktion: Kip Winger
Albumlänge: 56.22 min
Genre: Hard Rock / Art Rock
Bewertung: 9.0/10
Winger sind im vergangenen Mai mit ihrem neuen Studioalbum zurückgekehrt. Dem siebten. Und der Name? »Seven«. Wie sonst? Die Alben kommen bei der Band wirklich im Schneckentempo raus. Dass sie dabei nicht in Vergessenheit geraten, verdanken sie dem wiedererkennbaren Namen, den Winger mit den ersten drei Albumklassikern gefestigt haben. Das war vor langer Zeit.
Und Winger gut dreißig Jahre später? Sie klingen ganz anders als damals, als ein Testosteronüberschuss maßgeblich darüber entschied, in welche Richtung die Karriere der Band steuerte. Die Realität des Bandbetriebs im neuen Jahrtausend ist jedoch: Kip Winger stürzt sich nicht ohne Grund ins Aufnehmen von neuem Material. Wenn er keine kreative Energie spürt, ruht er. Das ist der einzig richtige Ansatz. Weniger ist mehr. Und »Seven«, das nach satten neun Jahren seit »Better Days Comin’« endlich da ist, folgt den reifen künstlerischen Verschiebungen, deren entschlossener Vorbote bereits das Album »Karma« (2009) war — und den Nachfolger, das bereits erwähnte »Better Days Comin’« (2014), hat das nur bestätigt. Also: Winger sind schon lange keine Glam-Metaller mehr, auch keine Hard Rocker im klassischen Sinne. Und schon gar keine Band, die auf dem alten Ruhm der ersten drei Alben herumreitet. Diese Art von Pathos kommt für Kip Winger und seine Crew nicht in Frage.
Die letzten drei Alben – einschließlich des neuesten »Seven« – sind daher eine edle und farbenreiche Mischung aus hochoktanigem, knallhart arrangiertem Art/Hard Rock, der sich hemmungslos mit progressiven Elementen einlässt. Das Kompositionsniveau hält dabei die musikalische Eingängigkeit und Ansteckungskraft durch eine clever eingesetzte Pop-Art-Rhetorik aufrecht, die die kräftige Natur des Ganzen geschickt abfedert. Das verleiht dem Album eine wunderbar dynamische Entwicklung über die gesamte Spielzeit sowie eine Vielzahl von Stimmungswechseln. Natürlich fehlt auch der Sinn für Pomp und Dramatik nicht — er gipfelt im definitiv stärksten Abschlussmoment des Albums mit der herausragenden Mini-Epicsuite It All Comes Back Around. Knaller wie Proud Desperado, Heaven’s Falling oder etwas später Resurrect Me sind zündende Untergrund-Angreifer mit hochgradig einprägsamen Refrains, die dem Album auf der anderen Seite eine ordentliche Portion Punch und die nötige Rockhärte verleihen.
Das Ergebnis auf dem neuen Album ist einmal mehr eine Demonstration eines eigenständigen Künstlertums — eine einzigartige und unverwechselbare musikalische Geschichte, die gleichzeitig bestätigt, dass das Duo Kip Winger und Reb Beach nicht nur essenziell für den musikalischen Charakter der Band ist, sondern in seiner forschenden Visionärschaft über die Jahre einen unglaublichen künstlerischen Sprung in der musikalisch-expressiven Reife vollzogen hat.
Die Songs sind bis ins kleinste Detail ausgefeilt und haben alles. Das Niveau der Musikalität, das unter die Haut geht, den unverkennbar kehligen Vokal-(‚forte‘-)Charakter von Kip Winger, Middle-Eight-Passagen, die mit Meisterwerken des einzigartigen Gitarrenvirtuosen Reb Beach gespickt sind — diese Songabschnitte sind eine Delikatesse für sich innerhalb der Kompositionen. Die Songs bauen auf starken Motiven auf, die eine klare gegenseitige Vielfalt zwischen den einzelnen Tracks definieren. Das bedeutet, dass das Kompositionsniveau keine Ausrutscher kennt und keine ungeschickten, unversöhnlichen künstlerischen Lösungen bietet, die dem Album Dynamik und hohen Fluss der Ereignisse nehmen würden.
»Seven« besitzt ein hohes Maß an Musikalität, das vor allem in den Refrainmelodien kulminiert. Dabei verliert es keinen Moment den roten Faden. Gleichzeitig sind die Kompositionen mit vielen Details bildreicher Übergänge und Wendungen in den Middle-Eight-Passagen ausgestattet und zudem meisterhaft durch Vor-Refrains erweitert — was vom Hörer ein höheres Maß an Konzentration verlangt. Das Album geht also nicht auf Anhieb unter die Haut, sondern fordert ein paar Durchläufe mehr. Aber wie gesagt: Es trägt eine eigenständige künstlerische Handschrift und kennt keine „trivialen Kompositionslösungen“, die ein Gefühl von aufgewärmter alter Suppe oder künstlerischem Abstieg ins Generische erzeugen würden. Ein exzellentes Album, das dich mit Pomp und Druck füllt, gleichzeitig aber mit den Kapriolen kreativer Inspiration — an denen es »Seven« wahrlich nicht mangelt — den Hörer ständig beschäftigt und ihm jede Menge zusätzliche Feinheiten und Details enthüllt, die Teil dieser Kompositionsweise sind.
»Seven« ist also eine Spitzenleistung einer Legendenband. Künstlerisch ist es ein vollwertiger Anschluss an die überragenden Vorgänger »Better Days Comin’« (2014) und »Karma« (2009) und der Beweis, dass Kip Winger und seine Crew im Liefern ihres Besten nicht nachlassen. Zu hoffen bleibt, dass wir auf das nächste Winger-Album nicht wieder satte neun Jahre warten müssen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Proud Desperado
2. Heaven’s Falling
3. Tears Of Blood
4. Resurrect Me
5. Voodoo Fire
6. Broken Glass
7. It’s Okay
8. Stick The Knife In And Twist
9. One Light To Burn
10. Do Or Die
11. Time Bomb
12. It All Comes Back
Besetzung:
Kip Winger – Gesang, Bass, Keyboards, Akustikgitarre
Reb Beach – Gitarre, Hintergrundgesang
Rod Morgenstein – Schlagzeug
Paul Taylor – Keyboards, Gitarre
John Roth – Gitarre, Hintergrundgesang
