Erscheinungsdatum: 11.03.1977
Label: EMI
Produktion: Marc Bolan
Länge: 37:52
Genre: Glam Rock
Wertung: 8.5
»Dandy in the Underworld« war das letzte Album der Glamrock-Ikone Marc Bolan und seiner T. Rex, denn der legendäre Gitarrist und Sänger kam kurz nach Veröffentlichung dieses Werks bei einem Autounfall ums Leben. An dem Album wirkte eine ganze Reihe von Background-Sängerinnen und -Sängern mit, angeführt von Bolans Frau Gloria Jones, die den verhängnisvollen Unfall überlebte. Schon der Albumtitel hatte etwas an sich, das den Eindruck erweckte, Bolan habe geahnt, dass er in Kürze in die altgriechische Unterwelt hinabsteigen würde, die er in einigen seiner frühen Texte so gerne besang.
Trotz des düsteren Titels und des finsteren Covers war »Dandy in the Underworld« größtenteils von einer positiven Atmosphäre durchdrungen. T. Rex hatten sich damals auch kommerziell wieder gefangen, und als sie auf Tournee gingen, begleitet von den Punkern The Damned, schien eine aufregende Zukunft auf sie zu warten. Niemand ahnte, dass kurz nach Erscheinen des Albums alles vorbei sein würde. Bolan hatte sich in dieser Phase seiner Karriere zu einem guten Produzenten entwickelt, sodass das Album eine außerordentlich solide und konsistente Produktion aufwies. Zugleich begann er mit neuen Gesangsansätzen zu experimentieren, bei denen man spürte, dass ihn die Begegnungen mit einigen Punkbands jener Zeit beeinflusst hatten.
Der Titeltrack und zugleich Opener war gespickt mit einer Fülle feiner Background-Vokalharmonien. »Crimson Moon« war modernisierter Glam Rock, der sich einiger Punkeinflüsse nicht schämte. Das nostalgisch-verspielt klingende »Universe« schöpfte vor allem aus dem Sound der Hammond-Orgel. »I’m a Fool For You Girl« war ein weiteres Beispiel für einen scheinbar simplen, aber genial strukturierten Song. Der Boogie-Rocker »I Love to Boogie« stellte so etwas wie eine Rückkehr zu den Wurzeln dar. »Visions of Domino«, ein Prototyp der T. Rex-Klassiker, war auf den Flügeln von Bolans exzellentem Gesang mit Potenz, Glamour und Epik durchtränkt. »Jason B. Sad« war gewürzt mit einem mächtigen sinfonischen Arrangement, wiegenden Rhythmen und einem erstklassigen Refrain.
Auch »Groove a Little« klingt so, als wäre es in der goldenen Ära des Glam Rock entstanden und nicht in der zweiten Hälfte der Siebziger. »The Soul of My Suit« enthielt eine mitreißende Hymne, von denen Bolan in seiner viel zu kurzen Karriere einige geschrieben hat. Das von einem repetitiven Rhythmus bestimmte »Hang-Ups« bietet zwei gute, wenn auch kurze Gitarrensoli. Zu den Highlights des Albums zählt zweifellos das epische »Pain and Love«, das dank des herausragenden Gesangs und der mächtigen sinfonischen Arrangements einer der reifsten kompositorischen Momente in Bolans Karriere war. Hier war der Einfluss des Punks auf seinen Gesangsansatz noch deutlicher zu spüren — vor allem der Umgang mit Generation X und deren damals wenig bekanntem Sänger Billy Idol. Sehr wahrscheinlich hätte Bolan auch spätere New-Wave-Einflüsse begeistert aufgegriffen, wäre er am Leben geblieben. Der letzte Track des Albums, »Teen Riot Structure«, war ein ausgezeichneter Glam-Rocker mit ausgeprägt englischer Atmosphäre.
Mit dem überaus starken letzten T. Rex-Werk »Dandy in the Underworld« endete viel zu früh der Lebensweg einer der größten Rock-Ikonen der Siebziger. Wer weiß, wohin ihn die musikalischen Wege geführt hätten, wäre er 1977 nicht an den Folgen des Autounfalls gestorben. Wahrscheinlich hätte er auch in den Achtzigern mit großartiger Musik begeistert, und seine Reaktion auf die Glam-Metal-Szene wäre überaus interessant gewesen. Nach Bolans Tod hörten T. Rex natürlich auf zu existieren. Bolans ältester musikalischer Weggefährte, Perkussionist Steve Peregrin Took, starb 1980, nachdem er an einer Kirsche in seinem Cocktail erstickte. Langjähriger Bassist Steve Currie starb 1981. Langjähriger Schlagzeuger Mickey Finn hielt mit seiner T. Rex-Tributeband bis zu seinem Tod im Jahr 2003 durch. Nach Bolans Tod versuchten Musiker, die — mit Ausnahme von Finn — nie mit Bolan gespielt hatten, die Band neu zu beleben. David Bowie, Roy Wood und Bill Legend forderten mit einer Petition, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Doch wie man so sagt: Man soll nie nie sagen — Legend, das einzige noch lebende Mitglied der klassischen T. Rex-Besetzung, leitet seit 2014 seine eigene T. Rex-Tributeband, womit er allerdings den meisten Bolan-Anhängern alles andere als Begeisterung abgerungen hat.
Autor der Rezension: Peter Podbrežnik
Trackliste:
1. Dandy in the Underworld (4:33)
2. Crimson Moon (3:22)
3. Universe (2:43)
4. I’m a Fool for You Girl (2:16)
5. I Love to Boogie (2:14)
6. Visions of Domino (2:23
7. Jason B. Sad (3:22)
8. Groove a Little (3:24)
9. The Soul of My Suit (2:37)
10. Hang-Ups (3:28)
11. Pain and Love (3:41)
12. Teen Riot Structure (3:33)
T. Rex:
Marc Bolan – Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Tamburin
Gloria Jones – Background-Gesang
Steve Currie – Bass
Herbie Flowers – Bass
Davey Lutton – Schlagzeug
Tony Newman – Schlagzeug
Dino Dines – Keyboards
Miller Anderson – Gitarre
Gastmusiker:
Steve Harley – Background-Gesang
Alfalpha – Background-Gesang
Nick Laird-Clowes – Background-Gesang
Andy Harley – Background-Gesang
Sam Harley – Background-Gesang
Scott Edwards – Bass
Paul Humphrey – Schlagzeug
Chris Mercer – Saxofon
Bud Beadle – Saxofon, Flöte
J.B. Long – Violine