Satan: Earth Infernal
Label: Metal Blade Records
Erscheinungsdatum: 1. 4. 2022
Produktion: Satan
Albumlänge: 47.36 min
Genre: Heavy Metal / N.W.O.B.H.M.
Bewertung: 9.0/10
Da ist er, der nächste Satan-Album. Die Band, die in den letzten Jahren eine echte Renaissance erlebt, gilt als Kultvertreterin der N.W.O.B.H.M.-Ära. Diese Renaissance dauert mittlerweile gute zehn Jahre an, und in dieser Zeit haben wir das vierte Album in Folge bekommen. Für Satan insgesamt das sechste. Zählt man noch die Zeiten dazu, in denen sie vorübergehend unter den abgewandelten Namen Blind Fury und Pariah aktiv waren, käme man heute auf insgesamt neun.
Das Faszinierende an Satan ist, dass Zeit bei ihnen keine Rolle spielt. Die über zwanzigjährige Pause wurde 2011 endgültig beendet, und die Band versucht mit den letzten vier Alben gewissermaßen all die verlorenen Jahre aufzuholen. Und das tut sie auf äußerst überzeugende Weise. Mit einer faszinierenden Serie neuer Studioalben, die neben den Klassikern »Court In The Act« (1983) und »Suspended Sentence« (1987) problemlos bestehen können. Willkommen also im absoluten Königreich des Höllenfürsten, weitläufigen Schwefelgerüchen und Luftalarmsirenen bei der Invasion unüberschaubarer Fliegenschwärme.
Einige ihrer Generationsgenossen sind noch aktiv, doch hebt man Satan unter ihnen hervor, lässt sich sagen, dass sie womöglich die überzeugendsten von allen sind, wenn es darum geht, die Vibration der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern wiederaufleben zu lassen, als die N.W.O.B.H.M.-Bewegung ausbrach. Besonderheit ist nicht nur, dass Satan kein doppeltes Basspedal verwenden – so wie etwa ihre Zeitgenossen Iron Maiden auch nicht –, sondern mehr als dieses Kratzen an dieser ‚Kleinigkeit‘ britischer Konservativität sticht jene unglaublich spöttische, abrasive und bis zu einem gewissen Grad sogar ironische Haltung hervor, die durch eine ausgesprochen ‚veraltete‘ Produktion bedingt ist (Puristen mag die ‚Garagen-Rohheit‘ abschrecken, die dem Punk der späten Siebziger näher ist als sonst irgendwas), welche der Band gerade im Hinblick auf die Restaurierung der klassischen Metal-Tage von vor mehr als 40 Jahren ein gewinnendes Blatt beschert. Sie könnten lange, schlangenartige Stücke schreiben, die Langeweile erzeugen – wie es ihre Landsleute Iron Maiden zuletzt auf dem letzten Album tun –, aber Satan sind eine andere Art von Bestie. Sie kennen nur den höchsten Gang. Sie komponieren und spielen eine so schnelle wie mögliche Version eines eingeknöcherten Metals. Als wären zwischen 1979 und 2022 nicht mehr als 40 Jahre vergangen, sondern bloß drei bis vier. Bei Satan ist kein Platz für Flitter, Kitsch oder Produktionstricks, die der Band das hochoktanige Ventil ihrer ungemein spöttischen, unheilverkündenden, ‚unangepasst‘ jähzornigen Haltung nehmen würden, in der dystopische Ausblicke und Okkultismus besser nicht zünden könnten. Neben dem messerscharfen Phrasieren des ideenunerschöpflichen Gitarrengespanns Ramsey/Tippins, das auch bei Soli und sämtlichen Verzierungen (zahlreiche Terzharmonien) Spitzenarbeit leistet, ist natürlich noch Vocalist Brian Ross da (der Mann hat mit Blitzkrieg vor Jahren auch das Metaldays-Festival in Tolmin besucht). Er muss einfach dabei sein, denn ohne ihn würde ein großes Stück jener magischen Essenz fehlen, die den musikalischen Inhalt dieser Band an einen ganz besonderen Platz im Heavy-Metal-Universum stellt. Die Antwort darauf, warum Satan auch auf »Earth Infernal« so überzeugend die Authentizität jener Zeiten einfängt, als Metal noch eine junge Kreatur war, erklärt sich etwas leichter durch die Tatsache, dass sie noch heute in derselben Besetzung aktiv sind, die u. a. auch die Alben »Court In The Act« und »Suspended Sentence« eingespielt hat.
