Label: Evil Ink Records
Erscheinungsdatum: 29. 7. 2016
Produktion: Tom Monda
Albumlänge: 67.53 min
Genre: Progressive Rock/Progressive Metal/Jazz Fusion
Bewertung: 9.5/10
Die amerikanischen Eklektiker Thank You Scientist, die schon mit ihrem innovativen und genretechnisch erfrischend klingenden Debüt »Maps of Non-Existent Places« (2014) begeistert hatten, meldeten sich 2016 mit ihrem zweiten Album »Stranger Heads Prevail« zurück. Besagtes Debüt hatte Claudio Sanchez, den Chef von Coheed and Cambria, derart beeindruckt, dass er Thank You Scientist kurzerhand zu seinem Label Evil Ink Records einlud. Dort erschien das bereits erwähnte Debüt erneut sowie »Stranger Heads Prevail«, das ihr erstes Album mit Bassist Cody McCorry (Karmic Juggernaut) war. Fans von Bands wie The Mars Volta und dem bereits erwähnten Coheed and Cambria, die gleichzeitig auch die Jazz-Rock-Fusion-Szene des letzten Jahrhunderts schätzen, werden in der Musik von Thank You Scientist eine Fülle interessanter Momente finden.
»Stranger Heads Prevail« war eine wenig überraschende, aber gleichwohl glänzende Weiterentwicklung des starken Debüts einer Band, die ihre musikalischen Einflüsse — Frank Zappa, Mahavishnu Orchestra, The Beatles und Harry Nilsson — nie verheimlicht hat. Ihre eklektische Mischung aus Progressive Rock, Progressive Metal und Jazz Fusion, häufig gewürzt mit witzigen Bläserarrangements und ungewöhnlichem Humor, hat auch im zweiten Studioanlauf reiche Früchte getragen.
Trotz zahlreicher „Old-School“-Anleihen — was vor allem für die Jazz-Fusion-Elemente gilt — klingt »Stranger Heads Prevail« dank der Produktion von Tom Monda durchgehend modern, während der vokale Ansatz von Sänger Salvatore Marrano zu jeder Alternative-Metal-Band passen würde. Was die Musik von Thank You Scientist auch auf diesem Album für Progressive-Rock-Fans aus dem Gebiet des ehemaligen gemeinsamen Staates der südlichen Slawen und des weiteren Balkanraums so interessant macht, ist die für eine amerikanische Band völlig untypische Verbindung von Prog Rock, Prog Metal und Jazz Fusion mit Balkanklingenden Bläserarrangements, wie man sie eher von serbischen Trompetern aus Guča erwarten würde. Solche ungewöhnlichen Unterfangen, Progressive Rock mit balkanischer Volksblasmusik zu mischen, hatte übrigens schon Frank Zappa auf seinem klassischen Jazz-Rock-Fusion-Album »Waka/Jawaka« (1972) unternommen, das — wie bereits erwähnt — den Musikstil von Thank You Scientist maßgeblich geprägt hat.
Das überaus abwechslungsreiche stilistische Sammelsurium namens »The Somnambulist« ist ein schönes Beispiel für diese höchst gewitzte Verbindung von Jazz-Fusion-, Alternative-Metal-, Hard-Rock- und Prog-Rock-Elementen. »Caverns« enthält mehr Prog-Metal- und Alt-Metal-Anteile, ist aber ebenfalls eine beneidenswerte stilistische Mixtur, die alle musikalischen Feinschmecker begeistern wird. Der Einstieg von »Mr. Invisible« kommt auf nahezu Smooth-Jazz-artige Weise daher, mit Rhythmen, die an die goldene Ära der Disco-Ära erinnern — ein ziemlicher Kontrast zum Alternative-Rock-Gesangsansatz von Salvatore Marrano. Danach folgt ein Übergang in funkig-jazzigere Gefilde mit einer mächtigen Bläsersektion, was an eine Nahbegegnung zwischen The Mars Volta (metallische Gitarrenpassagen), Herbie Hancock (Keyboard-Arrangements), Earth, Wind & Fire (Bläsersektion) und Frank Zappa (Bläsersektion und komisch klingendes Schlagwerk) erinnert.
Das Instrumental »Rube Goldberg Variations«, auf dem die Band sich durch witzige Variationen mit dem Erbe des deutschen Organisten und klassischen Komponisten Johann Gottlieb Goldberg vergnügt, wird alle langjährigen Jazz-Fusion-Liebhaber begeistern. Im weiteren Verlauf des Albums gibt es noch viele überaus unterhaltsame Momente, sodass es praktisch unmöglich ist, herausragende Kompositionen herauszupicken — jede einzelne ist auf ihre Weise interessant und fällt in eine völlig eigenständige experimentelle Kategorie.
»Stranger Heads Prevail« stellte in vielerlei Hinsicht einen experimentellen Schritt nach vorne gegenüber dem Debüt dar und festigte den Status von Thank You Scientist als eine der interessantesten und am schnellsten aufsteigenden, wenn nicht gar führenden Bands im zeitgenössischen Progressive Rock. Die Musik von Thank You Scientist wird stets alle „offenen“ Köpfe begeistern, die empfänglich dafür sind, „Old-School“- und moderne Genreunternehmungen der Siebziger und Neunziger innerhalb des experimentellen Rocks miteinander zu verbinden, und die in der Lage sind, die überzeugende Vereinigung scheinbar unvereinbarer musikalischer Zutaten zu schätzen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Tracklist:
1. Prologue: A Faint Applause… (2:03)
2. The Somnambulist (5:33)
3. Caverns (7:06)
4. Mr. Invisible (7:36)
5. A Wolf in Cheap Clothing (6:43)
6. Blue Automatic (5:41)
7. Need More Input (7:47)
8. Rube Goldberg Variations (8:53)
9. Psychopomp (9:26)
10. The Amateur Arsonist’s Handbook (6:04)
11. Epilogue: …And the Clever Depart (1:07)
Besetzung:
Salvatore Marrano – Gesang
Tom Monda – Gitarre, Fretless-Gitarre, Akustikgitarre, Shamisen, Sitar, Backing Vocals, Streicherarrangements
Cody McCorry – Bassgitarre, Theremin, Fuchsschwanz
Ben Karas – Violine, Viola, fünfsaitige Violine
Ellis Jasenovic – Tenorsaxofon
Andrew Digrius – Trompete, Posaune
Odin Alvarez – Schlagzeug
Gastmusiker:
Mark Radice – Gesang, Piano, Keyboards
AJ Merlino – Schlagwerk
Sean Redman – Pauken
Gergly Kiss – Cello
Tory Anne Daines – Viola
Rebecca Harris – Violine
Bumblefoot – Gesang auf Prologue: A Faint Applause und The Spectrum Vocal Ensemble – „Mob“-Vocals
