Pain of Salvation: Panther

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Label: InsideOut Music
Erscheinungsdatum: 28. 8. 2020
Produktion:  Daniel Gildenlöw & Daniel Bergstrand
Spielzeit: 53.32 min
Genre: Progressive Metal / Crossover-Prog
Bewertung: 9.0/10


Pain of Salvation haben Ende August dieses Jahres ihr elftes Studioalbum veröffentlicht. Damit haben sie ihren langjährigen Anhängern wieder den Boden unter den Füßen weggezogen. Wer darauf nicht vorbereitet war, hat sicher lange getaumelt, bevor er wieder das Gleichgewicht und den Anschluss an die Band im Jahr 2020 gefunden hat. »Panther« erschüttert. Auf mehreren Ebenen. Eine unglaubliche Kühnheit und Dreistigkeit zeigt die Band auch nach satten 23 (plus) Jahren ihres Bestehens, denn dieses Album ist womöglich sogar eines der provokativsten, wenn nicht gar bizarrsten, was die experimentelle Seite betrifft. »Scarsick« (2007) gilt als das »hässliche Entlein«, das die Fanbasis gespalten hat – und wer den neuen musikalischen Richtungen der Band treu geblieben ist, wird ihr auch diesmal nicht den Rücken kehren. »Panther« ist schlicht eine faszinierende Schöpfung. Alles, was man sich unter dem Begriff Progressive Metal vorstellt, steht diesmal auf äußerst wackeligen Fundamenten, denn die Band hat ihre Mission auf völlig anderen musikalischen Ausgangspunkten neu definiert – im konzeptionellen Arrangieren und Zusammenfügen klanglicher Pastelle zu einem neuen musikalischen Ausdruck. Das ist in jedem Fall eher ein Crossover-Prog-Album als irgendetwas anderes. Es trägt Elemente elektronischer Musik und Alternative Rock in sich, während Metal-Momente diesmal lediglich ein zusätzliches Gewürz sind, das die Atmosphäre belebt.  

Ja. Elektronik. Sampling, Programmierung, jede Menge Looping, Gitarrenphrasen, die durch die bizarrsten Effekte und Klangverzerrungen gejagt werden – weit entfernt von der »klassisch« klingenden Metal-Distortion. War das Vorgängeralbum – das 2017 erschienene »In the Passing Light of Day« – noch eine Art Rückkehr zum Format der ersten Ära der Band – hin zu den ersten vier Alben, was das Interesse aller Prog-Metal-Puristen wieder geweckt hatte –, so ist »Panther« eine deutliche Abkehr hin zu neuen musikalischen Horizonten, in die Daniel Gildenlöw diesmal mit seinen Gefährten aufgebrochen ist. Das genaue Gegenteil der stillen Erwartung – und doch für alle, die über die Jahre das äußerst geschickte Jonglieren der Band mit dem Klangexperimentalismus wachsam verfolgt haben, nichts sonderlich Schockierendes. Bereits die ersten beiden Singles, mit denen die Band das Album ankündigte – Accelerator und Restless Boy –, deuteten darauf hin, dass das neue Album wieder eine völlig neue musikalische Geschichte von Pain Of Salvation sein würde. Der Weg der Band ist ein Weg künstlerischer Selbstentdeckung, und in dieser Hinsicht könnte man sie auch Path of Salvation nennen. »Panther« ist ein deutliches Beispiel dafür. Epische Sinfonizität ist trotz aller klanglichen Abweichungen über das gesamte Album hinweg gewährleistet. Neben der epischen abschließenden Progressive-Suite Icon ist der zweite Track des Albums, das packende Unfuture, strukturell am nächsten an dem, was wir im Vergleich zu früheren Alben als typisch für Pain of Salvation bezeichnen können.

