Rapid Foray

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Running Wild
Label: SPV Records
Erschienen: 2016
Laufzeit: 58:01
Wertung: 4/5

Die deutschen Metall-Piraten Running Wild kehren trotz allem in alte Form zurück — obwohl ihr Schiff lange auf dem Meeresgrund versunken schien und es aussah, als würde es sich so schnell nicht aus den Tiefen erheben —, und ihr neustes Album »Rapid Foray« beweist das eindrucksvoll. Die beiden vorangegangenen Running Wild-Alben, »Shadowmaker« (2012) und »Resilent« (2013), die nach der (un)erwarteten Wiederbelebung von Rock’n’Rolfs Piratengesellschaft entstanden, waren keine Ruhmesblätter für die Band, auch wenn man auf »Resilent« bereits Zeichen schrittweiser Verbesserung und einer Entwicklung in die richtige Richtung heraushören konnte. Dennoch hatte selbst der leidenschaftlichste Fan bei »Rapid Foray« keinen solchen Fortschritt erwartet — zumal vor der Veröffentlichung die Nachricht von Kaspareks Schulterverletzung eintraf, die das Album um rund ein Jahr verzögerte.

Leider hat der unverwüstliche Kapitän Kasparek auf »Rapid Foray« noch immer keine echte Band um sich versammelt, sondern wird lediglich von Gitarrist Peter Jordan begleitet, während die Drums auch diesmal programmiert wurden — was zwar nicht allzu schwer zu erkennen ist, aber deutlich besser klingt als auf bestimmten Alben der nicht allzu fernen Vergangenheit. Schade, denn Rolf hatte ein Jahr vor dem Erscheinen von »Rapid Foray« endlich die Namen zweier neuer Running Wild-Mitglieder enthüllt: der eher unbekannte Ole Hempelmann am Bass und Michael Wolpers am Schlagzeug. Die meisten Kompositionen auf »Rapid Foray« wurden mit spürbar mehr Feuer und Elan erschaffen, als man es von Running Wild in den letzten fünfzehn Jahren gewohnt war. Das Album erinnert stellenweise stark an die kreative Ära Anfang der Neunziger, als Running Wild auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte waren — und das gilt bereits für den eröffnenden Brocken »Black Skies, Red Flag«, der mit seinen bissigen Riffs auch auf einem klassischen Album wie »Pile of Skulls« (1992) keine schlechte Figur machen würde. Auch »Warmonger« mit seinen geschmackvollen Gitarrenharmonien erinnert an ein vergessenes Stück vom Album »Black Hand Inn« (1994), klingt allerdings zwischendurch etwas generisch.

Diesmal kommen all jene auf ihre Kosten, die bei Running Wild in letzter Zeit mehr Piraten-Texte vermisst haben — jene Texte, mit denen sich die Band in der zweiten Hälfte der Achtziger auf der Landkarte der Musikwelt etabliert hat. Davon gibt es auf »Rapid Foray« reichlich, und das ist gut so, denn die Verherrlichung des Piraten-Aufruhrs war stets der prägendste Teil der Running Wild-Identität. Kasparek, der auch im fortgeschrittenen Alter vokal noch immer klingt wie ein grogdurstiger Long John Silver, ist auf »Rapid Foray« textlich wieder aktiv zu seinen liebsten historischen Themen zurückgekehrt: dem goldenen Zeitalter der karibischen Piraten, den kolonialistischen Schlachten sowie der Eroberung des Wilden Westens und dem damit verbundenen tragischen Schicksal der amerikanischen Ureinwohner.

Auf dem überraschend gelungenen Instrumental »The Depth of the Sea (Nautilus)«, in dem Gitarrist Jordan ein energiegeladenes Solo zeigt, hat sich der unbeugsame Kapitän der Running Wild-Crew sogar an den „guten alten“ Kapitän Nemo aus Jules Vernes literarischen Meisterwerken erinnert — auch wenn ein Text hier fehlt. Dafür sind epische Gitarrenharmonien zwischen Kasparek und Jordan vorhanden, sowie ein schrittweise wachsende dramatische Atmosphäre. Auf der anderen Seite kann sich »Rapid Foray«, wie die meisten Running Wild-Alben im neuen Jahrhundert, nicht mit einer beneidenswerten Produktion rühmen — die hinkt trotz Kaspareks Bemühungen noch immer deutlich hinterher.

