The Scattering Of Ashes
Interpret: Into Eternity
Label: Century Media
Release: 2006
Bewertung: 4/5
Vor mir liegt schon wieder ein ziemlich überraschendes Ding! Was dreht sich diesmal wohl in meinem CD-Player? Das neue Into Eternity-Album! Die Jungs sind kanadische Progressive-Metaller, die Elemente des Extreme Metal in ihre Basis einbringen, die allerdings aus der klassischen Metal-Schule stammt. Wenn ich das Wort „Painkiller“ aufgedreht auf die fünffache Geschwindigkeits-Potenz der Aggression erwähne, komme ich Into Eternity vielleicht nahe, was heißt: Die rhythmische Sattelfestigkeit der Band ist ein waschechter, technisch ausgefeilter Thrash-Metal-Marsch durchs ganze Album.
Die Band fährt verschiedene Gesangsansätze auf! Zuerst der extreme! Die brutalen Vocals reichen von Death-Metal-Growls bis zu hardcore-mäßigem, leidendem Katzengekreische, oft begleitet von Überschall-Blasts. Auf der anderen Seite steht der cleane Ansatz mit außergewöhnlicher Melodik im „Old-School-Speed-Metal“ à la Helstar oder frühe Fates Warning und mit himmelsstürmendem Gekreische, das qualitativ sogar an das heranreicht, wozu Tim „Ripper“ Owens (Beyond Fear, Iced Earth, ex – Judas Priest) selbst fähig ist. Das Besondere am melodischen Gesang: Er ist in jedem Register explosiv und kraftvoll und lässt an keinem Punkt des Albums nach. Das Zusammenspiel der verschiedenen Gesangsstile folgt geschmackvoll den technisch anspruchsvollen, mehrfachen Tempowechseln in den Songs und ist ein Faktor, der die Unberechenbarkeit von „The Scattering Of Ashes“ zusätzlich potenziert.
Leider sind Into Eternity wieder mal so eine Metal-Band, die mit ihrer Vielseitigkeit nur einen kleinen Kreis treuer Hörer abholen wird. Für Death-Metaller sind sie zu melodisch und „zu zwitschernd“, für melodische Puristen zu extrem. Und doch ist es nicht ganz so. Nimmt man das Album unter die Lupe, neigt sich die Waage ziemlich schnell zugunsten der Klassik-Fans – also der Melodik. Die Schuld daran tragen größtenteils die Songstrukturen selbst, die, wie schon erwähnt, aus den Grundlagen der klassischen Heavy-Metal-Schule schöpfen (Judas Priest), welche die im Studio „aufgepumpten“ Jungspunde körperlich bis an die äußersten Grenzen hochgetrieben haben. So ist alles dem extremen Überschall-Gehacke unterworfen, und die Instrumente liefern sich beim Beweis von Kraft und Aggression regelrecht einen Wettkampf, wer wen niederringt. Die Produktion ist dabei keineswegs obskur, das Klangbild legt seinen Schwerpunkt aber in die höheren Lagen. Die Basslinie behält dabei ihren wunderschönen metallischen Klang, kontrastreich hervorgehoben, und ihre Linie ist deutlich voluminös. Die Komplexität dieser Band ist vielleicht mit der der legendären Death vergleichbar. Aber nur damit und mit nichts weiter. Stilvergleiche fallen weg, genauso die, die sich auf die klangliche Produktion beziehen, und auch das für Florida typische „Thrash-Riffing“, bekannt als „Palm-Muted-Shredding“, fällt bei Into Eternity komplett weg.
Der Gesamteffekt dieses Metal- “Blitzkriegs“ ist ein unglaublich gut hörbares, flüssiges Leporello aus zehn Songs (ohne Intro), zusammengepackt in kompakte 40 Minuten, ohne unnötiges Rumgezerre. Achtet auf die extreme Eingespieltheit der Band, auf die Pausen innerhalb der komplexen Übergangspassagen, die die Dynamik der Platte effektiv durch die ganze Palette der witzigsten, glühend heißen Metal-Rhythmen tragen. Die Double-Bass ist eine echte kleine feurige Thrash-Metal-Schule. Das Gefühl und die Atmosphäre sind eher mit Thrash-Bands wie Annihilator oder Nevermore aus Seattle vergleichbar als mit irgendeiner melodischen Progressive-Metal-Band, wenn man Into Eternity schon das Etikett „Progressive Metal“ aufdrückt. Von der Stimmung her kommen hier flüchtig bis zu einem gewissen Grad auch noch Zero Hour aus Florida in Betracht, nur bringen Into Eternity beim Hören keineswegs so giftigen Schmerz mit wie die genannte Band, obwohl Zero Hour gar keine extremen Vocals benutzen. Man könnte sagen: Into Eternity züchten zwar keine „zarten“ melodischen Power-Metal-Blümchen, umgehen aber auf interessante Weise in weitem Bogen die Zerstörungswut und Gnadenlosigkeit der hoffnungslosen Verdammnis, die die Elemente des Extreme Metal mitbringen.
Das ist ein Album für alle, die ihr technische Perfektion, Präzision, Farbigkeit der Motive und Komplexität liebt, verpackt in eine geschmackvoll fließende Schablone, die ohne Probleme durch den sekundären Assoziationskortex rauscht. Fans von Death- und Black-Metal-Extremen, macht einen Bogen um Into Eternity und „The Scattering Of Ashes“, denn das wird euch aller Wahrscheinlichkeit nach stinken! Im undankbarsten Bild könntet ihr dabei sogar die Vorstellung davon verlieren, was „brutal“ oder „extrem“ ist, was ihr ja so ehrwürdig immer einfordert. Into Eternity sind der Inbegriff von Qualität, und vielleicht reicht schon die Bemerkung, dass „The Scattering Of Ashes“ ein Album ist, das eine große Steigerung aller Markenzeichen der Band darstellt (vor allem nach der frischen Integration des außergewöhnlich guten melodischen Leadsängers Stu Block in ihre Reihen), die sie auf dem Vorgänger „Buried In Oblivion“ (2004) geboten hat, den übrigens das deutsche Magazin Hard Rock (auch wenn dort nur kurze Plattenkritik-Kolumnen von ein paar Zeilen geschrieben werden) vor zwei Jahren mit den Worten begleitet hat: „…im Bereich der Metal-Musik wird es dieses Jahr wohl kein besseres Album mehr geben“. Also eine Sünde wert oder zumindest einen Test! Ach ja, und übrigens: Das Album trägt ein Konzept, das wir hier nicht auseinandernehmen. Der Tod ist eben der Beginn einer neuen Geburt, und Angst ist das größte Hindernis beim Lernen. Schon das Cover selbst veranschaulicht die Seele und Fragmente ihres einstigen physischen Körpers – Staub. Und nicht zuletzt: Etwas mehr Düsternis in der Produktion würde künftig durchaus passen, liebe Jungs!
Besetzung
Tim Roth – Gitarre, „Death“-Vocals
Stu Block – „Clean“-Vocals
Troy Bleich – Bass
Jim Austin – Schlagzeug
Produktion
Andy Sneap
Tracklist
1. Novus Inceptum (1:40)
2. Severe Emotional Distress (3:55)
3. Nothing (3:56)
4. Timeless Winter (3:25)
5. Out (4:55)
6. A Past Beyond Memory (3:38)
7. Surrounded by Night (5:08)
8. Eternal (3:13)
9. Pain Through Breathing (3:52)
10. Suspension of Disbelief (4:28)
11. Paralyzed (3:11)
Spielzeit: 41:21