Tape Deck Heart
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Turner, Frank
Label: Polydor Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 50:20
Bewertung: 4/5
Frank Turner ist ein interessanter Kerl. Nachdem er 2005 als ehemaliges Mitglied der Post-Hardcore-Band Million Dead seine Solokarriere als Singer-Songwriter gestartet hatte und dabei die Elemente seiner Punk-Vergangenheit mit der Folk-Musiktradition der Britischen Inseln verband, stieg seine Beliebtheit exponentiell an. Offensichtlich ist die Verschmelzung dieser zwei zwar klar voneinander getrennten musikalischen Grundelemente heute eine wirkungsvolle Formel, die sowohl Fans von Franks Punk-Wurzeln anzieht, die sich mit Hardcore und sogar Pop-Einflüssen vermischen, als auch den ungezügelten, feierlustigen Schwung des britischen Folk-Melos attraktiv findet. Daher überrascht es nicht, dass Turners gemeinsame Tourneen mit den beliebten Folk-Punk-»Paddelfüßern« Flogging Molly und Dropkick Murphys Sinn machen.
Der Moment, der Turners Karriere steil nach oben katapultierte, war sein »anglofilisch« patriotisch ausgerichtetes Vorgängeralbum namens »England Keep My Bones« (2011). Damit hat Turner die britischen Albumcharts ordentlich durcheinandergewirbelt und das Werk in mehr als 100.000 Exemplaren verkauft. Sein Solokonzert im Wembley-Stadion ist nur eine weitere Bestätigung des kometenhaften Aufstiegs dieses Künstlers in die Liga des kommerziellen Erfolgs. Das neue Album ist das fünfte in Folge, und man kann sagen, dass »Tape Deck Heart« im expressiven Sinne eine völlig neue Geschichte ist. Es ist ein persönliches Bekenntniswerk, an dem Turner seine organische, akustische Arrangements-Handschrift noch intensiver verfeinert hat. Ihm ist nämlich klar, dass die Kraft der Botschaften in der Lyrik und die emotional mitreißende Vokalperformance immer umso intensiver und tiefer wirken, je »sanfter« du die Charakteristika der musikalischen Begleitung einer authentisch organischen Farbpalette der Klanglandschaft unterordnest. Natürlich ist das für Turner nichts Neues, wenn man sein bisheriges Werk betrachtet, doch es fällt nicht schwer zu spüren, dass Turner diesmal besonders raffiniert und tiefgründig an der Dichte der organischen Klanglandschaft gearbeitet hat. Vor allem um den emotionalen Zustand des Musikers noch stärker zu intensivieren.
Den Löwenanteil an der außerordentlich vielschichtig verwobenen Klangköstlichkeit dieses Werks – dem Resultat der Tatsache, dass Turner als Singer-Songwriter und musikalischer Künstler wieder eine Stufe gewachsen und gereift ist – trägt das feinsinnige Perfektionismusohr von Produzent Rich Costey bei. Die Kompaktheit der eigentlich knappen Arrangement-Ausgangslage bindet wie ein magischer Kleber die außerordentliche Dichte des klanglich durchwirkten Kontrastierens einzelner Bausteine, die aufbauen. Turner hat sogar mehrere Dutzend Vokallinien für ein und denselben Track eingesungen. Der Einsatz einer bunten Palette von Keyboards mit Retro-Klang gibt dem Werk auch einen Hauch von Nostalgik. Trotz der Tatsache, dass dies Turners erstes in den USA aufgenommenes Album ist, merkt man davon kaum etwas. Es bewahrt den traditionellen Inselklang!
Der durchschnittliche amerikanische »Weisheitshorizont« in der Wahrnehmung musikalischer Kunst würde diesem Album ohne Zögern den Stempel »Parental Advisory« aufdrücken. Frank Turner ist nämlich kein Mann, der seine Lebenserfahrungen in den Saft von Metaphern hüllen könnte oder wollte. Turner liefert Botschaften direkt. Mit gespitzter Zunge. Jegliches Beiwerk ist überflüssig und unnötig. Da Turner aber ein typischer Insulaner ist, überrascht es keineswegs, dass all diese Direktheit in den typisch britisch-insularen schwarzen Sarkasmus eingehüllt ist. Gleichzeitig lässt Turner dabei das Ende offen. Beziehungsweise lässt er die Möglichkeit zu, dass alle Dinge im Leben mit einem Happy End enden.
Der Punk-Rock-Moment, der nach absolutem Abschalten und Party-Stimmung verlangt, holt in Four Simple Words und Polaroid Picture etwas Foo Fighters-Adrenalin heraus, obwohl die beiden Tracks als Kompositionen verschieden sind. Der erste ist punkig aufgedreht, während in den zweiten gleichwertig ein Moment melankolischer Versunkenheit eingewoben ist.
