Ronnie Atkins: One Shot
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 3. 2021
Produktion: Jacob Hansen
Albumlänge: 44.50 min
Genre: Hard Rock/Melodic Rock
Bewertung: 9.0/10
Die Wege des Herrn sind unergründlich. Statt eines neuen Pretty Maids-Albums hat das Schicksal nun das erste Solo-Studioalbum von Ronnie Atkins auf die Welt losgelassen – dem Sänger eben jener legendären dänischen Hard- und Heavy-Rock-Band. Die Frage, die sich stellt: „Was wird aus Pretty Maids?“ Ist die Zukunft der Band überhaupt noch abzulesen? Atkins wurde nämlich 2019 mit Lungenkrebs diagnostiziert. Obwohl Ronnie zunächst mit ermutigenden Nachrichten über den Verlauf der Chemotherapie aufwartete, bestätigte er im Herbst 2020 mit Bedauern, dass der Krebs erneut zurückgekehrt war. Diese alles andere als rosige Situation, in der sich der heute 57-jährige Vokalist befindet, brachte eine ganze Division seiner musikalischen Mitstreiter und Freunde zusammen, die sich um ihn scharten, um ihm bei der Entstehung seines ersten Soloalbums zu helfen.
„One Shot“ ist ein Album, das sich ohne Weiteres mit den Werken von Pretty Maids messen kann. Nicht nur wegen der unverwechselbaren Eigenheiten von Atkins‘ Gesang, sondern auch in puncto Schreibstil. „One Shot“ ist durch und durch ein Hard-Rock-Album in aller musikalischen Rechtgläubigkeit – dabei aber bombastisch auf den Punkt gebracht. Diesmal gibt es weniger „Vollgas“, und auch von einem Verwischen der Grenzen zwischen hartem Rock und Metal kann keine Rede sein. „One Shot“ ist giftig ansteckend, was den musikalischen Ertrag angeht, und dabei in jeder Hinsicht ein waschechtes Hard-Rock-Album – auch wenn es Melodien greift, die es (dankenswerterweise) spürbar vom typischen Pretty Maids-Album abheben.
Interessant ist, dass Atkins diesmal häufiger im Bereich des reinen Gesangs verweilt, ohne seine vokale Darbietung mit dem rauen Timbre zu würzen, das seinen Ansatz auf so gut wie allen Pretty Maids-Alben dominiert. Das deutet sich bereits gleich zu Beginn des Albums an, das sich mit Real recht ruhig, wenn nicht sogar ein wenig „schüchtern“ öffnet – und auch später, etwa im hyper-musikalischen, mitteltempigen und atmosphärisch packenden Frequency of Love. Selbst die Balladen, die auf Hard-Rock-, AOR- und Melodic-Rock-Alben so etwas wie ein notwendiges Übel sind, kommen auf „One Shot“ wie bestellt. Miles Away ist ein Song balladesken Charakters, erfüllt von Sehnsucht und Melancholie, ohne auch nur einen Hauch von zuckersüßem Überfluss. Vokal ist Atkins genau dort, wo er sein muss. Über das gesamte Album hinweg. In einem neuen Produktionsumfeld, das eigentlich kein neues ist – die Produktion übernahm nämlich der altbekannte Pretty Maids-Vertraute Jacob Hansen –, ist der Ansatz beim Arrangieren ein etwas anderer. Deutlich weicher als bei Pretty Maids. Neben den durchweg kernigen und markanten Gitarrenphrasen sind die Arrangements farbenreich vervollständigt durch betonte Keyboards, einen hervorragenden Einsatz von Backing-Vocal-Harmonien sowie reich gewürzt mit zusätzlichem programmierten Sampling. Der Hauptmotor beim Komponieren und Arrangieren ist diesmal Chris Laney, Keyboarder und Rhythmusgitarrist von Atkins‘ Pretty Maids, den auf diesem Album – sehr interessant – sein Pretty Maids-Vorgänger Morten Sandager als Sondergast an den Keyboards ergänzt. Laney hat auf diesem Album sein beneidenswertes kompositorisches Talent unter Beweis gestellt. Allein dadurch liefert „One Shot“ eine Abweichung von der Pretty Maids-„Schablone“. Damit die Verwandtschaft nicht allzu offensichtlich wird, hat auch Pretty Maids-Gitarrist Ken Hammer bewusst entschieden, am Soloalbum seines Pretty Maids-Kameraden nicht mitzuwirken.
Die außerordentlich breite Riege an Musikern, die an One Shot mitgewirkt haben, ist neben Atkins‘ unverkennbarem Gesang ein wesentlicher Schöpfer der Faszination dieses Werks. Die Reihe erstklassiger Gitarrenvirtuosen und Elektrогitarren-Gurus, die ihre Soli beisteuerten und das Album damit perfekt abgestempelt haben, umfasst folgende Namen: Pontus Norgren (HammerFall), Kee Marcello (Europe), Oliver Hartmann (Hartmann, Avantasia), John Berg (Paralydium), Chris Laney (Pretty Maids).
In jeder Hinsicht ein hervorragend abgemischtes Hard-Rock-Produkt. Es besitzt eine ausgeprägte Mischung aus Melancholie und Bombast, wie sie für die Kompositions- und Klangproduktions-Manöver der skandinavischen Hard-Rock-Schule typisch sind. Die Tracks sind allesamt außerordentlich dramatisch aufgeladen, und in den Refrainmelodien erreicht dieses Stimmungsdrama-Theater einen pompösen Höhepunkt. Unter den Refrainmelodien des Albums belegt Picture Yourself den ersten Platz. Aber Achtung: Auch dieser Song trägt musikalisches Material in sich, das eher dem Projekt Nordic Union nahesteht als Pretty Maids.
Ronnie Atkins präsentiert sich auf „One Shot“ – das überraschenderweise erst sein erstes eigenständiges Studioalbum ist – einmal mehr in vollem Glanz seiner vollblütigen vokalen Ausdruckskraft. Der faszinierende Vokalist geht auf jedem Schritt dieses Werks mit Herz und Leidenschaft zu Werk, und man kann nur hoffen, dass dies nicht der letzte Akt seiner Karriere ist. Die Texte sind diesmal ausgesprochen persönlich und bekenntnishaft – was angesichts der Situation des Künstlers absolut nachvollziehbar ist. 57 Jahre sind wahrlich kein Alter, wenn ihr wisst, worauf ich hinauswill.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Real
2. Scorpio
3. One Shot
4. Subjugated
5. Frequency Of Love
6. Before The Rise Of An Empire
7. Miles Away
8. Picture Yourself
9. I Prophesize
10. One By One
11. When Dreams Are Not Enough
Besetzung:
Ronnie Atkins – Gesang
Chris Laney – Rhythmus- & Leadgitarre, Keyboards, Backing Vocals
Allan Sørensen – Schlagzeug
Morten Sandager – Keyboards
Pontus Egberg – Bassgitarre
Gastmusiker:
Anders Ringman – Akustikgitarre
Pontus Norgren – Gitarrensoli
Kee Marcello – Gitarrensoli
Oliver Hartmann – Gitarrensoli, Backing Vocals
John Berg – Gitarrensoli
Linnea Vikström Egg – Backing Vocals
Björn Strid – Backing Vocals
