The Theory Of Everything

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Ayreon
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 89:54
Bewertung: 4.5/5

Der niederländische Multiinstrumentalist Arjen Anthony Lucassen, der unermüdliche ‚Geschichtenerzähler‘ epischer Geschichten, gehört zu den fleißigsten Workaholics in der Welt des Progressive Rock/Progressive Metal und wurde vor allem durch sein konzeptuell ausgerichtetes Projekt Ayreon bekannt – obwohl er nebenbei auch eine ganze Reihe weiterer Nebenprojekte betreibt wie Star One, Guilt Machine, Ambeon und Stream of Passion. Ayreon ist Lucassens ‚Kind‘ seit der Gründung im Jahr 1995, als das Projekt als wunderbares Ventil für seine engagierte Schöpfung ambitionierter Rock-/Metal-Opern entstand. Der große Häuptling wacht seitdem beharrlich über das gesamte kreative Projekt in der Rolle des zentralen Musikers, Produzenten, Komponisten und Verbinders, während die übrigen Gastmusiker mit Ausnahme von Schlagzeuger Ed Warby, der seit 1998 fester Mitstreiter von Anthony ist, ständig wechseln. In dieser Zeit haben Ayreon eine stattliche Anzahl mehr oder weniger hoch angesehener konzeptueller Rockopern veröffentlicht, an denen eine Plejade erstklassiger Musiker mitgewirkt hat – und vor allem einige der besten Sänger in der Welt der Rockmusik.

All das hielt erfolgreich bis einschließlich zum Album »01011001 (2008)« an, als Lucassen nach dessen Erscheinen die Ayreon-Geschichte (scheinbar) beendete, da er das Gefühl hatte, dass ihm irgendwie die echte Inspiration und der Ehrgeiz für weitere überzeugende Rockopern-Unternehmungen abhandengekommen waren. Die Kritiken beim Erscheinen von »01011001« waren zwar größtenteils positiv, aber viele Fans stellten damals unisono fest, dass alles schön und gut sei und das Album sich im erwarteten klanglichen Rahmen bewege – Ayreon jedoch irgendwie nichts mehr wirklich Aufregend-Erfrischendes böten, das die Fantasie der Hörer so richtig beflügeln könnte, so wie es den vorherigen Meisterwerken unglaublich gut gelungen war, allen voran »Into the Electric Castle« (1998) sowie beiden Teilen der »Universal Migrator«-Saga (2000).

Lucassen selbst gab zu und verkündete, dass er sich bei Ayreon kreativ erschöpft habe. Deshalb entschied er sich für eine fünfjährige Pause. In dieser Zeit widmete er sich anderen Projekten, allen voran dem Space-Rock/Metal-orientierten Star One, sodass er vollbeschäftigt blieb – doch glimmte in ihm stets ein Funke, aus dem Ayreon mit dem neuen, pompös betitelten Album »The Theory of Everything« neu aufflammten. Die Pause hat sich für sie reichlich ausgezahlt, denn arrangierungstechnisch und rhythmisch – wenn nicht gar ambientseitig – handelt es sich um das komplexeste Werk in ihrer gesamten Geschichte, auf dem sich wieder eine ziemlich tiefgründige konzeptuelle Botschaft findet, die erwartungsgemäß von einem namhaften Ensemble an Gastsängern vermittelt wird.

Herr Lucassen hat auf »The Theory of Everything« die bislang sogar beeindruckendste Plejade an Musikern aus der Welt des Progressive Rock versammelt – darunter Legenden wie der Kultbassist und -sänger John Wetton (Asia, ex-King Crimson), der Tastenzauberer Rick Wakeman (ex-Yes), der Gitarren-Großmeister Steve Hackett (ex-Genesis) sowie noch ein legendärer Tasten-Genialer, Keith Emerson (ELP). Auch die anderen, etwas jüngeren Mitstreiter, die diesmal ihre Spuren hinterlassen haben, gehören zur Elite der größten Virtuosen, was besonders für Keyboarder Jordan Rudess (Dream Theater) gilt, während die Sänger Christina Scabbia (Lacuna Coil), Tommy Karevik (Kamelot), Michael Mills (Toehider), Marco Hietala (Nightwish), JB (Grand Magus) und Sara Squadrini (Ancient Bard) unter allen, die die Welt des Progressive Metal aktiv verfolgen, hoch angesehen sind. Interessant ist dabei, dass Lucassen diesmal nicht unter den Sängern war, da er sich ausschließlich den instrumentalen und produktionstechnischen Aufgaben widmete.

