Psychotic Waltz: The God-Shaped Void
Label: InsideOut Music
Erscheinungsdatum: 14.02.2020
Produktion: Ulrich Wild
Albumlänge: 58.51 min
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 9.5 / 10
Hat sich von euch jemand am 10.03.2011 völlig unvermutet in der Ljubljaner Cvetličarna wiedergefunden — also zu einer Zeit, als dieses Venue unter anderem noch Metal-Veranstaltungen beherbergte? An jenem Abend spielten nämlich Nevermore und Symphony X gemeinsam als Co-Headliner (leider bei katastrophalem Sound), und davor eine Band, die in Bezug auf Erfahrung beiden deutlich überlegen ist und deren Wurzeln tief in den Achtzigern liegen. Gerade ein Jahr vor dem Auftritt dieser Band in Ljubljana (an jenem Abend konnte auch Rok seine Begeisterung über das Outfit des Sängers nicht verbergen — die Konzertrezension gibt’s HIER) hatten Psychotic Waltz ihre Aktivitäten nämlich wieder aufgenommen. Das letzte und bis dahin insgesamt fünfte Album der Band, „Bleeding“, war 1996 erschienen. Und es sollten glatte zehn weitere Jahre vergehen, bis wir endlich das sechste bekamen — „The God-Shaped Void“. Das sind also satte 24 Jahre, und um präziser zu sein: Psychotic Waltz agieren heute in der Originalbesetzung, die in eben dieser Konstellation das letzte Album „Mosquito“ vor 26 Jahren veröffentlicht hatte.
Und wenn man sich das Material auf „The God-Shaped Void“ zu Gemüte führt — das wahrlich kein leichtes Brot ist — ist das Gefühl schlicht unglaublich. Unglaublich in dem Sinne, wie kompakt und kohärent Psychotic Waltz auch heute noch funktionieren. Da steckt definitiv etwas dahinter. Die Band hat in den letzten Jahren viel gemeinsam gespielt, und Geheimnisse gibt es unter den Jungs sowieso keine. Sie kennen sich sehr gut. Der kreative Hauptkern der Band, aus dem die grundlegenden kompositorischen Ideen für die düsteren, bisweilen grimmigen und melancholischen Progressive-Metal-Songs erwachsen, ist erhalten geblieben und arbeitet noch immer mit vollem Elan. Besonders erfreulich ist die Erkenntnis, dass „The God-Shaped Void“ ein Album ist, für das man die Hand ins Feuer legen würde, dass es höchstens drei Jahre nach seinem Vorgänger entstanden ist — sowohl was den Schreibstil der Tracks betrifft als auch die Tatsache, dass Devon Graves‘ Stimme in keiner Weise „gealtert“, abgenutzt, müde oder brüchig klingt. Der Sänger glänzt geradezu mit der Variabilität und Einfallsreichtum seiner Gesangslinien, zeigt echte jugendliche Energie, viel Leidenschaft und spart nicht mit Emotionen. Hör dir nur an, wie viele Ansätze er in einem der kreativen Höhepunkte des neuen Albums einschlägt — dem Track The Fallen.
Das Album ist fast eine Stunde lang, aber glaubt mir: keine einzige Sekunde ist zu viel. Die Kompositionen sind außerordentlich stark, kompakt, durchdacht in der Kompatibilität der Motive und der Übergänge zwischen Strophen und Bridges. Die Mid-Eight-Passagen sind ein Kapitel für sich — die Band dreht die jeweilige Stimmung mit hoher kreativer Geschicklichkeit durch klug gesetzte Rhythmus- und Riff-Modulationen komplett auf den Kopf, um sich dann stets elegant herauszuwinden und den Song im Glanz einer hochtheatralischen Dynamik zurück zum Hauptmotiv zu führen (z. B. Sisters of Dawn oder das besonders tückische While The Spiders Spin). An ideeller Frische und kreativem Feuer herrscht auf „The God-Shaped Void“ kein Mangel.
