Steve Howe: Love Is
Label: BMG Rights Management (UK) Ltd
Erscheinungsdatum: 31. 7. 2020
Produktion: Steve Howe
Albumlänge: 43.25 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 7.0/10
Steve Howe hat in seiner Karriere unter anderem auch alle Prüfungen darüber abgelegt, wie man ein schlechtes Album aufnimmt. Ein unliebsamer Einstiegssatz, der sich jedoch als »roter Faden« des vorliegenden Beitrags erweist. Der hochgeschätzte Gitarrist, einer der renommiertesten überhaupt, begann nach seinem Einstieg bei einer der wegweisenden Bands des Progressive-Rock-Pionierismus im Jahr 1970 nach und nach zu zeigen, wie viele verschiedene und unerprobte musikalische Gefilde der Rock noch absorbieren kann, um dabei im Überlieferten noch reicher, noch herausfordernder und noch inspirierender zu werden. Steve Howe gilt bis heute als einer der Hauptakteure bei der Formierung und Grundlegung des Genres Progressive Rock – und das ganz direkt gesagt. Sein Beitrag ist in der Gesamtbilanz ein bedeutsamer Faktor für die Entfaltung der Entwicklungssphären des Rocks in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre.
Interessant dabei ist, dass der Kerl bis zum Yes-Album »Relayer« (1974) sein gesamtes Repertoire und den Großteil seiner Gitarren-Tricks und »Finessen« zur Schau gestellt hatte. Sein Stil und sein Sound wurden zementiert und sind auf eine Meile weit erkennbar – und sie sind der entscheidende Faktor, an dem das musikalische Ansehen einer beliebigen Band (Yes, Asia, auch GTR und ABWH), aber auch der vielen Soloalben, die Steve in seiner Karriere veröffentlicht hat, steht und fällt. Doch seit Mitte der Siebziger hat sich der Kerl im künstlerischen Sinne nicht mehr weiterentwickelt. Ideen-technisch hat er auch nicht mehr sonderlich überrascht, obwohl einige seiner Studioalben durchaus lobenswert sind. Instrumentaler Natur. Das ist es wert zu betonen, wenn wir uns dem jüngsten Werk von »Mr. Eule« zuwenden – wie man den legendären Gitaristen aufgrund seines Aussehens scherzhaft nennt –, nämlich »Love Is«.
Steve wurde also statt Howe für einen Moment Steve Love. Und was bedeutet Liebe für Steve Howe? Absoluter innerer Frieden und die Erzeugung makellos positiver Schwingungen, bei denen die Umgebung sofort aufblüht und selbst die finstersten und übelgelauntesten Stirnrunzler zum Synonym für Glückskatharsis werden. Vielleicht stimmt das sogar. Erst recht, wenn man bedenkt, dass der Mann sich seit vielen Jahren mit transzendentaler Meditation beschäftigt, mit der er seine Persona täglich erfüllt, und dass er sein letztes Steak beim amerikanischen Teil der Yes-Tour 1972 gegessen hat. Das hat sich in Yes-Zeiten – also in den alten Zeiten – gut bewährt, aber heute, und vor allem in den letzten fünfzehn Jahren, würde man sich wünschen, dass Howe doch ab und zu in einem Restaurant ein medium gebratenes Beefsteak bestellt. Diese übertriebene Laid-Back-Haltung zeigt sich in der Fülle von Sing-Sang-Melodien, die die letzten »post Anderson era« Yes-Alben füllen, aber auch seine Studioalben beziehungsweise die »Leftover«-Material-Alben, die in seiner »Homebrew«-Serie erscheinen, und die sehr geschmeidig daherkommen und den Eindruck vermitteln, dass »Mr. Eule« mit der ideellen Reichweite seines neuzeitlichen Komponierens schnell zufrieden ist. Nicht zuletzt spiegelt das auch »Nexus« wider, das gemeinsame Album mit seinem verstorbenen Sohn Virgil, das Howe sehr mangelhaft abgeschlossen hat (auch in der Rolle des Produzenten).
