The Winery Dogs: III
Label: Three Dog Music
Erscheinungsdatum: 3. 2. 2023
Produktion: The Winery Dogs (Mix: Jay Ruston)
Albumlänge: 50.52 Min.
Genre: Progressive Rock / Hard Rock
Bewertung: 9.0/10
Angesichts der ständigen Auslastung der drei Akteure von The Winery Dogs war es eigentlich kaum vorstellbar, dass wir jemals ein weiteres Studiowerk der Band erleben würden. Und doch ist es passiert. Im Februar dieses Jahres erschien nämlich das dritte Studioalbum der Truppe, die drei Superstars der internationalen Rock- und Metal-Szene unter einem Dach vereint. Und die brauchen keinerlei Vorstellung.
Interessant ist, dass Richie Kotzen (Gesang, Gitarre, Keyboards), Billy Sheehan (Bass) und Mike Portnoy (Schlagzeug) mit ihrem dritten Album das musikalisch zugänglichste Werk abgeliefert haben, verglichen mit den beiden Vorgängern — dem gleichnamigen Debüt von 2013 und dem Nachfolger „Hot Streak“ von 2015. Die Band hat mit ihrer Gründung 2012 und zwei Alben, die in relativ kurzer Abfolge erschienen, in der Musikwelt dieser Galaxie genug Staub aufgewirbelt, sodass die Nachfrage nach einem Nachfolger (und das Interesse an der Band) auch in den acht Jahren danach groß genug blieb. So fand das Trio in dieser Zeit schließlich die Zeit und den Raum, ihr drittes The Winery Dogs-Album zu schaffen.
Wer die beiden Vorgängeralben kennt, weiß: mit den Winery Dogs ist nicht zu spaßen. Drei in sich geschlossene Entitäten, bis an die Zähne bewaffnet mit technischer Brillanz und vor allem einem ausdrucksstarken Alleinstellungsmerkmal — das sich aus der Kräfteverteilung im Dreieck des Trios ergibt — liefern eine musikalische Geschichte, der in Sachen künstlerischer Expression schlichtweg nichts das Wasser reichen kann. Drei Musiker mit unglaublichen Karrieren im Rücken (Sheehan und Kotzen waren zwischen 1997 und 2002 auch Mitglieder von Mr. Big), mit Erfahrung und Souveränität, bleiben in dem, was die Substanz des Albums „III“ ausmacht, atemraubende musikalische Entitäten. Auf individueller Ebene. Und wenn diese drei Individualisten zum Trio verschmelzen, verstärkt sich die Faszination der individuellen Ebene gegenseitig, trägt sich vibratorisch und energetisch und erreicht so — durch einen neuen musikalischen Ausdruckskörper — ein absolutes künstlerisches Unikat und ein Juwel.
Das Album „III“ strotzt vor brillanten solistischen Ausflügen aller drei Musiker, was alle Freunde progressiver Genreelemente freuen wird, mit denen sich „III“ schmückt. Kotzens Rhetorik verleiht dem Ganzen gelegentlich einen Hauch Blues, vor allem durch bestimmte Gitarrenlösungen — eine Erkenntnis, die auch sein spezifischer Soul-Gesang unterstreicht (z.B. Lorelei könnte auf jedem beliebigen Kotzen-Soloalbum landen). Einstiegs-, Übergangs- und Ausstiegspassagen sind beherzt gewürzt mit Sheehans oder Kotzens improvisatorischen Ausbrüchen, und Portnoy steht dem in nichts nach mit seinem bilderreichen und für ihn typischen Brechen rhythmischer Strukturen. Die gegenseitige Ergänzung ist außergewöhnlich.
Also. Das Album „III“ biegt sich erneut unter all den improvisatorischen Ausbrüchen und Figuren, die einem schlicht den Atem verschlagen. Keine Bremsen hier. Interessant ist aber, dass „III“ musikalisch spürbar ausgewogener ist. Das bedeutet: In den Kompositionen lässt sich der Faden der Strophe-Refrain-Beziehung leichter verfolgen. Was die Formatierung eingängiger Refrainmelodien angeht, ist „III“ eine deutliche Steigerung gegenüber beiden Vorgängern. Schon das eröffnende Xanadu ist der sofortige Beweis dafür. Auch bei den entspannteren Teilen des Albums hat man das Gefühl, dass der rote Faden der Kompositionsstruktur besser nachvollziehbar ist als je zuvor. Ein Beispiel dafür ist etwa Stars. Die ausgedehnte Mid-Eight-Passage ist dort atemberaubend formatiert. Portnoy und Kotzen fangen sich durch einen exzellenten improvisatorischen Dialog (in dieser Passage) im letzten Moment meisterhaft am Rand des Abgrunds einer möglichen Fragmentierung des Stücks und führen es in einen der ansteckendsten Refrains des Albums „III“.
