Simon McBride: Fighter
Label: earMUSIC Records
Erscheinungsdatum: 27. 5. 2022
Produktion: Simon McBride
Albumlänge: 45.57 min
Genre: Hard Rock / Blues Rock
Bewertung: 9.0/10
Er ist Ire, aber weder Rory Gallagher noch Gary Moore. Er ist etwas jünger als Joe Bonamassa, aber längst nicht so bekannt und populär wie Smokin‘ Joe. Er ist der Mann, der bei Sweet Savage mit noch nicht einmal sechzehn Jahren seinen Landsmann Vivian Campbell ersetzte, nachdem dieser 1996 seinen Job bei Def Leppard antrat – und er ist der Musiker, von dem der legendäre Deep Purple-Sänger Ian Gillan sagt, er sei der beste Gitarrist der Welt. In den letzten Jahren springt er bei Snakecharmer für Micky Moody ein und gilt außerdem als „Deep Purple-Ersatzmann“, da er auf der aktuellen Deep Purple-Tournee für Steve Morse einspringt. Meine Damen und Herren: das ist Simon McBride, der Ende Mai dieses Jahres sein neues Solo-Studioalbum „Fighter“ veröffentlicht hat.
Mit dem Album „Fighter“ meldet sich Simon McBride nach längerer Pause als Solokünstler zurück. Seit seinen drei vorherigen Alben „Rich Man Falling“ (2008), „Since Then“ (2010) und „Crossing The Line“ (2012) ist einiges an Wasser den Bach runtergeflossen. Der zehnjährige Abstand bedeutet andererseits aber auch, dass sich in der Zwischenzeit jede Menge Ideen für ein neues Album angesammelt haben konnten.
Das Album „Fighter“ ist eine phänomenale Sammlung neuer Eigenkompositionen von Simon McBride – diesmal ohne Coverversionen. Der Mann reift von Album zu Album, als Komponist und Arrangeur. „Fighter“ ist ein weiteres, außerordentlich ausgefeiltes Werk dieses profilierten Gitarrenvirtuosen, der auch gesanglich ungeniert brilliert. Das neue Album trägt ein ausgesprochen organisches Fundament, wirkt konzertant, lebendig, voll und klanglich schlicht opulent. Eine Mischung aus Blues Rock, den alten Tricks der Rockschule der Siebziger und Momenten, in denen McBride mit bestechender Raffinesse unverhüllte Pop-Elemente in sein eklektisches musikalisches Alphabet einwebt. „Fighter“ ist ein starkes Rockalbum, das neben all dem geschickt definierten Songwriting von McBrides gewaltigem Gitarrenspiel geprägt wird – womit er glaubwürdig in den Fußstapfen des potenten Blues-Rock-Erbes wandelt, das seine verstorbenen Landsleute Gary Moore und Rory Gallagher hinterlassen haben. Spätestens King Of The Hill, platziert in der zweiten Albumhälfte, sagt darüber alles. Vor allem das Eröffnungssolo. Ein Song, der, hätte ihn Bonamassa oder ein Kenny Wayne Shepherd geschrieben, in der Kategorie bester Blues-Rock-Song des Jahres einen Grammy geholt hätte.