»Love Is« ist ein weiteres solches Album gemischter Gefühle. Es enthält zehn Songs. Fünf sind instrumental, fünf vokal. Sobald das Album mit dem Stück Fulcrum eröffnet, ist klar, wer hier mit uns ist. Eine filigrane Fusion aus ruhig und zerebral-esoterisch dosierten Tönen, unterlegt mit gelegentlichen Jazz-»Fingerstyle«-Figuren und einem leichten, bis verspielt sonnigen, keltischen Mystiksentimental, was Howes markante Gitarrensprache charakterisiert. Alles ist da. Von der Fülle an Saiten »exotischer« Instrumente, der Steel Guitar, der zwölfsaitigen Akustikgitarre und dem organischen Klangbild der edelsten Halbakustikgitarren. Das skizziert das Eröffnungsinstrumental Fulcrum. Steve spielte Bassgitarre (auf den Instrumentalstücken) und steuerte Keyboards bei. Kurzum, er hat dem Album viel Zeit gewidmet. Dem Feinschliff der Arrangements.
Fünf Tracks sind vokal. Leider. Noch größere Ironie ist, dass auf dem Album der aktuelle Sänger der Yes-Besetzung Jon Davison als Backgroundsänger mitwirkt. Besser wäre es umgekehrt gewesen: Howe hätte den Backgroundgesang beigesteuert, doch dann würde das Album zu sehr an aktuelle Yes erinnern. So vermurkst Howes Grummeln schlicht die Hälfte des Albums. Also ja. »Love Is« würde in diesem Fall auch Howes grenzenlose Liebe zum Singen bedeuten, die nichts aufzuhalten vermag. Auch nicht die damit einhergehende schlechtere Qualität der Songs, die man dabei auf dem Album veröffentlicht. Der Gipfel dieser Süßlichkeit, wenn nicht gar Peinlichkeit, die stellenweise geradezu aufgesetzt wirkt, ist das Vokaltück Imagination, das Howe seiner »Schnuckelchen«-Enkelin Zani gewidmet hat. Von den Vokalnummern trägt Love Is A River noch das meiste Potenzial in sich, das vom Arrangement her am ehesten »progressiv« anmutet.
»Love Is« hat durchaus ein wirklich schönes künstlerisches Potenzial – zumindest dann, wenn Steve Howe auf den fünf Gesangsstücken des Albums nicht selbst singen würde. Doch der Mann hat sich anders entschieden, und das ist sein gutes Recht, denn die künstlerische Freiheit gebietet es ihm so. Die Hoffnung, etwas zu bekommen, das zumindest an »Spectrum« (2005) heranreicht, hat sich als utopisches Wunschdenken eines unverbesserlichen Altfans der guten alten Yes erwiesen – was nur bestätigt, dass die Zeit nicht nur Steve Howe überholt hat, sondern auch den Rezensenten dieses Beitrags, der auch künftig lieber bei den ersten drei Studioalben von Howe bleibt. Steve-Howe-Fans werden dieses Album also bedingungslos in ihre Sammlung aufnehmen, die anderen werden behutsam zu jenen Werken greifen, auf denen dieser ansonsten hochrespektierte Musiker mehr Einfallsreichtum, kreative Bissigkeit und ansprechende, experimentelle Selbstherausforderung ausgestrahlt hat. Offensichtlich kann übertriebene, ja geradezu überflüssige Liebe von Zeit zu Zeit auch einigen Schaden anrichten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
01. Fulcrum
02. See Me Through
03. Beyond The Call
04. Love Is A River
05. Sound Picture
06. It Ain’t Easy
07. Pause For Thought
08. Imagination
09. The Headlands
10. On The Balcony
Besetzung:
Steve Howe – Gitarre, Pedal Steel, Keyboards, Gesang auf den Stücken Nr. 2, 4, 6, 8 und 10, Bassgitarre auf den Stücken Nr. 1, 3, 5, 7 und 9
Jon Davison – Backgroundgesang und Bassgitarre auf den Stücken Nr. 2, 4, 6, 8 und 10
Dylan Howe – Schlagzeug
