Oceans Of Slumber: Oceans Of Slumber

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Label: Century Media Records
Erscheinungsdatum: 4. 9. 2020
Produktion: Oceans of Slumber
Albumlänge: 71.38 min
Genre: Progressive Metal/ Death Metal/Doom Metal/Gothic Metal
Bewertung: 9.0/10


Oceans of Slumber ist eine amerikanische Band der neuen Generation, die ihr viertes Studioalbum aus triftigem Grund so benannt hat – nämlich nach sich selbst. Es ist das vierte Werk der Gruppe, und die Band durchlief im Vorjahr buchstäblich das Feuer der »Purifikation« und Transformation. Gleich drei Mitglieder wurden ausgetauscht, und durch die Integration eines Keyboarders wuchs das Quintett zum Sextett. Die Positionen beider Gitarren und der Bassgitarre sind seit 2019 also mit drei neuen Mitgliedern besetzt. Und da das künstlerische Profil in Rock und Metal grundsätzlich am Charakter der Gitarristen bzw. an Stil und Klang ihres Spiels hängt, blieb auch das neue Studioalbum dieser Band davon nicht unberührt.

Haben Kritiker die Band noch nach dem dritten Album gerne etwas ungnädig als eine Art Mischung aus Opeth und Skunk Anansie bezeichnet (wegen des Gesangs von Sängerin Cammie Gilbert), ist das neue Album »Oceans of Slumber« der Punkt einer weiteren künstlerischen Transformation, aus der die Band mit ihren neuen Ideen und Lösungen bis heute am fokussiertesten und ausgefeiltesten hervorgeht. Das Album bringt eine grundlegende Abkehr. Im Vergleich zu den bisherigen drei Studioarbeiten ist es eine prägnante künstlerische Abweichung. In evolutionärer Hinsicht knüpft es am natürlichsten an das Vorgängeralbum an, und dennoch entfaltet das neue Album bei satten 72 Minuten Spielzeit einen wahren Ozean frischer und noch unerprobter künstlerischer Kühnheit – womit die drei Vorgänger, das letzte eingeschlossen, kaum mithalten können.

Die tiefen, persönlich-bekenntnishaften Texte, die gesellschaftskritische Bißigkeit dabei keineswegs scheuen, erwachen erst richtig zum Leben durch den phänomenalen Gesang von Cammie Gilbert, dem stimmlich rein gar nichts entgeht. Sie ist in jedem Augenblick, in jedem Teil eines Verses genau am richtigen Platz und entfaltet mit ihrem unverkennbaren, emotionsgesättigten Vokalansatz garantiert ihr expressives Optimum. Mit außerordentlichem Feuer und Gespür geht sie jeden Vers an und zeigt dabei ein ganzes Spektrum unterschiedlichster Facetten – eigentlich ein und dieselbe vokale Geschichte. Genau ihr Gesang ist es, der durch seine ausgeprägte, prägende Anziehungskraft im lautstarken Visionärtum der Gruppe so hervorsticht und ein gewichtiges Element darstellt, mit dem sich Oceans of Slumber eine unverwechselbare künstlerische Eigenständigkeit erarbeitet haben. Neben ihrer Durchschlagskraft wirkt der gelegentliche Einsatz (mitunter hyper-produzierter) rauer Growl-Vocals seitens beider Gitarristen – obwohl der Sinn dieses Kniffs darin besteht, einen atmosphärischen Gegenpol zu schaffen – geradezu blass. Es stellt sich sogar die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung.

