Rikard Sjöblom’s Gungfly: Alone Together
Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 4. 9. 2020
Produktion: Rikard Sjöblom
Länge: 57.57 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
Rikard Sjöblom ist ein schwedischer Musiker, den die Öffentlichkeit vor allem als Kopf der Progressive-Rocker Beardfish kennt. Nach einer Reihe äußerst starker Alben des Progressive-Rock-Revivalismus, der sich vom Pioniergeist des Genres in den Siebzigern inspirieren ließ, verkündeten Beardfish 2016 ziemlich unerwartet ihre Auflösung. Ihre Fans waren damals ziemlich geschockt. Trotzdem ist Rikard Sjöblom kein Mensch, der kreativ auf der Stelle tritt. Er schloss sich den britischen Progressive-Rock-Größen Big Big Train an und startete das neue Projekt Rikard Sjöblom’s Gungfly. Nach Touren mit Big Big Train und The Flower Kings (für Letztere eröffnete Rikard Sjöblom als Solokünstler die Abendshows der Tour, spürte der Mann, dass die Zeit für ein neues Gungfly-Album gekommen war.
So schuf Rikard Sjöblom innerhalb eines einzigen Jahres genug Material, um es als neues Gungfly-Album zu veröffentlichen. Der Titel »Alone Together« entstammt Sjöbloms innerer Welt persönlicher Bekenntnisse. Seiner inneren Analyse der Zeiten, die er erlebt hat, und der Jahre, die er hinter sich gelassen hat. Von Kindesbeinen bis heute. Auf diesem Weg hat er viele Freunde, Bekannte und überhaupt Menschen kennengelernt, mit denen er seine Lebenserfahrungen auf dem Weg durch den Alltag geteilt hat. Wie Rikard Sjöblom selbst sagt, sind manche von ihnen bereits verstorben, andere begleiten ihn noch heute, und wieder andere haben ihn nur einen Teil seines Weges begleitet. Er blieb für immer mit ihnen verbunden, auch wenn man auf seinem Weg (jeder für sich) allein ist.
Die Brüder Petter und Rasmus Diamant, die auf dem neuen Gungfly-Album für Bassgitarre und Schlagzeug zuständig sind, sind alte Bekannte und musikalische Kumpel von Rikard. Sjöblom, der auf dem Album Keyboards und Bassgitarre spielt und natürlich alle Lead-Vocals beisteuert, hat die beiden für »Alone Together« zur Mitarbeit herangezogen. Von Anfang an hegte er die Vision, dieses Album genau mit den beiden aufzunehmen. Das Album wurde größtenteils nach dem Vorbild eines schlagkräftigen Rock-Trios eingespielt – genauer gesagt eines Progressive-Rock-Trios. Die Tatsache, dass das Album vollständig analog klingt, ist in diesem Fall, wenn man auf schwedischen Perfektionismus in Sachen Klangpurismus trifft, fast schon überflüssig zu erwähnen. Was an Rikard Sjöblom fasziniert, ist, wie er als Musiker im Laufe der Jahre und durch eine Vielzahl eigener musikalischer Schöpfungen eine außerordentliche künstlerische Reife erreicht hat. Während der schwedische Progressive-Rock-Revivalismus beim Schöpfen aus Vorbildern gerne allzu offensichtlich auf die Pionierleistungen von Progressive-Rock-Ikonen wie Yes (dabei denke ich z. B. an The Flower Kings) und auch Genesis zurückgreift, ist Sjöblom durch die Jahre mit Beardfish und besonders durch die Erweiterung des Horizonts, den seine musikalische Vision heute – bereichert durch die Erfahrungen der Zusammenarbeit mit der facettenreichen Prog-Rock-Sensation Big Big Train – umfasst, als Sieger aus dieser Geschichte hervorgegangen. In seinem Werk ist es ihm gelungen, einen vielstimmigen Eklektizismus zu verwirklichen, was ihn auf ein ganz eigenes Podest innerhalb des ohnehin lebendigen skandinavischen Progressive-Rock-Revivalismus hebt.