Auch das Album »Earth Infernal« rollt – wie zuvor »Cruel Magic« (2018, RockLine Rezension) – vernichtend. Altmodisch, aber blutdürstig. Es ist eine Feuerkugel, die Staub und Asche hinterlässt und weder Vergebung noch Gnade noch Überlebende kennt. Brian Ross singt für sein Alter phänomenal. Der Gesang verleiht dem Ganzen jene düstere Theatralik, beschwört Untergang, erzeugt das Gefühl, dass jede Sekunde dieses Albums vom ‚Jüngsten Gericht‘ begleitet wird. Mit dem eröffnenden, vernichtenden Sturmangriff Ascendancy wird »Earth Infernal« im Nu zu einer liebenswert nostalgischen Versuchung, hinter der eine alte musikalische Formel steckt. Eine vergessene Formel. Eine Formel, die nur die Chemie dieser unveränderten Satan-Besetzung hinbekommt. Als würde man im Jahr 2022 in einen Sopwith Camel steigen. Besonders vernichtend sind vor allem die kürzesten Tracks The Blood Ran Deep und From Second Sight. Dazu gibt es noch das kurze Instrumental Mercury’s Shadow, das die abwechslungsreiche Haltung des Albums weiter aufrechterhält – vor allem aber sind jene Tracks die Gewinner, bei denen die Band die Dinge ein bisschen ‚verkompliziert‘. Die Wucht und technische Fertigkeit, in der beide Gitarristen glänzen, tritt in diesen Momenten des Albums noch stärker in den Vordergrund. Burning Portrait, dann Twelve Infernal Lords, oder das abschließende, ausgesprochen düstere Epos voller atmosphärischer Umbrüche namens Earth We Bequeath. Obwohl die stilistische Haltung klar und einzigartig ist, passiert im Verlauf von knapp 48 Minuten Spielzeit eine Menge. Vernichtende Dynamit-Salven fehlen »Earth Infernal« keinen Augenblick lang. Die kreative Inspiration, die im Studio geherrscht haben muss, war schlicht außergewöhnlich.
Die Legenden haben ihrer Geschichte aus den Zeiten des ‚mittleren Erdalters‘ also noch ein weiteres phänomenales Kapitel hinzugefügt. Wäre »Earth Infernal« beispielsweise 1983 entstanden, würde man es vor allem wegen der tosenden Wut und Geschwindigkeit sowie der für damalige Verhältnisse technischen Leistungen genießen. Heute sind diese Attribute längst übertroffen und daher nichts Besonderes mehr. Besonders aber ist im Jahr 2022 die Aura selbst von Alben wie »Earth Infernal«. Das Album besitzt eine einzigartige energetische Vibration und Chemie. Die Formel jener Urzeit kann nicht besser wirken, als wenn diejenigen Musiker damit hantieren – auch 40 Jahre später –, die sie einst eigentlich begründet haben. Die ‚Onkel‘, die heute in die Sechziger geschlittert sind, halten die Form und spielen wie geschliffene 20-jährige Hengste, neben denen neuere Bands des Heavy-Metal-Revivalismus, die im Vergleich zu Satan eine deutlich breitere Bekanntheit genießen, nur still erröten können.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Ascendancy
2. Burning Portrait
3. Twelve Infernal Lords
4. Mercury’s Shadow
5. A Sorrow Unspent
6. Luciferic
7. From Second Sight
8. Poison Elegy
9. The Blood Ran Deep
10. Earth We Bequeath
Besetzung:
Brian Ross – Gesang
Russ Tippins – Gitarre
Steve Ramsey – Gitarre
Graeme English – Bassgitarre
Sean Taylor – Schlagzeug