Das Album enthält genau einen echten Ausreißer nach unten, auf den man gut verzichten könnte: den hoffnungslos generischen Hard-Rocker »Stick to Your Guns«, der mehr mit AC/DC gemein hat als mit Running Wild. Der Titeltrack ist eine typische, aufständische Hymne mit einem eingängigen Refrain, der durch nichts Besonderes heraussticht, aber dennoch mit dem klassischen Running Wild-Sound punktet. »By the Blood in Your Heart« ist eine ebenso ausgelassene, aber etwas interessantere Piraten-Hymne, die atmosphärisch an die „glorreichen Tage“ erinnert. Für eine schöne Abwechslung im Hintergrund sorgt ein plötzlicher Einsatz schottischer Dudelsäcke. Vielleicht könnten sie in Zukunft noch das ein oder andere ähnliche Experiment mit einem leichten, gerade richtigen Folk-Einschlag wagen — schließlich hatten die Originallieder der karibischen Piraten einiges an keltischem und angelsächsischem Melodiegut (und den dazugehörigen Volksinstrumenten) zu bieten.

Zu den Höhepunkten des Albums zählt zweifellos das epische »Black Bart«, für das auch ein Promo-Video gedreht wurde und das von einem der berüchtigtsten karibischen Piraten erzählt: dem Schwarzen Bart. Letzterer war gemessen an der Zahl gekaperter Schiffe der unbestrittene erfolgreichste Pirat des „goldenen Zeitalters der Piraterie“ — kein Wunder also, dass sich um ihn bis heute zahlreiche Legenden ranken. Unter anderem war er einer der Hauptschurken im Videospiel »Assassin’s Creed IV – Black Flag«. »Hellectrified« und das noch etwas interessantere »Blood Moon Rising«, das Terzharmonien enthält, sind zwei solide, kompromisslose und vor allem wuchtige Brocken mit Speed-Metal-Ethos, was das Legen von Gitarrenpassagen betrifft.

Den zweiten Höhepunkt des Albums bilden zweifellos die beiden abschließenden „Grenzstücke“: das kurzweilige »Into The West«, das manchen durch seinen tragenden Riff und die Atmosphäre ein wenig an den Klassiker »Little Big Horn« erinnern wird, sowie die epische Delikatesse »Last of the Mohicans«, inspiriert von James Fenimore Coopers gleichnamigem historischen Roman über den letzten Angehörigen des nordamerikanischen Ureinwohnervolks der Mohikaner. Letzte Zweifel daran, dass Kasparek die lang ersehnte Wiedergeburt gelungen ist, lösen sich hier endgültig auf. »Last of the Mohicans« kann nämlich in Struktur, Atmosphäre und Aussage mit den besten Stücken aus dem Running Wild-Schatz mithalten — und man kann nur hoffen, dass es ihnen gelingt, dieses Qualitätsniveau möglichst lange auch in Zukunft zu halten.

»Rapid Foray« ist endlich das echte, klassische Running Wild-Album, auf das die Anhänger von Kapitän Kasparek und seiner Crew seit dem Ende der Neunziger gewartet haben. Ihre unverwechselbare Version des Power Metals hat endlich einen neuen Frühling erlebt — und obwohl sie nach einer kurzen Auflösung bereits 2011 auf die Bühne zurückgekehrt sind, scheint es, als wären die echten Running Wild erst mit »Rapid Foray« zurückgekehrt, das zweifellos ihr bestes Werk seit »Rivalry« ist. Natürlich bleibt noch einiges an Verbesserungspotenzial, und das Album ist bei Weitem nicht makellos, aber der Fortschritt im Vergleich zu den letzten drei Werken ist geradezu gewaltig. Rock’n’Rolf hat seit dem Ende der Neunziger eine Reihe fragwürdiger Entscheidungen getroffen, die seine Band fast begraben hätten — doch es scheint, als hätte er nun endlich das richtige Rezept für die Rückkehr auf den Pfad des alten Ruhms gefunden. Lasst uns also hoffen, dass seine Piraten-Metal-Abenteuer noch lange nicht enden.

Running Wild – „Black Bart“ (offizielles Lyric-Video):

 

Besetzung

Rolf Kasparek – Gesang, Gitarre, Bass
Peter Jordan – Gitarre 

Produktion

Rolf Kasparek

Tracklist

1. Black Skies, Red Flag (04:44)
2. Warmongers (04:29)
3. Stick to Your Guns (05:08)
4. Rapid Foray (04:47)
5. By the Blood in Your Heart (05:27)
6. The Depth of the Sea (Nautilus) (03:53)
7. Black Bart (05:06)
8. Hellectrified (04:22)
9. Blood Moon Rising (04:20)
10. Into the West (04:34)
11. Last of the Mohicans (11:11)

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