»Alone Together« ist mit den beiden Bonustracks ein über eine Stunde langes Album, das durch konzeptionelle Tiefenschärfe und hohe kompositorische Flexibilität fasziniert. Dabei ist es erstaunlich, dass es Sjöblom gelingt, in den relativ kurzen Abständen zwischen den Veröffentlichungen neuer Eigenkompositionen eine so überzeugende kreative Energie aufrechtzuerhalten. Schon der erste Track demonstriert Sjöbloms erfolgreiche Kunst, generischen Fallstricken auszuweichen, die einen stolpern lassen, wenn die Obsession mit dem Originalvorbild zu weit geht. Was den skandinavischen Ansatz zu diesem Genre betrifft: »Alone Together« klingt wie ein typisch skandinavisches Prog-Rock-Album. Es trägt diese »flower«-Komponente positiver Grundhaltung und gelegentlicher Verspieltheit. Die Erinnerungen sind golden und wunderschön. Sjöblom betont das besonders in »A Treehouse in a Glade«, wenn er sich an das Baumhaus erinnert, in dem sie als Indianer spielten und auf Vorbeigänger lauerten – bis sie eines Tages bemerkten, dass der Baum anfing zu verdorren, und das Haus schnell abgebaut werden musste. Was ist hier der grundlegende Unterschied zwischen schwedischer und slowenischer Mentalität im Umgang mit Natur und gesunder Umwelt? Dass Slowenen das Haus am absterbenden Baum unangetastet gelassen hätten. Das eröffnende Traveller ist sofort ein Beleg dafür, wie der Revivalismus die Falle der Generizität überwinden kann. SCHON allein in diesem Track, dem zweitlängsten und einem der besten des Albums, zeigt Sjöblom seine Beherrschung verschiedener Solo-Stile. Das erste Solo ist frenetisch, unverfälscht; das zweite, das darauf folgt, ist esoterisch-zerebral und bezieht seine Inspiration von Pink Floyd (Gilmour), Camel (Latimer) und Genesis (Hackett). Gleichzeitig zeigt Sjöblom schon in diesem Song, dass er ein außerordentlich wandlungsfähiges Vokal-Chamäleon ist, das brillant zwischen einem fast »weiblichen« Ansatz und nahezu Schreien variiert – und allem dazwischen. Der zweite Track verdankt seine gelegentliche »Holprigkeit« und das luzide Schütteln der musikalischen Würze der Inspiration durch die Errungenschaften von Gentle Giant. Es handelt sich um den verspielsten Track des Albums: Happy Somewhere In Between. Klavinet, Moog, Hammond, elektrisches Klavier – das sind nur einige der Klangfarben, die der Nord-Keyboard-Liebhaber Sjöblom auch auf »Alone Together« erschafft. On The Shoulders of Giants trägt die Erinnerung an die Teenagerjahre, als die Platten der Giganten des Rock-Abenteuertums rotierten – besonders durch die einleitende Widmung an Frank Zappa. Ein phänomenaler Track – wahrscheinlich der Höhepunkt des Albums, der die üppigste Portion an kompositorischer Beweglichkeit und Leichtigkeit auftischt.
Das Album hält den Hörer fest an sich gebunden und langweilt keine Sekunde in dem Sinne, dass die motivischen Strukturen zufällig aneinander erinnerten – also untereinander zu wenig ideenmäßig abwechslungsreich wären. Das Element des dynamischen Geflechts unterschiedlicher Stimmungslagen mit dem typisch progressiven Effekt unerwarteter Wendungen ist damit absolut verwirklicht. Das Trio agiert außerordentlich eingespielt. Mit ausgesprochen wirkungsvoller Chemie ist es in allem, was es anpackt, im Studio stets auf der richtigen Betriebstemperatur – was eine hohe expressive Bildkraft und brillante technische Ausführung mit sich bringt.
»Alone Together« ist ein hervorragendes Album und ein typischer Vertreter des skandinavischen Progressive-Rock-Expressionismus. In den Ansätzen lassen sich dabei auch subtile Jazz-Strukturen nicht überhören. Doch was am meisten anzieht und festhält, ist tatsächlich der Eklektizismus, den Sjöblom gemeinsam mit seinen Mitstreitern zu entfalten versteht. Ob »Alone Together« besser oder schlechter als die beiden Gungfly-Vorgänger ist, liegt streng an deiner eigenen Beurteilung. Das Wesentliche dabei ist, dass es sich schlicht um ein weiteres hervorragendes Werk von Rikard Sjöblom handelt, mit dem er außerordentliche künstlerische Reife und die Tiefenschärfe seines ganz eigenen musikalischen Abenteurergeistes unter Beweis stellt – der sich in seiner Entwicklung noch lange nicht aufhält.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Traveler
2. Happy Somewhere In Between
3. Clean As A Whistle
4. Alone Together
5. From Afar
6. On The Shoulders Of Giants
7. Grove Thoughts (Bonustrack)
8. Shoulder Variations (Bonustrack)
Besetzung:
Rikard Sjöblom – Gesang, Gitarre, Keyboards
Rasmus Diamant – Bassgitarre
Petter Diamant – Schlagzeug
