Ronnie Atkins: Make It Count
Plattenfirma: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 18. 3. 2022
Produktion: Jacob Hansen
Albumlänge: 54.15 Min.
Genre: Hard Rock/Melodic Rock
Bewertung: 9.0/10
Pretty Maids veröffentlichten ihr letztes Album »Undress Your Madness« im November 2019 – RockLine Rezension. Normalerweise hätte man bis 2022 mindestens noch ein neues Studioalbum erwartet. Doch das Schicksalsrad dreht sich nach eigenen Gesetzen: Bei Ronnie Atkins, dem Vokalisten dieser legendären dänischen Hard-Rock-Band, wurde bereits während der Aufnahmen zum letzten Pretty Maids-Album Lungenkrebs diagnostiziert – man ging zunächst davon aus, dass er durch zahlreiche Chemotherapien und Bestrahlungen besiegt worden war. Leider kehrte er Ende 2020 zurück. Ronnie blieb nicht untätig. Er begann, ein Team für ein Soloalbum zusammenzustellen. So erschien vor etwas mehr als einem Jahr »One Shot« – ein in jeder Hinsicht hervorragendes erstes Solowerk des Sängers (RockLine Rezension).
Wer glaubte, das sei Ronnies Schwanengesang, hat sich geirrt. Der Mann hielt sein bewährtes musikalisches Team aus erstklassigen skandinavischen Musikern zusammen, die bereits während der Arbeiten zu »One Shot« so viel Material geschrieben hatten, dass einiges davon „auf Vorrat“ liegen blieb. Im vergangenen Oktober legte dieses Team dann noch die Akustik-EP »4 More Shots (The Acoustics)« nach, und gleichzeitig nahm der Nachfolger von »One Shot« bereits konkrete Formen an.
»Make It Count« – Atkins‘ zweites Soloalbum also – ist seinem Vorgänger auf ein Haar ähnlich. Es ist zehn Minuten länger, ansonsten gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Das ist sehr logisch und angesichts der Entstehungsgeschichte eigentlich selbstverständlich. Zwei Alben in gut einem Jahr ist keine Kleinigkeit. Zwei gute in Folge und das innerhalb eines einzigen Jahres – das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer. An Musikalität mangelt es ihm nicht. Die quillt regelrecht über. Die Höhepunkte des Bombast-Pumpens sind die Refrainmelodien, die brillant mit zusätzlichen Vokalharmonien unterlegt sind – das ist unbedingt nötig, damit die Tracks sofort zünden. Beim ersten Hören. Atkins zeigt keinerlei Anzeichen stimmlicher Erschöpfung oder Abnutzung. Seine charakteristische Farbe und sein Ansatz sind da, im Mittelpunkt des Geschehens – wobei etliche Tracks durchaus den Weg auf ein potenzielles Pretty Maids-Album finden könnten (natürlich mit anderem Arrangement und anderer Produktion). In jedem Fall reden wir hier von einem persönlich bekennenden Album, das stellenweise auch etwas „softer“ arrangiert ist und üppigere Keyboard-Unterstützung bietet, auch wenn das Gitarrenspiel absolut die zentrale Rolle einnimmt. Eine Ballade vom Schlage Let Love Lead The Way hätte auf einem Pretty Maids-Album freilich nichts zu suchen. Das Album beschließt der exzellente Titeltrack, der sich im Stil einer Chanson bzw. einer weiteren Ballade öffnet. Dieser Song ist gewissermaßen herzzerreißend – nicht nur wegen der Natur des Arrangements, sondern auch wegen seiner Botschaft, denn er wirkt wie ein Epitaph. Deshalb ist er der eigentümliche Höhepunkt dieses Werks! Atkins wusste, warum er ihn ans Ende des neuen Albums stellen wollte.
Auch auf »Make It Count« haben ihre Solo-Tupfer Meister der Sechssaiter beigesteuert: John Berg (Paralydium), Pontus Norgren (HammerFall) und Oliver Hartmann (Avantasia, Hartmann), während den Löwenanteil an Klang und Erscheinungsbild der Songs Atkins‘ Pretty Maids-Kollege, der schwedische Multi-Instrumentalist, Produzent und Arrangeur Chris Laney übernommen hat.
Schon die Singles ließen ahnen, dass »Make It Count« ein neues, sehr starkes Atkins-Soloalbum werden würde. Blood Cries Out ist einer der brachialsten, treibendsten und dabei zutiefst dramatischen Angreifer, begleitet von intensiver Melancholie, die sich im bombastischen Refraingesang entfaltet. Dieser Track gießt im zweiten Teil des Albums Öl ins Feuer – genau zwischen der ausdrucksstarken Ballade Let Love Lead The Way und dem mittelschnellen Easier To Leave (Than Being Left Behind) – und hält das Album damit in einer ausgesprochen starken Dynamik.
Die guten 54 Minuten sind Pflicht für alle Fans von Atkins‘ Stimme und dem Werk von Pretty Maids – und das gilt besonders für Hörer mit einem Faible für hochklassige Musikalität, wie sie das aufgedrehte Rezept der skandinavischen Hard-Rock-Kultur, oder sagen wir ruhig: die Tradition des skandinavischen melodischen Metal, hervorbringt. Erfahrung, Inspiration, Talente, ein Rucksack voller toller Ideen. All das leuchtet mit außerordentlicher Intensität auch auf diesem Album.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. I’ve Hurt Myself (By Hurting You)
2. Unsung Heroes
3. Rising Tide
4. Remain To Remind Me
5. The Tracks We Leave Behind
6. All I Ask Of You
7. Grace
8. Let Love Lead The Way
9. Blood Cries Out
10. Easier To Leave (Than Being Left Behind)
11. Fallen
12. Make It Count
Besetzung:
Ronnie Atkins – Gesang, Hintergrundgesang
Chris Laney – Rhythmusgitarre, Keyboards
Allan Sørensen – Schlagzeug
Pontus Egberg – Bass
Morten Sandager – Keyboards
Linnea Vikström Egg – Hintergrundgesang
John Berg – Gitarre, Gitarrensoli
Olliver Hartmann – Gitarre, Gitarrensoli
Pontus Norgren – Gitarre, Gitarrensoli
Anders Ringman – Akustikgitarre
