Exodus: Persona Non Grata
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 19. 11. 2021
Produktion: Andy Sneap
Albumlänge: 60.23 min
Genre: Thrash Metal
Bewertung: 8.5/10
Exodus! Legenden des Bay Area Thrash Metal. Das neue und insgesamt elfte Studioalbum ist also da. Die ‚unerwünschte Person‘ – »Persona Non Grata«. Zu erwarten von einer Kultband, die den Zorn und die Bissigkeit bewahrt, aus denen eines der Fundamente des weltweiten Thrash Metal gebaut ist. Nach der Rente von Slayer hat Exodus-Chef und Gitarrist Gary Holt noch mehr Engagement gezeigt und dem neuen Material einige Ideen eingehaucht, die (erwartungsgemäß) nach klassischen Exodus riechen — gleichzeitig hat er sich während seiner Zeit bei Slayer ordentlich deren Niedertracht, Bösartigkeit, Gerissenheit und Verderbtheit angeeignet, womit er den neuen Ideen reichlich Öl ins Feuer gießt, hin zu der schon sprichwörtlich verheerenden Aggressivität der zerstörerischen Weiten des einzigartigen Klangterrors der Band. Die Umarmung von Bösem und Hoffnungslosigkeit an einem Ort vereint ist theatralisch erlöst im grenzenlos verderblichen und schwer dystopischen Marschritt von Prescribing Horror. Exodus bleiben auch auf dem neuen Album jenes Quintett, das ohne eine Spur Schönfärberei, geradeheraus und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, die gesamte Wut über die Irrwege der Menschheit ausschüttet. Das gesellschaftskritische Engagement bleibt ein großer Spiegel der kreativen Inspiration der Band auch in ihren reifen Schaffensjahren. Bedenkt man, dass Exodus bereits 1979 gegründet wurden. Die beißende Schärfe erlischt nicht. Auch nach satten 40 Jahren teilen Exodus in unvermindertem Eifer des lodernden Eifers halsbrecherische, schleifende Ohrfeigen aus, bei denen die Ohren ihrer Hörer willig bluten.
Der Rückkehrer, der lange Jahre schmerzlich vermisste Steve ‚Zetro‘ Souza, beweist auch auf dem zweiten Album nach seiner Rückkehr, dass sein Gesang ein zuverlässiger und grenzenlos vernichtender Fleischwolf bleibt, mit dem er souverän dem aggressiven Terror der kraftvoll eingestempelten Phrasen des neuen Albums Paroli bietet. ‚Zetro‘ ist alles, was man sich von einem Gesang wünscht, wenn wir über Art und Werk von Exodus reden. Von Kopf bis Fuß.
Nun, auf der anderen Seite ist das Album »Persona Non Grata« wieder zu lang. Die Spielzeit zielt knapp über eine Stunde — das ist aber auch tatsächlich sein einziger Makel. Dieselbe Beobachtung traf schon den Vorgänger »Blood In Blood Out«, seit dessen Erscheinen allerdings, oh wow, satte sieben Jahre vergangen sind. Anders als »Blood In Blood Out« spricht »Persona Non Grata« merklich kompakter und definierter an, und selbst wenn einzelne Tracks gefährlich nahe an die acht Minuten heranreichen (Lunatic-Liar-Lord, der Titeltrack), hat man nicht das Gefühl, dass einem die Zeit gestohlen wird. Über die gesamte Spieldauer des Albums spürt man die außerordentliche Hingabe des Quintetts in der wunderbaren Exekution der ganzen expressiven Brillanz der Mitglieder — und das ist immer jenes Zünglein an der Waage, das den Sieg bringt. Das Album »Persona Non Grata« war mehr als ein halbes Jahr vor dem offiziellen Release fertig. Natürlich handelt es sich um eine weitere terminliche Verschiebung aufgrund der Lage, die den Planeten in den letzten zwei Jahren durchlebt!
Die Songs Elitist, Clickbait, The Beatings Will Continue (Until Morale Improves) und Slipping Into Madness lassen sich im Nu zu klassischen Exodus-Songs erklären. Besonders der kurze Zerstörer vom Typ Clickbait ist ein unwiderruflicher Schuss zurück in die klassischen Zeiten des Albums »Pleasures of the Flesh« (1987). Lee Altus und Gary Holt bewahren das Prädikat eines der brillantesten Gitarren-Duos der Metalwelt. Wenn wir über die Reichweite des klassischen Thrash Metal auf globaler Ebene reden, kommt ihnen nur wenig gleich — natürlich mit Ausnahme von (und ihr habt es geahnt) dem Testament-Duo Skolnick/Peterson. Die Arbeit beider Gitarristen ist auch auf dem neuen Exodus-Album ein Leckerbissen ohnegleichen. Ihre Soli einfallsreich, funkensprühend, fein in die Herzen der Songs eingepasst (die Mid-Eight-Passagen sind deshalb oft geradezu die Höhepunkte der Kompositionen). Dazu gibt es eine Menge hinzugefügter Ornament-Eskapaden, schwindelerregende atmosphärische Wendungen in den Modulationen, die die unerschöpfliche Fantasie der gitarristischen Szenografie beider Meister beständig begleiten. Auch an musikalischen Momenten, die geradezu Terz-Harmonien verkörpern, mangelt es nicht. Herrlich! The Years Of Death And Dying wiederum ist dabei ein Song, der definitiv vom Album »Tempo of the Damned« (2004) ‚entwischt‘ ist.
Ja. Neben »Persona Non Grata« werden Bands wie Havok und Warbringer, mit kürzerem Lebenslauf als Exodus, auch im Jahr 2021 die Ohren spitzen und sofort eingestehen, dass sie in ihrem Revivalismus von den Legenden des Bay Area Thrash Metal noch so einiges zu lernen haben. Exodus haben also auch mit dem neuen Album noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Hoffen wir nur, dass es Tom Hunting, der im letzten Jahr gegen Magenkrebs gekämpft hat, gut geht, dass sich die Dinge klären und dass die Musik des neuen Exodus-Albums mit allen Klassikern des eisernen Repertoires schon bald wieder auf den Bühnen des alten europäischen Kontinents zum Leben erwacht. Möge nach den hervorragenden Leistungen von u.a. Testament, Heathen und nun dem neuen Exodus-Album die Renaissance der klassischen Thrash-Metal-Tage der Achtziger also weitergehen!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Persona Non Grata
2. R.E.M.F.
3. Slipping Into Madness
4. Elitist
5. Prescribing Horror
6. The Beatings Will Continue (Until Morale Improves)
7. The Years Of Death And Dying
8. Clickbait
9. Cosa Del Pantano
10. Lunatic-Liar-Lord
11. The Fires Of Division
12. Antiseed
Besetzung:
Steve ‚Zetro‘ Souza – Gesang
Gary Holt – Gitarre
Lee Altus – Gitarre
Jack Gibson – Bass
Tom Hunting – Schlagzeug