Der bereits etablierten und erwarteten Ayreon-Tradition folgend singen auf dem Album mehrere – diesmal genau acht – verschiedene Sänger, die allesamt unterschiedliche Charaktere des besagten Konzepts verkörpern: JB tritt in der Rolle des Lehrers auf, Scabbia übernahm die Rolle der Mutter, Wetton spielte (wie passend) den Psychiater, Karevik ist der Lehrling, Mills ist der Vater, Hietala der Rivale und Squadrani tritt als Mädchen auf. Bei Namen dieses Kalibers, wo mehrheitlich Legenden des Progressive Rock vertreten sind, überrascht es nicht, dass das neue Album etwas stärker in Richtung Progressive Rock ausgerichtet ist als der härtere Vorgänger »0101101«. »The Theory of Everything« ist weniger wuchtig als der Vorgänger, und Instrumentalstücke gibt es diesmal mehr, was Gelegenheit für einige markante Improvisationen unter der Ägide der zuvor genannten Musikmeister bietet. Etwas, worauf Ayreon schon immer geschworen haben, sind auch die abwechslungsreichen Folk-Rock-Arrangements, die auf zahlreichen traditionellen Instrumenten basieren, sowie üppige symphonische Intermezzi, von denen es auf »The Theory of Everything« wirklich in Hülle und Fülle gibt. Auch die erwarteten Metal-Gitarren-Eskapaden fehlen nicht und ergänzen sich gut mit einzelnen Orchesterabschnitten.

Das Konzept von »The Theory of Everything« ist diesmal keine Science-Fiction-Geschichte, wie es auf den meisten früheren Alben üblich, wenn nicht gar Regel war – mit Ausnahme von »The Human Equation« (2004), wo sich das Konzept innerhalb des menschlichen Gehirns abspielte –, sondern ist in einem realistischen Umfeld angesiedelt und teilweise von Filmen wie ‚A Beautiful Mind‘ und ‚Rain Man‘ inspiriert, sowie von dem Buch Per Anhalter durch die Galaxis. Gleichzeitig handelt es sich um einen völlig neuen Beginn der konzeptuellen Saga, da »0101101« das Ende der originalen Ayreon-Geschichte darstellte, die sich über mehrere Alben hinweg gegenseitig ergänzt hatte.

Dieses Doppelalbum, das in vier Segmente/Kapitel unterteilt ist (Singularity, Symmetry, Entanglement und Unification), saugt den Hörer ähnlich wie die meisten früheren Ayreon-Werke von der ersten Sekunde an ins Herzstück des konzeptuell-ambienten Geschehens und hält ihn nahezu bis zum Ende in Schach – denn langweilige Momente gibt es praktisch nicht. Auf dem Album finden sich wirklich enorm viele Stücke, nämlich 42, obwohl sie alle eigentlich Bestandteile von vier ‚zergliederten‘, mehr als 20-minütigen Epen sind, sodass die Auswahl an verschiedenen Arrangements und Stilexperimenten wirklich bunt ist und so manchem Prog-Rock-Gourmand gefallen dürfte. Das Album muss man also unbedingt als Ganzes hören, weshalb das Herausgreifen einzelner ‚Favoriten‘ völlig sinnlos wäre.

Der überzeugende Wechsel zwischen männlichen und weiblichen Vokallinien ist durchgehend äußerst subtil und unprätentiös, was sich schon beim einleitenden »The Blackboard« deutlich heraushören lässt. Der Titeltrack ist eine epische Schöpfung, aufgeteilt in vier separate Teile, und verdient daher besondere Erwähnung. Schon im ersten Teil dieser ‚zergliederten‘ Suite, die wie eine Begegnung der dritten Art zwischen der Gabriel-Ära von Genesis und Yes klingt, kann man auch die vehementen virtuosen Kapriolen der Herren Hackett und Wakeman bewundern. Auf »The Teacher’s Discovery« ist alles in pentatonischen Tonleitern angelegt, was der Atmosphäre einen Hauch von Mystik verleiht. »The Theory of Everything« zeichnet sich auch durch zahlreiche folk-rockig eingefärbte Intermezzi aus, was man bereits beim hervorragenden »Progressive Waves« hören kann, wo Herr Emerson für eine unvergessliche solistische Orgie am Moog-Modular sorgt.