Sehr wahrscheinlich musste Ragnar Zolberg gerade deshalb die Band verlassen, weil er mit der neuen Ausrichtung nicht gut zurechtgekommen ist. In die Truppe zurückgekehrt ist dafür Gildenlöws bewährter Johan Hallgren, der solchen Aufgaben selbstverständlich gewachsen ist. »Panther« ist ein Album, das langsam wächst. Es erfordert volle Konzentration. Eigentlich aber auch nicht. Es erfordert einfach Zeit. Vor allem aber absolute innere Ruhe, Entspanntheit und einen möglichst gelockerten sowie neugierigen Geist dessen, der es entdeckt. Es ist nämlich ein sehr harter Knochen zum Nagen, was aber kaum überrascht. Das war zu erwarten. Darin ist der Band das Experiment gelungen, ihren gesamten Eklektizismus beizubehalten und dabei gleichzeitig revolutionär in die Klangstrukturen des Arrangements einzugreifen – sowohl in der Produktionsweise als auch im Arrangements-Ansatz. Nicht ein Jota ihrer eigenen künstlerischen Charisma hat sie dabei geopfert. Ein äußerst wichtiger Baustein bei alledem ist Daniel Gildenlöws Gesang, der auf Anhieb unverwechselbar und tatsächlich der Brennpunkt dessen ist, was man als künstlerische Wahrhaftigkeit, blanke Aufrichtigkeit und makellose Artistik bezeichnen würde. Reinheit, wenn du so willst. Er bringt zeitweise wieder so viel Anmut mit, dass er Gänsehaut erzeugt – wie etwa die Hauptmelodie der wehmütigen Ballade Wait. Ein Meisterwerk. Auch diesmal ist Gildenlöw für seinen vokalen Chamäleonismus bekannt, mit dem er allein ein ausgedehntes Opernwerk vollständig (in mehreren Rollen) interpretieren könnte. Eine Vielzahl von Falsett-Sprüngen, gekreuzt mit der Implosion frenetischer Ausbrüche – wenn nicht gar schizoidem vokalen Donnern –, dann wieder kehliges, fast flüsterndes Phrasieren der Verse, … Unglaublich, was er alles aus seiner Stimme herausholt. Damit bleibt er bis heute zweifellos einer der besten Sänger der Progressive-Metal-Szene. Die stimmliche Palette an Farbnuancen, die gleichzeitige emotionale Charisma, mit der er den Hörer so überzeugend und fast hypnotisch anspricht und in seinen Bann zieht, funktioniert makellos. Der Stimmungsbruch im Titeltrack zwischen der »Freestyle«-(Rap-)Strophe und der streng musikalischen, herzzerreißenden Refrainmelodie ist für den Hörer buchstäblich eine echte Schocktherapie.

»Panther« trägt eine ausgeprägt dystopische Atmosphäre. Es ist ein zutiefst düsteres Album. Ein konzeptionell äußerst lebendiges Album, das auf Schritt und Tritt begeistert. Diesmal ist die Klanglandschaft also voll mit programmatischem Sampling, elektronischen Tricks, die mit einem malerischen Einsatz von Keyboards kokettieren. Ebenso packend sind die Stimmungswechsel zwischen ruhigen Passagen, in denen den eindringlichen Gesang nur das Klavier begleitet, die dann plötzlich von gewaltigen Ausbrüchen klanglich vielschichtiger Arrangement-Strukturen umgeworfen werden. Pain of Salvation sorgen dabei zusätzlich für eine intensive Belebung von Phrasen und motivischen Figuren durch die Einbeziehung anspruchsvollerer polyrhythmischer Strukturen. Vollgestopft mit Synkopen, wobei sie sich in Quintolen und Septolen wagen. Niemand im Quartett langweilt sich also auch nur im Geringsten. Nicht für einen Moment. Kurzum: All das beweist, dass Pain of Salvation eine Band brillanter Musiker sind – auf individueller Ebene betrachtet. Und da sie mit einer solch charakterlichen Individualität als Einheit umgehen können, ist das die Garantie für den unverwechselbaren musikalischen Ausweis der Band und der Ausgangspunkt der ständigen künstlerischen Weiterentwicklung ihres Eklektizismus.

Tatsächlich schleicht sich diesmal etwas von jenem (vermissten) klassischen Sound auf das Album – oder sagen wir jenem »Metal«-Sound, und das auch nur bedingt. Zum Beispiel im abschließenden dreizehneinhalb-minütigen Epos Icon, das das Album beschließt. Überhaupt irgendwo kurz vor Ablauf der achten Minute, wenn das Phrasieren sich schließlich an einem vertraut klingenden Overdrive festbeißt  und gleichzeitig auch das einzige »rechtgläubige« Gitarrensolo des Albums liefert, das ein außergewöhnliches finales Crescendo der düsteren und dystopischen Atmosphäre des Albums erschafft.

