The Night Flight Orchestra: Aeromantic
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 28.02.2020
Produktion:
Länge: 54.48 min
Genre: AOR / Arena Rock
Bewertung: 9.0 / 10
Die Schweden sind unglaublich, wenn es ums Replizieren geht. Da kommt ihnen kaum jemand nah. Perfektionisten ohne Gleichen. Herausgefordert werden können sie in dieser Disziplin allenfalls noch von den Japanern. Und in Schweden hatten sie ja auch mal ABBA. Das darf man nicht außer Acht lassen, denn ABBA sind im Fall von The Night Flight Orchestra genauso mitverantwortlich wie das Phänomen AOR und Pop, unter dem die Spitzen der Musikcharts in den Achtzigern zitterten und sich bogen und das die Radiofrequenzen beherrschte.
The Night Flight Orchestra, die seit 2007 aktiv sind, haben nämlich soeben ihr neues Studioalbum »Aeromantic« veröffentlicht — insgesamt das fünfte und das dritte in Folge für Nuclear Blast Records. Parodistisch würde man sie wohl kaum nennen. Vielleicht allenfalls insofern, als der Name an Electric Light Orchestra erinnert und auch bei ihnen alles durch die Luft fliegen muss, so wie dieser ELO-Satelit, was eine Art musikalische Verbindung zum radiofreundlichen Rock darstellt, der einst vor langer Zeit gemacht wurde. Aber da ist noch etwas. Nichts, was sofort ins Auge springt oder besonders wesentlich wäre, aber trotzdem. »Aeromantic« trägt nämlich ein leicht konzeptualisiertes Liebesnarrativ in sich, das sich während eines Fluges zwischen zwei Passagieren entfaltet (im Rahmen dieses Konzepts vorerst noch verschiedenen Geschlechts, was freilich immer weniger en vogue ist).
Lustig ist, dass dies hier das fünfte Album innerhalb von acht Jahren und das dritte innerhalb von drei Jahren ist. Lustig deshalb, weil es immer noch so geschickt mit der Kunst des ewig zündenden Recyclings bewährter musikalischer Verpackung umgeht. Was das betrifft, sind The Night Flight Orchestra wahre Großmeister dieses Handwerks. Stimmt schon, sie sind dem Suchen nach sofort zündender Bombastik und Pomp verschrieben, die auf dem rauschenden Widerhall synthetischer Klangteppiche aus der Sound-Ästhetik der Achtziger und sorgfältiger Harmonisierung der Leitmelodien schwebt — doch besitzen eben diese The Night Flight Orchestra bei moderner Produktion erstens eine merklich höhere technische Versiertheit als die meisten Bands, von denen sie sich inspirieren lassen (Toto sind die große Ausnahme), und zweitens einen »Metal-Hintergrund bzw. eine Metal-Intelligenz«, die die Gruppen, an denen sie sich orientieren, mit Sicherheit nicht hatten. Diese zwei Faktoren sind die entscheidenden Gewichte auf der Waage, die The Night Flight Orchestra trotz aller Klischees das Charisma einer eigenständigen, wiedererkennbaren Handschrift verleihen — womit einmal mehr die These widerlegt ist, dass nur Originalität die Grundlage guter Musik sein kann. Strid ist ein guter Vokalist. Vielleicht manchmal eine Spur zu »rau«, was wohl aus der Natur seines Growlens bei Soilwork herrührt, doch wird er in den Harmonien beständig hervorragend kontrastiert von den Sängerinnen Anna-Mia Bonde und Anna Brygård. Und wenn ich weiter provozieren darf: Wollte man Björn zumindest eine annähernde AOR-Vokal-Entsprechung der Achtziger zuordnen, könnte man das gelegentlich für den verstorbenen Jimi Jamison (Survivor) sagen.
Während Curves klingt, als würde man einer Hommage an die frühen Toto lauschen, und If Tonight Is Our Only Chance giftig die Inspiration von ABBA anzapft, ist das Eröffnungsstück Servants of The Air bereits von Anfang an ein wunderschönes Beispiel für das, was im vorigen Absatz beschrieben wurde. Eine gelungene Kombination aus kitschiger Verpackung von AOR- und Pop-Ästhetik-Klischees der Achtziger, gekreuzt mit Metal-Intelligenz und der hohen technischen Versiertheit der Bandmitglieder — was bedeutet, dass die NFO-Formel sofort und fulminant zündet. Mit reaktiver Begeisterung hebt sie gleich zu Beginn ab. Servants Of The Air ist zugleich der schärfste Track des Albums und zeigt bei zurückgenommener Produktion auch die Metal-Zähne (Gitarren-Phrasing, Doppelpedal-Gebolze). Gleichzeitig verwandelt er sich im Refrain in einen der harmonischsten und ansteckendsten Refrains des Albums. Eine exzellente Kombination also, von der man sagen könnte, dass sie einen eigenartigen Ausdrucksstandard für ein artrockiges Gemisch aus Prog-AOR-Ästhetik der neuen Zeit erreicht.
The Night Flight Orchestra gebührt schlicht Anerkennung dafür, wie genial sie ein Gespür für die Übersetzung und Wahrnehmung des Radio-Rocks der Achtziger verinnerlicht haben und wie raffiniert sie das hohe Niveau feinsinniger Abstimmung unglaublich geschickter Kniffe in der Entfaltung von AOR-Bombastik erreichen — in der Feinmechanik des Aufwärmens von Klischees einer gut durchgekauten Formel, die aber, neu verpackt, immer wieder und wieder so effektiv zündet.
»Aeromantic« hält das Qualitätsniveau des hervorragenden Vorgängers »Sometimes World’s Not Enough« (2018). Es wirkt in jeder Hinsicht außergewöhnlich kompetent, qualitativ kohärent sowie kompositorisch und produktionstechnisch äußerst ausgereift. Anwärter auf die Rolle des Eurovision-Favoriten prügeln sich auf diesem Album ebenfalls um die Wette. Divinyls, Transmissions oder der Titeltrack des Albums, der ein interessantes Kreuzprodukt aus ELO und Foreigner ist. Taurus zieht Tricks aus dem Hut, wie sie NFO-Landsleute Houston oder Work Of Art ziehen. Die Dichte an Radiohits (aus der goldenen Ära des AOR) ist wieder enorm groß, genauso wie die außergewöhnliche bombastische Gier, die The Night Flight Orchestra auch mit „Aeromantic“ wieder entfachen. Kein Wunder, dass beide vorherigen NFO-Alben für den schwedischen »Grammy« in der Kategorie Rock-/Metal-Album des Jahres nominiert waren. »Aeromantic« hat wieder alle entsprechenden Voraussetzungen dafür. Und bekanntlich ist aller guten Dinge drei. Fans der Band haben dieses Album längst bei sich.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Servants Of The Air
2. Divinyls
3. If Tonight Is Our Only Chance
4. This Boy’s Last Summer
5. Curves
6. Transmissions
7. Aeromantic
8. Golden Swansdown
9. Taurus
10. Carmencita Seven
11. Sister Mercurial
12. Dead Of Winter
Besetzung:
Björn Strid – Gesang
David Andersson – Gitarre
Sharlee D’Angelo – Bassgitarre
Richard Larsson – Keyboards
Sebastian Forslund – Gitarre, Schlagzeug, FX
Jonas Källsbäck – Schlagzeug
Anna-Mia Bonde – Backing-Vocals
Anna Brygård – Backing-Vocals