Auch die seltenen, weicheren Power-Ballade-Momente wie etwa »Quid Pro Quo« gelingen äußerst geschmackvoll, während keltische Mystik immer wieder von Werken wie dem pastoralen Leckerbissen »Mirror Of Dreams« heraufbeschworen wird, wo auch traditionelle Flöten nicht fehlen. Auf elektronische Sounds muss man dank Stücken wie »The Visitation« zwischen den treibenden Gitarrenphrasen auch nicht lange suchen. Im dritten Teil des Titeltracks – einer weiteren gelungenen Fusion aus Prog-Metal und Symphonic Rock, der einsetzt, wenn sich das Album dem Ende nähert – beweisen sich Ayreon auf besonders beeindruckende Weise als wahre Meister der Schöpfung intensiver ambienter Dramatik.

»The Theory of Everything« ist womöglich sogar das reifste Werk in der bisherigen Ayreon-Diskografie. Das ist kein Album, das sich jeder Hörer (und das gilt auch für langjährige Fans) schon nach ein paar Durchläufen vollständig erschließen könnte; es erfordert vielmehr viel Geduld und Zeit, was sich am Ende aber dennoch sehr reichlich auszahlt – denn bei jedem Hördurchgang entdeckt und hört man etwas völlig Neues, bisher Unentdecktes, was vielleicht der beste Beweis für seine erfrischende Qualität ist. Irgendwie erwartet und verlangt seit der »Universal Migrator«-Saga, als sie ihren kreativen Höhepunkt erreichten, praktisch niemand mehr von Ayreon, dass sie ewige Garanten musikalischer Innovativität sein müssten – und doch hat Meister Lucassen mit einigen glänzenden Ideen diesmal all jene ziemlich angenehm überrascht, die dachten, er habe seine reiche Schatzkammer an Kompositionsideen bereits vollständig ausgeschöpft.

Besetzung

Sänger: (in der Reihenfolge ihrer Rolle)
JB (Grand Magus) als Lehrer
Sara Squadrani (Ancient Bards) als Mädchen
Michael Mills (Toehider) als Vater
Cristina Scabbia (Lacuna Coil) als Mutter
Tommy Karevik (Kamelot, Seventh Wonder) als Genie
Marco Hietala (Nightwish, Tarot) als Rivale
John Wetton (Asia, ex-King Crimson) als Psychiater

Instrumentalisten
Ed Warby (Hail of Bullets, Gorefest) – Schlagzeug
Rick Wakeman (ex-Yes) – Keyboards
Keith Emerson (ELP) – Keyboards
Jordan Rudess (Dream Theater) – Keyboards
Steve Hackett (ex-Genesis) – Leadgitarre
Troy Donockley (Nightwish) – Pfeifen, Flöten
Ben Mathot (Dis) – Violine
Maaike Peterse (Kingfisher Sky) – Cello
Jeroen Goossens (Flairck) – Querflöte, Bassflöte, Piccolo, Bambusflöte, Kontrabassflöte
Siddharta Barnhoorn – Orchestrierung
Michael Mills (Toehider) – irisches Bouzouki
Wilmer Waarbroek – Hintergrundgesang
Arjen Anthony Lucassen – E-Gitarre und Akustikgitarre, Bassgitarre, Mandoline, analoger Synthesizer, Hammond-Orgel

Produktion

Arjen Anthony Lucassen

Trackliste

CD 1
„Phase I: Singularity“ (23:29)
1. Prologue: The Blackboard
2. The Theory Of Everything Part 1
3. Patterns
4. The Prodigy’s World
5. The Teacher’s Discovery
6. Love And Envy
7. Progressive Waves
8. The Gift
9. The Eleventh Dimension
10. Inertia
11. The Theory Of Everything Part 2

„Phase II: Symmetry“ (21:31)
12. The Consultation
13. Diagnosis
14. The Argument 1
15. The Rival’s Dilemma
16. Surface Tension
17. A Reason To Live
18. Potential
19. Quantum Chaos
20. Dark Medicine
21. Alive!
22. The Prediction

Laufzeit: 45:00

CD 2
„Phase III: Entanglement“ (22:34)
1. Fluctuations
2. Transformation
3. Collision
4. Side Effects
5. Frequency Modulation
6. Magnetism
7. Quid Pro Quo
8. String Theory
9. Fortune?

„Phase IV: Unification“ (22:20)
10. Mirror Of Dreams
11. The Lighthouse
12. The Argument 2
13. The Parting
14. The Visitation
15. The Breakthrough
16. The Note
17. The Uncertainty Principle
18. Dark Energy
19. The Theory Of Everything Part 3
20. The Blackboard (Reprise)

Laufzeit: 44:54

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