Toby Hitchcock: Changes
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 9. 7. 2021
Produktion: Alessandro Del Vecchio
Albumlänge: 46.17 min
Genre: AOR/Melodic Rock
Wertung: 9.0/10
Toby Hitchcock gilt als einer der angesehensten, unverwechselbarsten und charismatischsten Vokalisten der aktuellen Melodic-Rock- und AOR-Szene. Der amerikanische Sänger, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Pride of Lions, hat mit seinem stimmlichen Beitrag zur Verwirklichung einiger der besten neuen Klassiker des Genres beigetragen. Seine ausgesprochen leidenschaftliche und gefühlvolle Stimme wird von Musikkritikern immer wieder mit Namen wie Bobby Kimball (Toto), Jimi Jamison (Survivor) oder Lou Gramm (Foreigner) verglichen. Eine Gesellschaft, die sich wirklich niemand zu schämen bräuchte.
Während sich Hitchcocks Pride Of Lions-Kumpel – der legendäre Jim Peterik – mit dem Schreiben eines neuen World Stage-Albums beschäftigt, hat sich Toby Hitchcock an die Schaffung eines neuen Soloalbums gemacht. Nach den hervorragend aufgenommenen Vorgängern „Mercury’s Down“ (2011, RockLine Rezension) und „Reckoning“ (2019, RockLine Rezension) ist „Changes“ nun Hitchcocks drittes Soloalbum. Dafür hat sich Toby mit dem Hausproduzentem von Frontiers Music Srl. zusammengetan – dem Mädchen für alles des Labels, dem Multi-Instrumentalisten und Komponisten Alessandro Del Vecchio, der einige faszinierende neue Stücke für Tobys tödlichen Tenor geschrieben hat.
Die Gitarren steuerte diesmal der skandinavische Musiker Martin Jepsen Andersen bei, seines Zeichens Gitarrist von Blindstone, der seinen Job mehr als ausgezeichnet erledigt hat. Auch alle anderen Bausteine wurden, obwohl jeder an einem anderen Ende des Planeten aufgenommen, hervorragend zu einem Ganzen zusammengefügt – das Ergebnis vermittelt den Eindruck eines Bandalbums und nicht unbedingt eines Solointerpreten. Bei den Drums integrierte Del Vecchio seinen Landsmann Nicholas Papapicco, der sich damit allein in diesem Jahr als Studiomusiker bereits in sein viertes Album eingetragen hat. Zuvor hatte er noch in diesem Jahr die Drums für das neue Studioalbum von Robin McAuley, das Debüt der Band Mayank und das neue Inner Stream-Album beigesteuert. Del Vecchio übernahm also den Löwenanteil des Arrangierens und Komponierens und erledigte die Produktion. Er spielte die Keyboards, er spielte die Basslinien – besonders hervor stechen seine ausgesprochen fetten und knackigen, dabei aber extrem melodischen Linien innerhalb des dramatischen Garden Of Eden oder Say No More. Hervorzuheben ist auch das äußerst gelungene Arrangement des Stücks Before I Met You. Im Original trägt es den Namen Xano Esena und stammt von der griechischen Sängerin Despina Vandi. Die Albumeröffnung mit Forward wirkt im Stil des skandinavischen AOR-Revivalismus – ganz in der Art von Palace.
Hitchcock ist brillant. Mindestens brillant. Explosiv, ausdrucksstark in jeder Lage und unglaublich leidenschaftlich und gefühlvoll. Dominant und mitreißend. Ein solches Album macht wegen dieser stimmlichen Brillanz schlicht Spaß beim Zuhören. Obwohl Del Vecchio ständig bis zum Hals mit zahlreichen Musikprojekten beschäftigt ist, ist es ihm gelungen, den Großteil des Materials von „Changes“ so zu formen, dass die Songs in jeder Hinsicht überzeugend stehen und eine Qualität erreichen, mit der „Changes“ gegenüber „Reckoning“ und „Mercury’s Down“ keineswegs zurückfällt. Don’t Say Goodbye ist eine dramatische Ballade, in der jener Hauch von Chanson zum Vorschein kommt, der Toby Hitchcocks Ansatz seit jeher begleitet, wenn es um ruhigere Stücke geht. Auch hier beweist er, dass Balladen zu seinen stärksten Ausdrucksmitteln als Sänger gehören. Das bestätigt noch einmal das letzte Stück des Albums, Losing You, die zweite Ballade des Albums – und die trifft noch tiefer.
Das Album ist konzeptionell äußerst gelungen abwechslungsreich gestaltet, und Hitchcock ist in seinem vokalen Chamäleonismus ein entscheidendes Element, das für ein ständiges Auf und Ab des dramatischen Theaters innerhalb des Albums sorgt – das hält den Hörer davon ab, das Gefühl einer vorhersehbaren Entwicklung zu bekommen. Say No More sticht mit seinem ungemein bewegten vokalen Ansatz heraus, mit dem der Sänger die unglaublichen Reize seines außergewöhnlichen Stimmtalents unter Beweis stellt. Ein Tenor, der tötet. Eingebettet in ein Album, das keinen Moment enttäuscht und den engen qualitativen Kontakt zu den beiden vorangegangenen Solo-Studioalben hält.
Das ist ein Album, das alle zugreifen werden, die mit der stimmlichen Vita dieses Sängers bestens vertraut sind, aber genauso alle, denen das West-Coast-AOR-Prinzip an der Spitze mit den Werken gefällt, hinter denen das Genie von Jim Peterik steckt (also der alte Survivor und Pride of Lions). Dieses Gefühl bestätigt „Changes“ besonders gegen Ende, wenn Two Hearts On The Run und On the Edge Of Falling aufeinanderfolgen. Hitchcock bleibt mit „Changes“ fest im Sattel des Spiels, das er spielt. Und möge er es auf diese Weise noch möglichst lange spielen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Forward
2. Before I Met You (Xano Esena)
3. Changes
4. Tonight Again
5. Garden Of Eden
6. Don’t Say Goodbye
7. Say No More
8. Run Away Again (From Love)
9. Two Hearts On The Run
10. On The Edge Of Falling
11. Losing You
Besetzung:
Toby Hitchcock – Gesang
Martin Jepsen Andersen – Gitarre
Alessandro Del Vecchio – Bassgitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Nicholas Papapicco – Schlagzeug