Turner ist ein einzigartiger Interpret. Maximal in die Tiefe gehend, und die Songs schwingen aus der Realität heraus durch das mitempfundene Darbieten von Emotionen. Besonders berührend ist auch The Fisher King Blues in der feinsinnigen Darbietung der Verse, während bei Anymore aufgrund der beschriebenen Charakteristika von Turners außergewöhnlicher Interpretation eigentlich nur sein Gesang genügt, in nahezu »a capella«-Manier. Die Begleitung ist klanglich völlig zurückgenommen und kaum hörbar.
Turner ist es gelungen, mit »Tape Deck Heart« ein außerordentlich schönes und farbenfrohes Werk mit zeitgemäß attraktiven Charakteristika der Verbindung von Folk-Elementen zu liefern, wie sie typisch für das britische Inselwesen sind, und dem entschlossen ein alternativer Rock-Moment anhaftet, der eine greifbare Rock-Vibration einbringt. Das Album schwingt vor Organik und exzellentem Klang, was das Resultat einer erstklassigen Produktion und klanglicher Politur der Arrangements ist. Den Abschluss macht das feinsinnige, balladenhaft versonnene, aber dennoch »anglo-erweckende« Broken Piano, charakterisiert durch eine Kombination aus hymnischer Erhabenheit – Feierlichkeit sowie jenem unverkennbaren Touch von Beklemmung und Melancholie, der nur für Künstler der Britischen Inseln typisch ist. Der Track vertieft die ausdrucksstarke künstlerische Reichweite von Frank Turners kreativem Oeuvre. Das Album ist auch deshalb besonders, weil seine expressive Tiefe über gut 50 Minuten kontinuierlich zunimmt. Jene anfängliche Banalität, ja sogar Wut und das Gefühl persönlicher Überlistung, verblassen nach und nach – an ihre Stelle tritt der positive Gedanke des Trotzes und des Beharrens auf dem eigenen Weg. Es ist ein Album, in dem sich eine »verlorene Seele wiederfindet« und nach dem »Schiffbruch« einen neuen Lebenssinn aufstellt, dem sie gezielt folgen und als Individuum wieder wachsen kann. Das Album kannst du daher noch lange durchkauen und seine Schönheiten und Besonderheiten entdecken! Wie es sich für ein echtes Singer-Songwriter-Album gehört. Vergleiche mit Werken von Ryan Adams sind möglich.
»Tape Deck Heart« ist ein Album, das durch eine Kaskade bitterer Lebenserfahrungen Frank Turners entstanden ist, die der Mann jedoch mit offenem Herzen als Lernlektionen annimmt und verkündet, dass es kein Hindernis gibt, das ein positiver Glaube nicht stets überwinden könnte. Es fällt nicht schwer zu schließen, dass Frank Turner bis heute sein klanglich und arrangementtechnisch am klarsten definiertes und reifstes Album seiner Karriere abgeliefert hat. Das gilt auch für seine Lyrik, die den Hörer in ihrer unverblümt persönlichen Aussage stellenweise besonders aufrichtig berührt.
Besetzung
Frank Turner – Gesang, Gitarre, Begleitgesang
Ben Lloyd – Gitarre, Begleitgesang, „šundr“ und Schlagzeug auf Track Nr. 12
Tarrant Anderson – Bassgitarre, Begleitgesang, Schlagzeug auf Track Nr. 12
Matt Nasir – Klavier, Keyboards, Mandoline, Xylophon, Begleitgesang, Schlagzeug auf Track Nr. 12
Nigel Powell – Schlagzeug, Percussion, Aufnahmegerät, Begleitgesang
MITWIRKENDE MUSIKER:
Rich Costey – Gitarre auf den Tracks Nr. 1 und 9, Begleitgesang auf Track Nr. 7
Elle King – Banjo auf Track Nr. 3
John Hill – „Soundscapes“ auf Track Nr. 3
Chris Trovero – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Scott Keys – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Deena Keys – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Samantha Keys – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Chris Kasych – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Ben Hallett – Begleitgesang auf Track Nr. 7
Produktion
Rich Costey
Trackliste
1. Recovery (3:28)
2. Losing Days (3:32)
3. The Way I Tend To Be (3:41)
4. Plain Sailing Weather (4:01)
5. Good & Gone (3:50)
6. Tell Tale Signs (4:12)
7. Four Simple Words (4:56)
8. Polaroid Picture (3:43)
9. The Fisher King Blues (5:00)
10. Anymore (3:09)
11. Oh Brother (4:18)
12. Broken Piano (5:30)