Def Leppard: Diamond Star Halos
Label: Bludgeon Riffola/Mercury Records
Erscheinungsdatum: 27. 5. 2022
Produktion: Ronan McHugh
Albumlänge: 61.27 Min.
Genre: Hard Rock
Bewertung: 9.0/10
Def Leppard und ein neues Album. Das siebte Album der unveränderten Besetzung, die in diesem Format seit dem Album „Slang“ (1996) zusammenarbeitet, lässt sich als ihr bis dato bestes bezeichnen. Und um die Zahl Sieben drehen wir uns weiter. Vor sieben Jahren klopfte bereits der Vorgänger „Def Leppard“ unverblümt in diese Richtung und machte unmissverständlich klar, dass Def Leppard entschlossen zu ihren goldenen Zeiten der Achtziger und der ersten Hälfte der Neunziger zurückgekehrt sind.
Der Albumtitel, der einer Zeile des T.Rex-Songs Get It On entstammt, verrät einiges darüber, von wem sich die Band von jeher hat inspirieren lassen. Das Album verpasst einem ein paar glamrock-gefärbte Ohrfeigen, die nicht Leppard-typischer sein könnten — etwa das aufeinanderfolgende Duo Kick und Fire It Up — wobei der Opener Take What You Want bereits ein lupenreiner Abdruck klassischer Def Leppard-Rhetorik ist, nur eben produktionstechnisch im Jahr 2022 verortet. Überraschend? Keineswegs. Das versteckt im Grunde kein einziges bis heute erschienenes Def Leppard-Album. Glam Rock ist die obligatorische Begleiterscheinung des musikalischen Grundstoffs jedes Def Leppard-Albums.
Dann sind da zwei Schlagerpoppchen, die mit This Guitar und Lifeless verführerisch Richtung Country schielen und auf denen Elliots Gesangskollegin Alison Krauss in Vokalduetten mitwirkt. Das Album ist über seine mehr als einstündige Laufzeit in Sachen Dynamik und Stimmungsbogen ausgezeichnet austariert. Es gibt einige interessante Ausflüge, wie etwa Liquid Dust (hier geht es nicht um Puderzucker), das melodisch unverkennbar Leppard-typisch anspricht, mit etwas weicherem Arrangement und zusätzlichem Schlagzeug aber den Hauch der späten „psychedelischen“ Phase der The Beatles trägt. Ihr Ende fließt kaum merklich durch einen gelungenen Übergang in den funky/groove-Moment U Rock Me, mit dem markanten Kontrast zwischen akustischer Strophe und explosivem Arena-Rock-Refrain. Außerordentliche Reife des Quintetts beweist die großartige Ballade Goodbye for Good This Time in der Albummitte, wo neben Elliots ergreifendem und gefühlvollem Gesang Streicherarrangements und ein akustisches Gitarreneinschub in der Albummitte eine besondere Magie entfalten. Wäre der Song in den Achtzigern entstanden, würde er heute als zeitloser Def Leppard-Hit gelten. Den Gipfel bildet ein erstklassiger Refrain. Als ähnlichen, „ein bisschen anderen“, aber abermals fulminant gelungenen Ausflug lässt sich auch Open Your Eyes bezeichnen, mit einem neuen, „ungemein“ einprägsamen Refrain und einer erkundenden Strophe, die wiederum einige Einflüsse des psychedelischen Pops vom Übergang der Sechziger zu den Siebzigern wachruft — bei denen selbst David Bowie die Sinne gespitzt hätte, wäre ihm das heute vergönnt. In diese Liga der ruhigen Albummomente gehört unbedingt auch Angels (Can’t Help You Now), wo die Band mithilfe des geschickten Einsatzes von Streicherarrangements und dem Klavier des legendären Bowie-Keyboarders Mike Garson einmal mehr eine packende Atmosphäre aufgebaut hat — und das Ganze dennoch nicht vergessen hat, mit ihrer bekannten Pomp-Rock-Rhetorik zu kreuzen. Das Lehrbuch, das The Beatles geschrieben haben, ist für Def Leppard also auch im Jahr 2022 noch hochaktuell. Ausgezeichnet und höchst interessant wirkt auch der Albumabschluss From Here To Eternity, den man als einen weiteren Moment der „experimentellen Abenteuer“ des Albums bezeichnen kann und der als einziger Song vollständig vom Bassisten Rick Savage stammt (sein rhythmischer „Drive“ schuldet etwas Inspirationsdank dem zweiten Teil („She’s So Heavy“) des The Beatles-Klassikers I Want You (She’s So Heavy)). Der Track hebt sich vom Rest des Materials ab, spricht aber unwiderstehlich an und nimmt diesem außerordentlich raffiniert ausgefeilten Album in nichts die Energie — und bestätigt damit einmal mehr, dass er die Band während seiner Entstehung enorm beschäftigt hat. Beschäftigt hat wie kaum eines ihrer letzten sieben Alben. Dann ist da noch All We Need, das den sanften, sanften und „unschuldigen“ Unterton der großen Ballade Hysteria trägt. Kurzum: Langeweile kommt keine auf. Die Band hat das Studio genossen, und die Folge davon ist, dass alle Def Leppard-Fans mit dem neuen Album definitiv ihren Spaß haben werden. Garantiert. Das Album ist in jedem Moment von diesem unabdingbaren „Party Time Pomp Drive“-Moment geprägt.