„Fighter“ ist ein abwechslungsreiches Album. Das einleitende Don’t Dare trägt im Hauptriff etwas von der inneren Led Zeppelin-Anziehungskraft à la Kashmir in sich – dem ist kaum zu entkommen, besonders im Schlussteil des Songs, wo eben dieses Riff den Track zu einem atmosphärischen Crescendo führt. Das Album hat Momente, in denen das Gitarrenspiel besonders herausgestellt wird – fett und drückend, was für alle, die Joe Bonamassas Ansätze kennen, mehr als verlockend sein wird, denn der spart bekanntlich nicht mit Dezibeln und Verzerrung. Solche Momente sind zum Beispiel King Of The Hill und der Titeltrack des Albums. Dann gibt es Augenblicke, in denen sich beim Hörer das Herz erweicht und biegt – etwa durch die intensive Atmosphäre und sehnsuchtsvolle Melancholie der phänomenalen Blues-Rock-Balladen Show Me How To Love und Let Me Go, die beide mit außerordentlich musikalischen und mitreißend ansprechenden Refrains glänzen. Mehr von der traditionellen Blues-Schule ist in 100 Days zu spüren. Dann gibt es kraftvoll beschleunigte Passagen mit gewaltigem musikalischem Aufbäumen, aber auch Übergangsteile des Gitarrenspiels, die auch Fans von Richie Kotzen ansprechen dürften – erkennbar in Back To You und High Stakes. Beide Songs zeichnen sich erneut durch packende, eingängige Refrains aus. Der abschließende The Stealer hätte in anderen Zeiten sehr wahrscheinlich ein großer Hit der legendären Free werden können. Ein brillanter Abschluss, rhythmisch auch mit einer Cowbell kernig zementiert – ganz zu schweigen von einer weiteren atemraubenden McBride’schen Gitarren-Show.
McBride geht sehr traditionell vor. Auf dem Album „Fighter“ erledigt er selbst den Großteil von allem – gesanglich und natürlich was den Ertrag seines Gitarrenspiels betrifft. Im Laufe der Jahre hat er sich zu einem sehr guten Sänger entwickelt. Das Hauptwort hat auf dem Album aber fraglos die Gitarre. Das scharfsinnige Songwriting entfaltet seine kraftvolle Wirkung durch das Fundament, das Bass, Schlagzeug und Hammond legen – was bedeutet, dass Simon McBride erstklassige Musiker für ihre jeweiligen Aufgaben um sich versammelt hat, und die schiere Potenz und Packungskraft des Blues Rock, mit der das Musikerteam nahezu konzertant kommuniziert, auf diese Weise voll ausgeschöpft wird. McBride nutzt den Großteil der Übergänge, Passagen sowie Ein- und Ausleitungen der einzelnen Tracks, um dort funkelnde Gitarnenornamente einzuweben – was ihm eine Gewinnerhand aus Assen sichert, wenn es darum geht, die außergewöhnlich hoch vibrierende Dynamik des Albums als Gesamtwerk aufrechtzuerhalten. „Fighter“ ist in dieser Hinsicht ein außerordentlich faszinierendes Album. An Spielenergie und Substanz mangelt es ihm keinen Augenblick lang, und gleichzeitig ist das Album durchgehend durchdacht belastet – sowohl mit Schärfe und der Entfaltung extremer Geschwindigkeit als auch mit raffinierten Passagen, die vom Gitarristen Weichheit und feinste Feinmechanik verlangen. Die Atmosphäre trägt Momente, die düsterer sind, doch dank der eingängigen Refrains entwickelt sich das Album an anderen Stellen mit verschmitztem, luziden und rundum positivem Sentiment. Also ein Blues-Rock-Album, das ins Ohr geht – auch wenn seine Entstehung, angesichts der Ausgefeiltheit, Abwechslungsreichtum und all der eingearbeiteten „Kleinigkeiten“, von McBride volle Konzentration und echten Einsatz erfordert hat.
Simon McBride beweist mit dem neuen Studioalbum „Fighter“, dass er als Komponist reift und sich weiterentwickelt. „Fighter“ ist eine neue Station auf dem Weg der evolutionären Reifung dieses außergewöhnlichen Blues-Gitarrenvirtuosen – mit dem er sich selbst eine neue hohe Messlatte setzt, die er in Zukunft zu übertreffen oder zumindest zu halten versuchen wird. Mit einem Wort: „Fighter“ ist ein außerordentlich schönes Blues-Rock-Album der neuen Ära.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Don’t Dare
2. Show Me How to Love
3. Kingdoms
4. The Fighter
5. High Stakes
6. Let Me Go
7. 100 Days
8. King of The Hill
9. Just Takes Time
10. Trouble
11. Back to You
12. The Stealer
Besetzung:
Simon McBride – Gesang, Gitarre, Hintergrundgesang
Dave Marks – Bassgitarre
Marty McCloskey – Schlagzeug