Das Album „III“ bewahrt auch eine außergewöhnliche organische Lebendigkeit. Es beweist, dass das Material, das auf dem Album gelandet ist, nach dem Prinzip eines Live-Auftritts des Trios im Studio aufgenommen wurde. Ein erwartbarer Schachzug des Trios. Das ist ein unverzichtbares Element, das jeden solchen Release begleiten muss. Mit so wenig nachträglichen Studiokorrekturen und -aufhübschungen wie möglich. „III“ ist eine lebendige und „entblößte“ Bestie, die einen in ihrer ganzen Ehrlichkeit und Unverblümtheit sofort packt und in sich hineinsaugt. Und dabei ist es unglaublich, wie viel vom verfügbaren Spektrum des Klangbilds diese drei Musiker abdecken. Die Anordnung der Bausteine ist außergewöhnlich. Optimiert. Die Kontraste sind magnificiert und ergänzen sich mit gesteigerter Intensität. Der Groove des Albums ist riesig. Geradezu „beängstigend“, wenn man so will.
The Winery Dogs sind in musikalischer Hinsicht ihre eigene Geschichte. Rund um die Band hat sich daher ein eigenartiges Publikum aus der anspruchsvolleren Fraktion versammelt — im Einklang mit dem Anspruch der musikalischen Aussage, für die The Winery Dogs stehen. Kotzen ist ein vokales Sonderphänomen und eigentlich das erste Element der The Winery Dogs-Geschichte, das darüber entscheidet, ob du dich auf die Musik der Band weiter einlässt oder sofort einen Haken draus machst. Aber das ist kein Einzelfall in der Geschichte des Rock ’n‘ Roll, wenn wir von ähnlichen, auf weite Sicht einzigartigen und besonderen Super-Trio-Rock-Formationen sprechen, denen nichts das Wasser reichen kann (Rush, The Police, Motörhead fallen einem da sofort ein).
Bums! Raserei. Wahnsinn. Such dir was aus. Aber am Ende ist nicht alles Wahnsinn. Das erwähnte Bluesstück Lorelei ist z.B. jener Moment des Albums, in dem The Winery Dogs mit einer außergewöhnlich sinnlichen Sanftheit aufwarten. Also! Das Album „III“ vermittelt zwar das Gefühl, dass das Trio diesmal mehr Aufmerksamkeit auf die Betonung und Aufrechterhaltung des Strophe-Refrain-Formats gelegt hat als früher — liefert aber gleichzeitig wieder so viel Abwechslung und improvisatorische Akrobatik, dass The Winery Dogs für eine ganz bestimmte musikalische Zuhörerschaft mit anspruchsvollerem Geschmack ein konkreter künstlerischer Knochen zum Nagen bleiben, unter denen es an musikalischen Professoren und Streber aller Art keineswegs mangelt. Die werden auch beim Konzert der Band in Ljubljana am 29. 10. 2023 nicht fehlen! Es ist eine schöne Erkenntnis, dass sich Portnoy, Sheehan und Kotzen trotz ihrer prall gefüllten musikalischen Terminkalender dennoch zusammengefunden und ein weiteres großartiges neues The Winery Dogs-Album aufgenommen haben! In jeder Hinsicht einzigartig und anders als alles, was du auf der Landkarte des Rock ’n‘ Roll findest. Möge das auch in Zukunft so bleiben!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Xanadu
2. Mad World
3. Breakthrough
4. Rise
5. Stars
6. The Vengeance
7. Pharaoh
8. Gaslight
9. Lorelei
10. The Red Wine
Besetzung:
Richie Kotzen – Gitarre, Keyboards, Gesang
Mike Portnoy – Schlagzeug, Percussion, Hintergrundgesang
Billy Sheehan – Bass, Hintergrundgesang
