Rob Moratti: Paragon
Label: AOR Heaven Records
Erscheinungsdatum: 31. 10. 2020
Produktion: Rob Moratti
Albumlänge: 50.43 min
Genre: AOR/Art Rock
Bewertung: 9.5/10
Rob Moratti ist ein sehr bekannter Name unter den Fans von AOR-Musik und gutem melodischen Rock – aber auch Art Rock, denn die Vorliebe für »eigensinnige Windungen« innerhalb gewählter Genres ist bei kanadischen Musikern eine geradezu sprichwörtliche Maxime. Ja. Das ist dieser Typ – oder sagen wir gleich: dieses stimmliche Ausnahmetalent –, der sich jahrelang in der Band Final Frontier das Handwerk beibrachte. Die haben tatsächlich eine Reihe qualitativ neidloser Werke abgeliefert, bevor sie im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends vom Radar verschwanden. Warum? Rob Moratti schloss sich damals nämlich der kultigen kanadischen Art-Rock-Band Saga an, mit der er das hervorragende, leider übersehene Album »Human Condition« (2009) aufnahm und veröffentlichte – und mit der legendären Band noch ein Konzertalbum »Heads Or Tails Live« herausbrachte. Kurzum. Wer im Frühjahr 2009 das Glück hatte, Saga mit Moratti (Vorgruppe It Bites) im österreichischen Wörgl zu erwischen – näher an Slowenien haben sie damals nicht gespielt –, der wird diesen Tag nie vergessen.
Genug der romantischen Einleitung. Nachdem Michael Sadler es sich anders überlegte, seinen »Ruhestand« abbrach und seinen Platz als Saga-Sänger zurücknahm, musste Moratti natürlich ein verfrühtes »Auf Wiedersehen!« hauchen. Er hat Final Frontier aber nicht neu aufgestellt, sondern sich entschieden, eigene Soloalben aufzunehmen. Und das war die richtige Entscheidung, denn alle ohne Ausnahme strahlen vor makelloser Qualität.
»Paragon« erscheint gerade mal ein Jahr nachdem Rob Moratti das Album »Renaissance« veröffentlicht hat (RockLine Rezension). Dabei ist die entscheidende Erkenntnis, dass er alle kreativen Vorzüge seines Vorgängers beibehält. Angesichts des kurzen Zeitabstands zwischen beiden Alben wiegt das umso mehr. Moratti hat auch auf dem neuen Album den talentierten Gitarren-Zauberer Torben Enevoldsen an seiner Seite, mit dem er beim Komponieren offensichtlich hervorragend harmoniert. Am Bass ist wieder einer der angesehensten seines Fachs mit dabei: Tony Franklin, während hinter dem Schlagzeug erneut Morattis ehemaliger Final Frontier-Kumpel Stuart Reid sitzt. Beim Arrangieren und Schreiben des Materials hat Moratti diesmal – neben dem Dänen Enevoldsen – noch ein ganzes Kontingent schwedischer Meister ihres Fachs unterstützt, und tatsächlich sind alle zwölf Songs des neuen Albums bis in die feinsten Details auf faszinierende Weise optimiert. Das sind: Ken Sandin (Swedish Erotica, Alien, Da Vinci, Kee Marcelo), Felix Borg (Taste), Pete Alpenborg (Arctic Rain, Sunstorm) und Ulrick Lönnqvist (Code Red, Sahara). »Paragon« ist die Fortsetzung des musikalischen Visionärtums der vorangegangenen Moratti-Alben. Logischerweise steht es dem Vorgänger »Renaissance« am nächsten.
