Vanishing Point: Dead Elysium

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Label: AFM Records
Erscheinungsdatum: 28. 8 .2020
Produktion: Dean Well
Albumlänge: 59:42 Min.
Genre: Power Metal/Progressive Metal
Wertung: 8.5/10


Vanishing Point sind langjährige australische Metaller, die seit jeher den Drahtseilakt probten und damit die Balance zwischen den Inhalten des Power-Metal-Spiels und dem Einbinden von Progressive-Metal-Elementen suchten. Betrachtet man allein das Gründungsjahr der Band, nämlich 1996, wird klar, dass Vanishing Point mit ihrem Stil das größte Interesse gerade in der ersten Ära ihres Schaffens ernten konnten – als Bands, die damals das musikalische Prinzip »neu entdeckten« und es im Metal recycelten, äußerst gefragt waren. Mit ihrem zweiten Album »Tangled In Dream« (2000) gelang es der Band sogar, in eine Europatournee einzuspringen, bei der sie als erste Vorgruppe die Konzertabende vor den Legenden des europäischen Power Metals aus Hamburg, Gamma Ray, eröffneten. Die zweite Vorgruppe dieser Tournee waren die Finnen Sonata Arctica. Aber das ist Vergangenheit, mit der uns schöne Erinnerungen verbinden – erst recht, wenn ihr diese Zeilen lest und am 11. 10. 2001 im (heute bereits abgerissenen und vergessenen) Wiener Veranstaltungsort Planet Music dabei wart.

Tatsächlich gelang der Band der große Wurf nicht, um die Herzen der breiten Masse zu erobern, weshalb ihre weitere Geschichte ziemlich konkrete Zeitabstände zwischen den einzelnen Albumveröffentlichungen aufweist. Wenn man dazu noch die Strapazen rechnet, die die Band wegen der Instabilität der Besetzung plagten, kommt man am Ende zu dem Schluss, dass es schon ein Wunder ist, dass Vanishing Point ihre Karriere fortsetzen. Wie auch immer – hier ist also das sechste Studioalbum der Band: »Dead Elysium«.

Der große Wert der heutigen Vanishing Point liegt darin, dass die Besetzung zwei grundlegende Mitglieder ihres Schaffens umfasst, die die künstlerische Glaubwürdigkeit der Band über alle Alben hinweg – auch das neue – garantieren. Das sind der hervorragende Sänger Silvio Massaro und Gitarrist Chris Porcianko.

»Dead Elysium« ist alles, was du von Vanishing Point eigentlich erwartest. Ja. Auch im nostalgischen Sinne. Wenn ihr die Band kennt und ihr zugetan seid, werdet ihr keine Zeit mehr mit dem Lesen dieses Textes verschwenden. Die Band ist wieder durch und durch musikalisch, sucht und entwickelt die Höhepunkte der Atmosphäre und Bombastik in eingängigen Vokalmelodien – der eigentliche Hauptantreiber aller Entwicklungen ist aber der ausgezeichnete Gesang von Silvio Massaro, der auch nach fast 25 Jahren Bandgeschichte noch immer eine außergewöhnliche Prägnanz und Durchdringungskraft beibehält. Er stürmt nicht bedingungslos in höchste Höhen, entwickelt aber eine außerordentlich ansprechende Kraft, Autorität und einen fesselnden vokalen Charakter, den ein Crossover zwischen Power und Prog Metal wie Vanishing Point schlichtweg braucht. Stellt euch zum Vergleich ein paar Bands vor, die zu Elementen des Progressive Metal greifen und gleichzeitig alles auf Ultra-Musikalität und Bombastik setzen – z.B. Evergrey, Circus Maximus, Pagan’s Mind, Pyramaze oder sogar der spätere Angel Dust. Gerade wurden, mit Ausnahme der letzten, ausschließlich skandinavische Bands aufgezählt – und glaubt mir: Vanishing Point klingen sehr »europäisch«, obwohl sie Australier sind. Old-School, heute natürlich schon ziemlich veraltet, aber liebenswert traditionell – weshalb dieses Album vor allem die Jahrgänge 1975 bis 1985 interessieren wird, die von den frühen Alben der Band überzeugt wurden.

Bis einschließlich des musikalisch äußerst eingängigen Free läuft das Album ungemein mitreißend, mit hoher dynamischer Flüssigkeit und Schwung – es entfaltet eine schöne inhaltliche Vielfalt. Die Gitarrenphrasen sind richtig geschärft und gezähnt, und das Album ist hart. Produktionstechnisch das härteste Album der Bandgeschichte; die Integration der Keyboards sorgt dabei für einen echten Kontrast zwischen dramatischer Theatralik und verschiedenen Stimmungslagen. Chris Porcianko hat im neuen Mitglied und Gitarristen James Maier einen ausgezeichneten und ebenbürtigen Kompagnon gefunden, und das Album ist vollgepackt mit rauschenden solistischen Eskapaden in den Middle-Eight-Passagen und – wie gesagt – druckvoller Distortion, die angenehm destruktiv wirkt.

Im zweiten Teil des Albums »hakt« es sich mehrfach auf progressive-metal-artige Weise ein, was den ziemlich vorhersehbaren Kompositionscharakter etwas auflockert – auch wenn man sich wünschen würde, dass es auf dem neuen Werk mehr solcher Experimente gibt. Aber offensichtlich war »Dead Elysium« für die Band in erster Linie ein Überlebenstest. Des Fortbestands – oder wie der weise Urvater der Slowenen Primož Trubar sagen würde: »Stati inu obstati!« Diese Aufgabe haben Vanishing Point mit »Dead Elysium« mit Bravour und im Stil erfahrener alter Hasen gemeistert, die obendrein auch konzeptionell bestens aufgestellt waren, um ihr Ziel zu erreichen und ein Album als erstklassige Anknüpfung an frühere Studioerfolge zusammenzustellen. Das neue Vanishing-Point-Album „Dead Elysium“ ist die Fortsetzung der Geschichte von dem Punkt an, an dem der Vorgänger „Distant Is The Sun“ (2014) endete. Hoffen wir, dass man auf das nächste Album nicht mehr als drei bis vier Jahre warten muss und dass die Band zumindest mit einer leichten künstlerischen Abweichung aufwartet. An Reife und Erfahrung – und auch an Talent – mangelt es ihr dafür sicherlich nicht. Erst recht angesichts der mutigen neuen Crew, die die richtigen Verbindungen und kreativen Kräfte des gegenseitigen Wirkens gefunden hat. Willkommen wieder zu Hause, Jungs!

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Dead Elysium (7:01)
2. Count Your Days (6:15)
3. To The Wolves (5:56)
4. Salvus (5:16)
5. The Fall (5:21)
6. Free (7:15)
7. Recreate The Impossible (5:58)
8. Shadow World (4:36)
9. The Healing (6:02)
10. The Ocean (6:01)

Besetzung:
Silvio Massaro – Gesang
Chris Porcianko – Gitarre, Orchestrierungen, Hintergrundgesang
James „Bushy“ Maier – Gitarre
Adrian Alimic – Bassgitarre
Gaston Chin – Bassgitarre
Damien Hall – Schlagzeug
Jennifer Borg (Divine Ascension) – Gastgesang


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