Die Band baut außerdem eine Menge akustischer Motive ein, mit denen sie die Stimmungen auf dem Album wirkungsvoll kontrastiert. Diese berühren auch keltische Melodien (Demystified — mit eingewebtem Flötenmotiv —, sowie das abschließende In the Silence). Die Stimmungen sind dunkel, melancholisch, depressiv und speisen sich aus einem Gefühl allgemeiner Desillusionierung. Kein Gramm Zucker. Ein obskures Album, doch die Band beherrscht die Kunst der atmosphärischen Steigerung bis ins letzte Detail. Das Album packt den Hörer, saugt ihn in seine eigenartige Atmosphäre hinein und lässt ihn bis zum letzten Ton nicht mehr los.
Psychotic Waltz sind Progressive-Metaller mit einem klar definierten und einzigartigen Ausdruck. Vergleiche zu finden fällt schwer, und diese Aufgabe wirkt stets etwas stiefmütterlich gegenüber der Band — ungerecht. Aber wenn es sein muss: Denk an die alten Fates Warning und füge etwas von der depressiven Rhetorik der Nevermore hinzu (z. B. der Refrain von Stranded) — doch das Ergebnis ist vollkommen eigenständig und hat seinesgleichen nicht. Alles sagt bereits das einleitende Devils And Angels — ein grandiosesAbenteuer in die eigenwillige Klangwelt von Psychotic Waltz, das nahtlos an das Album „Bleeding“ anknüpft.
Die Stärke von Psychotic Waltz liegt darin, dass sie Prog-Metaller im „wahren Sinne des Wortes“ sind. Alles ist in den richtigen Dosen dosiert. Sie posen nicht, spannen keine Muskeln in egotriperischen Selbstdarstellungsgelüsten technischer Bravourakte an, sondern bauen beharrlich auf der Kombination aus prägnanten Phrasen und atmosphärischen Mysterien. Tatsächlich agieren sie, wie der Name andeutet, psychotisch — bisweilen sogar leicht zerebral psychedelisch. Doch das ist nur ein weiteres Gewürz in diesem wirklich phänomenalen Werk. Dass die Band aus der alten Schule des amerikanischen Speed Metal stammt, belegt die schlicht fantastische, kurze aber knackige Metal-Ohrfeige namens Back To Black. Dass Metal heute tatsächlich schon ein „alter Sack“ ist, deutet All The Bad Men an, wenn ein klassisches amerikanisches Riff der alten Schule in der Strophe ganz unverschämt Black-Sabbath-mäßig dahinschleicht. Auch eine der Einschübe in Pull The Strings erinnert daran, dass Psychotic Waltz als Teenager mit dem Sound des berühmten Birminghamer Quartetts aufgewachsen sind, das vor 50 Jahren die Ursünde begangen hat.
Wie gesagt: brillantes Werk. Als ob zwischen ihm und dem vorherigen Studioalbum nicht 24 Jahre vergangen wären, sondern höchstens drei. Ein Album von Anfang bis Ende voller ideeller Frische und großer kompositorischer Beweglichkeit, halsbrecherischer Stimmungswechsel, einem ausgeprägten düsteren Drama-Theater des endgültigen Untergangs und okkulter Unheilsschwere. In genau der richtigen Dosis progressiv herausfordernd, sodass das Album in diesem Element durchgehend ein Gefühl hoher Spannung und süßer Schocktherapie durch die Entwicklung der Ereignisse innerhalb der komplex angelegten Kompositionen liefert — ohne dabei zu nerven. Ein Album, das Fans der Band und Liebhaber eines ungesüßten, bodenständigen Ansatzes nach alter amerikanischer Metal-Schule mit beiden Händen greifen werden. Ein Favorit für die Auswahl der besten Metal-Alben des Jahres. Willkommen zu Hause, Jungs. Hoffen wir, dass „The God-Shaped Void“ nicht euer letzter Akt ist.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Devils and Angels (6:30)
2. Stranded (4:49)
3. Back to Black (3:53)
4. All the Bad Men (3:59)
5. The Fallen (5:49)
6. While the Spiders Spin (5:49)
7. Pull the String (4:54)
8. Demystified (5:13)
9. Season of the Swarm (5:58)
10. Sisters of the Dawn (6:41)
11. In the Silence (5:16)
Besetzung:
Devon Graves – Gesang, Flöte
Dan Rock – Gitarre, Keyboards
Brian McAlpin – Gitarre
Ward Evans – Bassgitarre
Norman Leggio – Schlagzeug