Knapp 51 Minuten erstklassiger Verbeugungen vor dem AOR-Erbe, eingebettet in eine vibrant-schwungvolle und dynamische Produktion, in der alle Bausteine der Klanglandschaft in bester Anordnung koexistieren. Die Gitarren greifen allenthalben zu, der Sound ist aufgeladen. An Dezibeln wird nicht gespart. Die Soli sind brillant. Es macht echten Spaß, Enevoldsens Meisterstücken zu folgen. Als Gastmusiker erscheinen auf dem Album auch Joel Hoekstra (Whitesnake) und der legendäre Ian Crichton (Saga). Moratti ist ein außerordentlich geschätzter Musiker. Erst recht als Sänger. Was die Stimme angeht, besitzt er einen außergewöhnlich breiten Stimmumfang. Mühelos »feuert er auf allen Zylindern«, wenn er die fünfte Oktave erreicht. Einer jener Sänger, die stimmliche Kraft in extreme vokale Höhen tragen und dabei die ganze Explosivität eines unglaublich reinen Gesangs bewahren. Falls ihr einen naheliegenden Hinweis braucht: Es überrascht nicht, dass Moratti 2015 ein ganzes Coveralbum aufgenommen hat, das er den AOR-Giganten Journey gewidmet hat. Also? Ihr wisst schon. Tony Harnell (Starbreaker, TNT), der verstorbene Tony Mills (Shy, TNT), Kevin Chalfant (The Storm, Steel Breeze) – natürlich hätte Moratti jederzeit auch bei Journey singen können. Deshalb finden die besten Musiker ihn ganz von selbst. Und wo wir eben Whitesnake erwähnt haben: Auf Morattis Album »Victory« aus dem Jahr 2011 hat Reb Beach sämtliche Gitarren eingespielt. Kein Scherz.
Tatsächlich sind alle Songs dieses Albums auf maximalen musikalischen Ertrag ausgelegt. Erstklassige Refrains, die sofort packen und atmosphärische Höhepunkte in den Songs liefern. Es fällt schwer, Highlights herauszupicken, denn alle zwölf Tracks sind wirklich bis aufs Äußerste ausgefeilt. Kaum hat dich ein Song gepackt, folgt schon der nächste. Von Song zu Song. Bis zum Ende des Albums. Von dieser Warte aus lässt sich bereits sagen, dass das neue Album noch mehr Perfektion und kompositorische Brillanz mitbringt als sein Vorgänger, der gerade mal ein Jahr zuvor erschien. Vor allem die Middle-Eight-Passagen, aber auch einige Übergänge deuten auf eine raffiniert eingeschmuggelte Art-Rock-Prämisse hin, denn sie überraschen mit Lösungen, mit denen sich AOR-Vorhersehbarkeit nicht gerade anfreundet. Doch genau darin liegt der Reiz aller Moratti-Alben: Sie stellen sich dieser Herausforderung und meistern sie mit Bravour.
Für so eine Platte musst du ein echter AOR-Fan sein. Vom Opener I’m Falling bis zum großartigen Abschluss Stay Away wird dich dieses Album fest im Griff behalten. Es trägt sogar einen Hauch melancholischer Sehnsucht in sich. Und das bei gleichzeitig einem extrem hohen Aufkommen an bombastischem Pomp, der den Hörer durchgängig in Trance hält – in einer insgesamt positiven und mitreißenden Grundstimmung! Die Produktion ist, wie gesagt, fantastisch. Alles auf dem Album wirkt schlicht und einfach wie ein großes künstlerisches Meisterwerk. Das ist nicht das AOR-Album, das dich sofort überwältigt. Genau weil es »Überraschungskurven« im Arrangement trägt und deshalb diesen Art-Rock-Hauch mitbringt. Man entdeckt es über längere Zeit. Und genau das ist die Garantie seiner außerordentlichen Anziehungskraft, denn es bietet eine Fülle an Details, die man entdeckt und nach und nach freilegt. Schleier für Schleier großer künstlerischer Exzellenz.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. I’m Falling (3:51)
2. Rise Above (4:12)
3. What Have We Become (4:07)
4. Remember (4:14)
5. Where Do We Go From Here (4:17)
6. Drifting Away (3:43)
7. Break the Chains (4:07)
8. Alone Anymore (5:08)
9. Bullet Proof Alibi (3:52)
10. All I’m Living For (4:13)
11. Picking Up the Pieces (4:58)
12. Stay Away (3:54)
Besetzung:
Rob Moratti – Gesang
Torben Enevoldsen – Gitarre, Keyboards
Tony Franklin – Bassgitarre
Stuart Reid – Schlagzeug
Gastmusiker:
Ian Crichton (Saga) – Gitarre
Joel Hoekstra (Whitesnake) – Gitarre
