The Darkness: Motorheart
Label: Cooking Vinyl
Erscheinungsdatum: 19. 11. 2021
Spielzeit: 35.25 min
Produktion: Dan Hawkins
Genre: Hard Rock/Rock’N’Roll
Bewertung: 8.5/10
Du liebst sie oder du hasst sie. Dazwischen gibt’s nichts. The Darkness. Zwei Jahre sind vergangen, und jetzt ist das neue Album da. Das siebte insgesamt. Stilecht. Typisch stilecht. Im Einklang mit einer Formel – oder sagen wir es direkt: dem versierten Umgang mit einer unverwechselbaren musikalischen Formel, die die Jungs in achtzehn Jahren auf Hochglanz poliert haben. Alle Markenzeichen, für die der grenzenlose, freche Sarkasmus und der genial geschmierte Humor dieses Quartetts bekannt sind, fallen sofort an ihren Platz, wenn sich »Motorheart« – produktionstechnisch wohl eines der schärfsten, knackigsten und lautesten Alben in der Karriere von The Darkness – mit Welcome Tae Glasgae öffnet. Falls das am Anfang nicht sofort klar ist, bestätigt It’s Love, Jim, der zweite Track des Albums, dieses Gefühl spätestens dann – mit einer der eingängigsten Phrasen nicht nur des neuen Albums, sondern der gesamten The Darkness-Karriere. Eine rockig bis auf die Knochen geschärfte Phrase, die auf heiliger Schlichtheit fußt – und auf die Dan Hawkins erst mal kommen musste. Das ist nämlich nicht immer ein leichter Brocken. Elementar bleiben! Das zählt.
Das Album »Motorheart« ist kurz – etwas über 35 Minuten. Die Band ist darauf rationell, und in dieser Rationellheit ungemein überzeugend, was sehr, sehr gut ist. Damit erfindet sie das Rad nicht neu. Das Album bringt auch keinerlei Ausbruch aus den gewohnten Ausdrucks-Schützengräben, in denen die Band sich seit einigen Alben gemütlich eingerichtet hat. Aber wie gesagt: »Motorheart« feuert genau auf jenen Zylindern, deswegen wir The Darkness lieben (ich hoffe, ihr seid bei uns).
Justin Hawkins bewahrt seine vokale Brillanz, mit der er die gesamte Luzidität des Song-Dossiers und der Band befeuert – er erschafft diesen unabdingbaren Moment der Parodie, der in der gesamten Entfaltung des Pomp-Theaters schon gleich zu Beginn theatralisch zündet! In Welcome Tae Glasgae grimassiert er sich nach dem Vorbild des nervtötenden Gegröles mancher Bands der ersten Hälfte der Neunziger im Stil von RATM oder RHCP – damit sticht er dem Hörer (dem Liebhaber klassischen Rocks) ganz bewusst direkt ins Kleinhirn. Rick Springfield bleibt er in Jussy’s Girl ebenfalls nichts schuldig. Kurzum: Justin ist wieder der Comedian ohnegleichen – wobei The Power And The Glory Of Love als der Moment des Albums gilt, der nach dem Ruhm des Hits I Believe in a Thing Called Love greift, während Sticky Situations eine weitere parodistische Verbeugung vor dem großen Vorbild Queen ist und Eastbound vor Thin Lizzy. Die Gewinnerin des gesammelten Blödelns an einem Ort ist aber die Rock’n’Roll-Ohrfeige mit einer Prise Motörhead-Gepolter und -Gedröhne: Nobody Can See Me Cry. Falls sich dein Grinsen bisher noch nicht von links nach rechts bis an die Ohren gezogen hat – dieser Song ist der absolute Garant für grenzenloses Gelächter. Den Abschluss macht sein »Ausreißer«: Speed Of The Nite Time, in den die Jungs gekonnt sogar einen Moment des Post-Punk britischer Bands der Achtziger eingeschmuggelt haben. Den Titel des Albumchampions in der Erschaffung von maximalem Chaos und Ärgernis an einem Ort – der aber in genial versöhnlicher Arrangements-Manier in jedem Moment Sinn ergibt – trägt zweifellos der Titeltrack des Albums.
The Darkness sind eine außerordentlich kohärente musikalische Einheit. Die Kräfte sind im Produktionssinne brillant ausbalanciert. Die Basslinien reißen, die Snare schlägt mit sattem Knall, da sind eingängige Riffs mit großem Charakter – und über allem Hawkins‘ ungemein vokales Affengetue. Das Ganze ist in den Arrangements noch theatralisch abgeschmeckt mit Keyboards, einer Prise keltischer Musikalität (was bei The Darkness keine Neuigkeit ist) – und schon wieder ist ein starkes neues Studiowerk dieser schwer kategorisierbaren Rock’n’Roll-Revival-Erscheinung des neuen Jahrtausends da. The Darkness bleiben absolute Klasse in ihrem Handwerk und liefern weiterhin lüsterne Köstlichkeiten des Rock’n’Roll-Revivalismus mit einem internalisierten Gespür für funkelnde Parodie! Spinal Tap-Fans – willkommen (wieder) zu Hause!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Welcome Tae Glasgae
2. It’s Love, Jim
3. Motorheart
4. The Power And The Glory Of Love
5. Jussy’s Girl
6. Sticky Situations
7. Nobody Can See Me Cry
8. Eastbound
9. Speed Of The Nite Time
Besetzung:
Justin Hawkins – Gesang, Keyboards, Gitarre
Dan Hawkins – Gitarre
Frankie Poullain – Bassgitarre
Rufus Tiger Taylor – Schlagzeug