»Panther« ist ein Konzeptalbum. Es versetzt den Hörer in eine dystopische Welt einer Gesellschaft aus Hunden und Panthern. Die Weltordnung ist auf den Charakter der Hunde zugeschnitten, die in dieser Ordnung die Panther beherrschen und ihnen ihr Lebensprinzip aufzwingen. Die Hunde sind in dieser Gesellschaft auch weitaus zahlreicher. Die Panther müssen mit gesellschaftlichen Normen und Standards auskommen, die für sie völlig fremd sind. Die Intelligenz der Panther übersteigt diese gesellschaftlichen Rahmen, und ihre Andersartigkeit auf individueller Ebene wird von keinem einzigen Hund akzeptiert. Deshalb werden sie missverstanden und gebrandmarkt. Weil sie die gesellschaftlichen Standards nicht erfüllen und sich nicht mit ihnen identifizieren. Im Gegensatz zu den sozialisierten Hunden sind die Panther vollständige Einzelgänger, die sich nicht den Regeln unterwerfen, nach denen die Mehrheit lebt. Ein hochaktuelles Konzept für die Zeiten, in denen wir leben und in denen sich die Menschen immer weniger auf ihr eigenes Denken stützen. Und das wird für uns alle sehr gefährlich. Der Verlust der Individualität, der Verlust der Identität des Einzelnen und nicht zuletzt der Berufung, die ihm bei der Geburt in die Wiege gelegt wurde. Es ist eine Sünde, der eigenen Identität abzuschwören, und doch tut es die Mehrheit unwissentlich und unbeabsichtigt. Von all dem gibt es heute auf Schritt und Tritt entschieden zu viel. Werbung, Medien, Gottesvermittler, Politiker und Maschinen denken für uns. Nur die Stärksten halten stand. Stille Krieger und stille Rebellen. Panther. Wenn du dieses Konzept mit der Musik, den Arrangements und vor allem mit Gildenlöws phänomenalem Gesang vereinst, wird klar, dass Pain of Salvation sich mit »Panther« erneut selbst künstlerisch übertroffen haben und sich ein neues gewinnendes Blatt aus Assen erspielt haben. Wenn sich das großartige Epos Icon seinem Ende nähert, werden Gildenlöws Melodien immer intensiver, und die Melancholie immer packender und intensiver, wenn sie in eindringlicher sinnlicher Tiefe übernimmt. Die atmosphärische Dramenkulisse, die die Band am Ende des Albums aufbaut, ist außergewöhnlich und bringt dich einfach automatisch dazu, das Album nochmal aufzulegen.

Pain of Salvation bleiben eine unglaubliche Maschine. Sie unterwerfen sich weder gängigen musikalischen Prinzipien noch Normen. Sie dulden kein Schubladendenken und ruhen sich nicht auf den Lorbeeren vergangenen Ruhms aus. Sie haben das Pech, aus einer Zeit zu stammen, als der erste »post-Dream-Theater’sche Progressive-Metal-Boom« Mitte der Neunziger stattfand, und dass alle von ihnen erwarteten, sie würden auf den Gleisen von »Remedy Lane« (2002) bleiben. Pain of Salvation haben mit »Panther« eine künstlerische Kühnheit abgeliefert, die heute Fans von Bands wie Leprous näherstehen wird als den Progressive-Metal-Puristen aus den Neunzigern. »Panther« ist ein weiterer brillanter künstlerischer Meilenstein im diskografischen Opus dieser zähen und unbeugsamen Band, die damit andeutet, dass sie noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen hat. 

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
1. Accelerator
2. Unfuture
3. Restless Boy
4. Wait
5. Keen To A Fault
6. Fur
7. Panther
8. Species
9. Icon

Besetzung:
Daniel Gildenlöw – Gesang, Gitarre, usw…
Johan Hallgren – Gitarre, Backgroundgesang
Léo Margarit – Schlagzeug, Backgroundgesang
Daniel Karlsson – Keyboards, Gitarre, Backgroundgesang
Gustaf Hielm – Bassgitarre, Backgroundgesang

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