Sinner: Brotherhood
Label: Atomic Fire Records
Erscheinungsdatum: 15. 7. 2022
Produktion: Mat Sinner
Albumlänge: 53.22 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 8.5/10
Sinner gelten heute als eine der deutschen Heavy-Rock- und Heavy-Metal-Bands mit der längsten Schaffenszeit überhaupt. Der Kopf der Gruppe, ihr Antriebsmotor, Visionär, Hauptkomponist, Produzent, Vokalist und Bassist Mat Sinner ist besonders in der deutschen Metal-Szene seit Jahren eine Art Ikone geworden. Wer die Szene ein bisschen verfolgt, weiß zu berichten, dass Mat Sinner seine starke Inspiration durch Thin Lizzy nie verborgen hat. Diese Inspiration prägt eigentlich einen Großteil der Karriere der Band. Allerdings haben Sinner in ihrer Karriere auch einige richtig harte und metallisch geschärfte Werke veröffentlicht. Besonders die Ära der Studioalben zwischen 1997 und 2003 springt einem in den Sinn.
Nach »There Will Be An Execution« (2003) setzten Sinner ihre Veröffentlichungsreihe fort, kehrten im Sound dabei aber zu einer Heavy-Rock-Ästhetik zurück, die von den Wurzeln des Rock-Erbes der Siebziger inspiriert war. Matt Sinner hatte mit Primal Fear den großen Wurf gelandet, und der Fokus auf die Stamm-Band Sinner wurde immer geringer. Es wirkte tatsächlich so, als würden wir nie wieder ein Album zu hören bekommen, das eine so wuchtige und metallisch geschärfte Produktion liefert wie das unvergessliche »The Nature Of Evil« (1998).
Nach einigen seltsamen Manövern — besonders rund um die Integration von weiblichem Gesang — und einem weiteren ziemlich mittelmäßigen Werk, »Santa Muerte« (2019, Rockline Rezension), sah es so aus, als müsste man Sinner keine weitere Aufmerksamkeit mehr schenken und als hätte die Band ihre Mission erfüllt — oder als wären Primal Fear für Mat Sinner eben die erste Priorität und Sinner nur noch seine Hausband. Falsch gedacht. »Brotherhood« ist im Vergleich zu allem, was Sinner nach 2003 veröffentlicht haben, ein echtes Ungetüm. Mit »Brotherhood« haben Sinner einen radikalen Kurswechsel vollzogen — in der musikalischen Ausrichtung wie auch in der Produktion. Das Album knüpft nämlich an »There Will Be An Execution« an — und darüber hinaus. Sogar an »The Nature Of Evil«.
Die Gitarrenphrasen von Tom Naumann haben seit langer Zeit nicht mehr so borstig, verschmitzt und bösartig geklungen — und gleiches gilt für Mat Sinners vokale Darbietung. Das Phrasieren ist schneidend, erlebt und unnachgiebig wie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr. Sinners Liebe zu Thin Lizzy zeigt sich neben dem wachrüttelnden Titeltrack auch im abschließenden, ruhigeren 40 Days And 40 Nights — letzterer besonders durch seinen Gesangsansatz. »Brotherhood« ist also angenehm giftig, großzügig aufgeraut und in Dezibeln aufgedrehtes Heavy Metal. Den Vorrang übernehmen wieder neoklassisch/Judas-Priest-inspirierte Terz-Harmonien, die das geschärfte Phrasieren begleiten und dem Album zugleich musikalische wie atmosphärische Fülle verleihen. »Brotherhood« ist ein Album, das mit ausgeprägtem Drama-Theater und Pomp anspricht — und das in Momenten intensiv düster ist. Auch die Anordnung der einzelnen Tracks erinnert stellenweise an die Zeiten des »The Nature Of Evil«-Albums: der Einstieg mit dem knallhart geschärften Bulletproof (das unnachgiebige The Man They Couldn’t Hang hätte genauso gut die Eröffnungsposition übernehmen können), dann in der Mitte die siebeneinhalb Minuten lange und äußerst ambitionierte Komposition The Last Generation, vollgepackt mit stimmungsmäßigen und motivischen Wendungen, einem ausgedehnten Gitarren-Duell in der Schlussphase ihrer Entwicklung — was an den Titeltrack des gerade erwähnten klassischen Sinner-Albums erinnert — und, wie gesagt, ganz am Ende der ruhigere Track 40 Days And 40 Nights, so wie The Sun Goes Down — ein Thin-Lizzy-Cover — das »The Nature Of Evil« beschließt.
Auch sonst gibt es auf dem neuen Album kein Füllmaterial, was bedeutet, dass das Team beim Komponieren des Albumsmaterials eine hervorragende kreative Ader gefunden hat, die frische neue Energie beweist. Mat Sinner hat einige Tracks geschickt mit Orchestrierungen und zusätzlichen Keyboards ausgestattet sowie die Vokalharmonien verstärkt. Für Mat Sinner ist das fast schon Routine — doch diesmal packen diese „Extras“ atmosphärisch so intensiv zu wie schon lange nicht mehr. Mit dem ausgeprägten Biss des Phrasierens in der Produktion und dem kontrastierenden rhythmischen Stampede ist »Brotherhood« als insgesamt 20. Studioalbum dieser großen deutschen Metal-Veteranen ein echter Metall-Torpedo, getränkt nach den Maßstäben des Besten, was die Tradition der deutschen Heavy-Metal-Schule zu bieten hat. Möge es so bleiben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Bulletproof
2. We Came To Rock
3. Reach Out
4. Brotherhood
5. Refuse To Surrender
6. The Last Generation
7. Gravity
8. The Man They Couldn’t Hang
9. The Rocker Rides Away
10. My Scars
11. 40 Days 40 Nights
Besetzung:
Mat Sinner – Gesang, Bassgitarre
Tom Naumann – Gitarre
Alex Scholpp – Gitarre
Markus Kullmann – Schlagzeug
Gastmusiker:
Dave Ingram, Erik Martensson, Giorgia Colleluori, Lisa Müller, Mark Basile, Neil Witchard, Oliver Palotai, Ralf Scheepers, Ronnie Romero, Sascha Krebs, Stef E., Tom Englund
