The Pineapple Thief: Nothing But The Truth

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Label: Kscope Records
Veröffentlichungsdatum: 22. 10. 2021
Albumlänge: 90.58 min
Genre: Progressive Rock
Wertung: 9.0/10


Bruce Soord, Frontmann und kreativer Kopf der britischen Progressive-Rocker The Pineapple Thief, war auch im Jahr 2020 mächtig beschäftigt. The Pineapple Thief, die ihr letztes Studioalbum »Versions of the Truth« im September 2020 veröffentlichten (RockLine Rezension), sahen sich wie viele Bands dieser Galaxie genau in jenem Jahr mit einem Auftrittverbot konfrontiert. Abgesehen natürlich von den sogenannten ‚Isolation-Manövern‘, die man nach eigenem Einfallsreichtum und Können meistens einfach (live) ins Netz streamt. Auch wenn es 2020 also nichts mit einer Tour wurde, schaffte es der umtriebige Soord, seine akustische vierteilige Odyssee auf die beschriebene Weise im Dezember des Vorjahres abzuschließen und drei ‚Isolation‘-Konzerte mit einem vierten Teil akustischer Adaptionen zu ergänzen, die im April dieses Jahres als »The Soord Sessions Volumes 1-4« das Licht der Welt erblickten.

The Pineapple Thief traten in jenem April dieses Jahres allerdings auch selbst auf die Bühne. So nahmen sie ‚unter Isolation-Bedingungen‘, ausgestattet mit der kompletten Aufnahmetechnik einschließlich mehrerer Filmkameras, ein Konzert mit dem Repertoire auf, das eigentlich für eine Welttournee vorgesehen war. Dieses Konzertdokument enthält neben dem vollständigen Konzertfilm auch einen zusätzlichen Dokumentarfilm, in dem ihr euch durch alle Details und Hintergründe durchbeißen könnt, die euch hinter die Kulissen der Vorbereitungen führen, die der Umsetzung des sorgfältig ausgewählten Repertoires zugrunde lagen. Die Band dachte dabei auch besonders an jenen Teil ihres Publikums, das die Figur von Gavin Harrison so inständig verehrt, und sorgte für eine zusätzliche Kamera, die ausschließlich den ‚phantomhaften‘ Schlagzeuger aus nächster Nähe filmte.

Auch wenn diese Zeilen auf Basis des reinen Hörgenusses entstehen – also ohne den DVD- oder Blu-ray-Bonus, der diesem neuen Konzertdokument der Band beiliegt –, reicht das mehr als aus. Die Magie und die Faszination sind schon allein auf der Audioebene unmittelbar. Sofort überzeugend. Saugen einen auf. In ihre Welt.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Band mit Harrisons Ankunft einen zusätzlichen kreativen Kick bekam, dazu trug auch Soords künstlerische Reife bei (vor allem im Sinne seiner immer größer werdenden kompositorischen Meisterschaft), und die Songs funkeln so in dieser intimen Atmosphäre auf ganz eigene Weise. Die älteren Klassiker haben ein künstlerisches Upgrade erhalten und sind gewachsen – vor allem in dem Sinne, dass ihre Alternative-Rock-DNA aufgrund der Progressive-Rock-Intensität von Harrisons Schlagzeugerpersona mehr oder weniger nur noch in Spurenelementen vorhanden ist, während die neueren Songs, allen voran White Mist, Far Below, Uncovering Your Tracks und das besonders herausragende Threatening War (alle »Disillusion«, 2018) sowie das abschließende und ausgedehnte The Final Thing on My Mind und In Exile (beide »Your Wilderness«, 2016) und natürlich die neuesten Tracks vom Album »Versions Of Truth« (darunter wieder das überragend brillante Our Mire sowie das ‚verlorene‘ The Swell) auf eine außerordentliche künstlerische Reife der Truppe hinweisen. In kompositorischer und performativer Hinsicht. Von den älteren Nummern (pre-Gavin Harrison era) ist die Neuinterpretation des »10 Stories Down«-Klassikers (2005) Wretched Soul besonders gelungen.

Das Produkt ist von Kopf bis Fuß ein Werk der Perfektion. Klanglich und visuell. Die Audioversion reicht vollkommen aus, aber echte Fans der Band werden zwingend nach allem greifen, was The Pineapple Thief auf diesem faszinierenden Produkt bieten, das im Konzertbereich definitiv etwas Besonderes ist. Diese Besonderheit, bedingt durch die aufgezwungene Verlagerung in ein intimes Umfeld, wird mit den Jahren an Wert gewinnen. Auch historisch, denn die Zeiten, in denen es entstand, sind für uns alle wegweisend. »Nothing But The Truth« ist auch für all jene sehr willkommen, die die Band gerade erst entdecken. Ein hervorragender Einstiegspunkt in ihr Werk, während langjährige Fans vor allem faszinieren wird, wohin The Pineapple Thief ihre kontinuierliche künstlerische Evolution über die Jahre tatsächlich geführt hat. The Pineapple Thief sind definitiv eine jener – global betrachtet – musikalischen Faszinationen, die in den letzten Jahren einen unglaublichen künstlerischen Schwenk beziehungsweise Sprung in ihrer eigenen evolutionären Entwicklung vollzogen haben. Diese ist noch längst nicht abgeschlossen. Und das ist gewiss das größte As im Ärmel, das nicht nur die hervorragende kreative Form der Band in dieser neuen Ära widerspiegelt, sondern die Truppe der aktuellen Besetzung vital hält – stets hungrig darauf, künstlerische Maßstäbe zu beweisen und zu übertreffen. Daher lohnt es sich, die zukünftigen Studioabenteuer der Band mit aller Neugier im Blick zu behalten, während wir uns prächtig an all dem prachtvoll zur Schau gestellten Perfektionismus dieses prägnant ausgearbeiteten Konzertalbums ergötzen können. »Nothing But The Truth«, wie der Name des Dokuments bereits sagt, ist eben dieses wunderschöne Manifest der künstlerischen Aufrichtigkeit der Band. Tiefer und herzlicher geht es kaum.

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
CD1.
1. Versions Of The Truth
2. In Exile
3. Warm Seas
4. Our Mire
5. Build A World
6. Demons
7. Driving Like Maniacs
8. Someone Pull Me Out
9. Uncovering Your Tracks
10. Break It All
CD2.
1. White Mist
2. Out Of Line
3. Wretched Soul
4. Far Below
5. Threatening War
6. The Swell
7. The Final Thing On My Mind

Besetzung:
Bruce Soord – Gesang, Gitarre
Steve Kitch – Keyboards
Jon Sykes – Bass
Gavin Harrison – Schlagzeug

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