Das Album ist ein harter Brocken. Schlicht weil es extrem lang ist und weil sich die Band im abgesteckten Rahmen einer Fusion aus Elementen des technischen und progressiven Death Metal, Doom Metal und Gothic Metal bewegt (hört euch die fast siebenminütige Coverversion des Type O Negative-Originals Wolf Moon an), dem der Gesang von Cammie Gilbert eine R&B- und Soul-Frisur verpasst. Das sorgt zwar für künstlerischen Anspruch und expressive Einfallsreichtum, lässt das Ganze auf der anderen Seite aber etwas überlang wirken. Im Kern eine Progressive-Band, doch mit weit genug gefassten Fusions-Ansatzpunkten, die es außerordentlich harmonisch schafft, diese verschiedenen Genreelemente des Metals an einem Ort zu vereinen. Deshalb bleibt die Musik der Band durchgehend interessant genug – auch wenn das Album gut 15 Minuten kürzer sein könnte und die Band manche Ideen fürs nächste Album aufsparen könnte. Das Album ist abwechslungsreich und in den Arrangements mitunter so aufgebrochen, dass es mehrere Durchläufe braucht, bevor es sich ins Ohr einschmiegt – belohnt dabei aber reichlich. Mit der Länge hatte schon der Vorgänger »The Banished Heart« seine Mühe, doch andererseits drückt das schlicht die immense Begeisterung der Band aus, all ihre neuen, künstlerisch frischen Ideen präsentieren zu wollen. Pluspunkte bringt das dennoch nicht zwangsläufig. Wie gesagt – in gut 50 Minuten sagt die Band alles, was ihr künstlerisches Wesen ausmacht.

Das neue Album ist aber mit Abstand das künstlerisch interessanteste Werk der Band – in jeder Hinsicht. Oceans of Slumber haben sich mit dem neuen Werk künstlerisch und arrangementtechnisch richtig entfaltet und liefern einen deutlich farbenprächtigeren Mix aus brillanter technischer Versiertheit des Instrumentalteams, das mit den beiden neuen Gitarren das Ausdrucksvokabular auf ein noch höheres Qualitätsniveau gehoben hat, während der Charakter des Gitarrenspiels zusätzlich durch eine erkundende  Rhythmussektion kontrastiert wird, die für progressive Experimentierfreude sorgt. Davon steckt auf dem Album genau das richtige Maß. Der Gesang von Cammie Gilbert ist, wie gesagt, »aus einer anderen Welt« – und genau ihretwegen schaffen es Oceans of Slumber, auch bei jenem Teil des Metal-Publikums Interesse zu wecken, den andere Genrezweige des Metals ansprechen. Sogar bei denen, die Pop und Rock hören.  Kein Wunder, dass Cammie von niemand Geringerem als Arjen Anthony Lucassen für sein neues Ayreon-Album »Trinitus« eingeladen wurde, auf dem die Sängerin eine der prominenteren Rollen spielt.

Viertes Album und Neugeburt der Band – darauf deutet der bedeutungsvolle Albumtitel hin. Ein Neuanfang, ein Sprung auf ein höheres Qualitätsniveau im künstlerischen Reifeprozess. Die Band hat ihren kreativen Zenit mit »Oceans of Slumber« definitiv noch nicht erreicht und entwickelt sich weiter. Wie weit sie in Zukunft noch reichen wird, bleibt spannend zu verfolgen, denn mit diesem enorm abwechslungsreichen Album hat sie sich eine ganze Reihe möglicher Entwicklungspfade erarbeitet, auf denen sie auch künftig mutig und scharfsinnig künstlerisch experimentieren und wachsen kann. 

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
1. Soundtrack To My Last Day
2. Pray For Fire
3. A Return To The Earth Below
4. Imperfect Divinity
5. The Adorned Fathomless Creation
6. To The Sea
7. The Colors of Grace
8. I Mourn These Yellow Leaves
9. September (Those Who Come Before)
10. Total Failure Apparatus
11. The Red Flower
12. Wolf Moon (orig. Type O Negative)

Besetzung:
Cammie Gilbert – Gesang
Jessie Santos – Gitarre, Backing Vocals
Alexander Lucian – Gitarre, Backing Vocals
Semir Ozerkan – Bassgitarre
Dobber – Schlagzeug, Klavier, Synthesizer
Mat Aleman – Keyboards

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