An „Diamond Star Halos“ haben Def Leppard lange gefeilt. Es gibt viele Songs. Aber alle sind sehr, sehr ausgefeilt. Die Details sind durchdacht. Die Band hat tatsächlich jedem kleinen Kniff bei Arrangement und Produktion Aufmerksamkeit geschenkt. Das Album packt einen von Anfang bis Ende. Trotz der außergewöhnlichen Länge von über 61 Minuten, die nur das unvergessliche „Hysteria“ (1987) knapp übertrifft — und zwar um kaum eine Minute. Das ist ein gutes Zeichen. Auf neue Def Leppard-Alben wartet man also künftig mehrere Jahre, aber das Warten zahlt sich mehr als aus.
Was dem neuen Album also die echte Leppard-typische Arena-Rock-Packungskraft verleiht — neben dem ausdrucksstarken Eröffnungsschwung mit dem erwähnten Dreiergespann Take What You Want, Kick und Fire It Up — das festigen auf dem Album noch SOS Emergency, All We Need, Open Your Eyes, Gimme A Kiss und Unbreakable. Letztere trägt einen brillanten Kontrast zwischen einer düsteren, dramatischen Strophe und einem funkelnden, „hellen“ Refrain. Das ist das Material, das wir von der Band wollen, und das Material, das dem Neuen den Glanz der klassischen Tage verleiht und die außergewöhnliche Reife des Quintetts in den reifen Jahren seines Schaffens widerspiegelt. Genau das, was man tun muss, wenn man eine so bedeutende Position in der Geschichte der Rockmusik innehat wie Def Leppard. Raffiniert. Verführerisch und auf eine gewisse Art, nach all den Jahren des Trotzens, lausbubenhaft sündhaft.
Die Band hat sich zwei Jahre lang im Studio mit dem Album beschäftigt. Es ist ein abwechslungsreiches und dabei durchgehend außergewöhnlich hörenswertes Album. Ein echter Rockalbum erfahrener Füchse, die dem neuen Material diesmal besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben. Es ist viel Material und braucht länger, um es zu verinnerlichen. „Diamond Star Halos“ ist also das Werk einer Band, die angesichts ihrer Langlebigkeit, Ausdauer, Erfahrung, Routine und zurückgelegten Kilometer eine brillante Mischung aus verführerischer, unmittelbar ansprechender Rockstärke und dem Artismus filigraner Pinselstriche darstellt — meisterhaft gesteuert durch die außergewöhnliche Reife des ikonischen Quintetts aus Sheffield.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Take What You Want
2. Kick
3. Fire It Up
4. This Guitar (featuring Alison Krauss)
5. SOS Emergency
6. Liquid Dust
7. U Rok Mi
8. Goodbye For Good
9. All We Need
10. Open Your Eyes
11. Gimme A Kiss
12. Angels
13. Lifeless (featuring Alison Krauss)
14. Unbreakable
15. From Here To Eternity
Besetzung:
Joe Elliott – Gesang, Gitarre auf den Tracks 8, 12 und 14
Phil Collen – Gitarre auf den Tracks 1 bis 7 und 9 bis 15, Hintergrundgesang auf Track 1
Rick Savage – Bassgitarre, Gitarre auf den Tracks 1 bis 3 und 15, Hintergrundgesang auf Track 15
Vivian Campbell – Gitarre, Hintergrundgesang auf Track 1
Rick Allen – Schlagzeug
Zusätzliche Musiker:
Ronan McHugh – Drum-Programmierung
Debbi Blackwell-Cook – Hintergrundgesang auf den Tracks 2, 3, 11 und 12
Dave Bassett – Hintergrundgesang auf den Tracks 2 und 3
Alison Krauss – Gesang auf den Tracks 4 und 13
Eric Gorfain – Streicherarrangements auf den Tracks 4, 8 und 12
Mike Garson – Klavier auf den Tracks 8 und 12
