Myrath und Roses Of Thieves im Revolver klub (San Dona Di Piave) sorgten für einen unvergesslichen Abend (2026)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2026
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Myrath (Vorband: Roses of Thieves)
Dienstag, 22. 4. 2026
San Dona Di Piave / Revolver klub / Italien


Lange, sehr lange ist es her, dass irgendeine Band dieses alte meckernde Schlachtross (das vom aktuellen Angebot an musikalischen ‚Neuheiten‘ so gelangweilt und niedergeschlagen ist) so ausdrücklich ‚aus den Angeln gehoben‘ hat – dieses Schlachtross, das immer noch nach Konzerten unserer Region Ausschau hält. Die Rede ist von den Tunesiern Myrath! Eine Band mit einem ordentlichen Kilometerzähler, einem soliden Werk, einer unglaublichen Tourneeserie, begeisterten Lobeshymnen von Progressive-Metal-Fans und Musikkritikern, die ihre Begeisterung für die Band und ihr Schaffen nicht verstecken. Und dass man sie erst nach mehr als 20 Jahren ihres Bestehens kennenlernt? Unerhört.

Myrath? Ganz genau: ميراث mīrāth, oder auf Deutsch treffend mit ‚Erbe‘ zu übersetzen. Mit sieben Alben im Gepäck – das jüngste davon, das aktuelle „Wilderness Of Mirrors“, erschien Ende März dieses Jahres. Es folgt der evolutionären Ausrichtung seiner Vorgänger („Legacy“, „Shehili“ und „Karma“), in denen Myrath in ihrer verinnerlichten Progressiv-Metal-Natur auf sehr subtile Weise das Gleichgewicht zwischen orientalischer und neo-klassizistischer Musikalität und Rhythmik sucht. Als solches gehört das neueste Album der Band zu ihren reifsten Errungenschaften.

Myrath hat RockLine bereits einen Tag vor unserem erneuten Konzertbesuch der Band in der italienischen Stadt San Dona Di Piave abgefangen – und zwar im Orto bar in Ljubljana, wobei unser unerschütterlicher Igorac in der Doppelrolle als Journalist/Fotograf einsprang. Daher stammt auch die vorliegende RockLine Konzertrezension. Der Ljubljana-Termin überschnitt sich nämlich mit dem Auftritt der Death-Metal-Legenden aus Florida Monstrosity in Zagreb (RockLine Konzertrezension), die der Autor dieser Zeilen schon seit Jahren bei Konzerten vergeblich zu erwischen versucht. Der Teufel ließ ihm wieder keine Ruhe! Obendrein ist der Revolver klub von Pivka ‚lächerliche‘ 169 km entfernt. Es wäre also eine Sünde gewesen. Und zur Orientierung: Wovon reden wir eigentlich? Wer Bands wie Angra, Symphony X, Threshold, Seventh Wonder, Vanden Plas, Evergrey mag und/oder Power-Metal-Acts mit dem ‚genau richtigen Maß an Komplexität‘ wie Pagan’s Mind, Vision Divine, Stratovarius, Pyramaze, Blind Guardian, Rhapsody of Fire,… wird bei Myrath ganz sicher ein großes Stück sehr schmackhaften musikalischen Kuchens für sich finden. Zumal Myrath wirklich ihre eigene musikalische Geschichte sind. Einzigartig. Die Kollision von Arabesken und klassischer Melodik des alten europäischen Kontinents funktioniert nur selten so gut zusammen wie bei Myrath.

Lassen wir all diese einleitende Begeisterung beiseite und tauchen wir in den Revolver klub ein! Wie immer sind die Italiener für ihre außerordentliche Gastfreundschaft bekannt. Auch diesmal war es so. Die Leute entspannt, lächelnd, genau richtig neugierig und unglaublich freundlich. Vor allem wenn du obendrauf noch ein paar Brocken ihrer Sprache kennst, fressen sie dir buchstäblich aus der Hand. Auf solchen Konzertausflügen, bei denen dich auf Schritt und Tritt positive Schwingungen begleiten (abgesehen von den unglaublich brutal zerbombten Straßenverbindungen mit teuflischen Spuren – lies: Spuren von DARS), merkst du entspannt und schnell, dass du dich voll und ganz dem Genuss hingeben kannst. Auch diesmal war es so.

Den Konzertabend eröffneten Roses Of Thieves. Das ungarische Sextett also, das wir letzten Dezember erwischten, als es im Cvetličarna das Publikum vor den schottischen Power-Metal-Schurken Alestorm aufwärmte (7. 12. 2025 – RockLine Konzertrezension). Und die Band hat in 40 Minuten bestätigt, dass sie gegenüber der Erfahrung vom vergangenen Dezember einen konkreten Schritt nach oben gemacht hat. In jeder Hinsicht. In erster Linie performativ, wo sie ein deutlich höheres Maß an Souveränität und Entspanntheit zeigte. Allerdings hatte sie auch deutlich bessere Auftrittsbedingungen als im Cvetličarna. Deutlich mehr Platz auf der Bühne und gleichzeitig perfekte Bedingungen was Sound und Licht angeht. Daher haben Roses Of Thieves diesmal wirklich einen sehr, sehr schönen und überzeugenden Eindruck hinterlassen.

Die Besetzung, die von einer Art Fusion aus Power-Metal-Riffs, Folk-Melodien der traditionellen Musik Osteuropas und stechenden EDM-Elementen angetrieben wird, hat elf Songs rausgehauen – wobei das Publikum in besondere Ekstase das Cover der vollbusigen Pop-Königin der Achtziger Sabrina Boys (Summertime Love) versetzte, zu dem der ganze Club in die Höhe sprang! Eine clevere Wahl! Die Blicke richteten sich größtenteils auf die kompakte ‚kleinkalibrige‘ Sängerin Ivett Dudas, wobei ihr weder Violinist Tamás Bárdos noch Akkordeonspieler Dominik Hristov-Todorov viel schuldig blieben. Die Band präsentierte in ordentlicher Dosis das im Herbst letzten Jahres erschienene zweite Studioalbum „Demon Ascend“, drei Songs schnitt sie auch aus dem Debüt „Gateway To Utopia“. Natürlich fehlt an bestimmten Stellen auch eine Auswahl elektronisch-tänzerischer Samples nicht, denn die Band sucht ihre Nische und rechtfertigt damit gewissermaßen ihre musikalische Natur, die auch etwas EDM-Musik zu verinnerlichen versucht. Ein sehr überzeugender Konzertabend, gekrönt von einer nicht weniger kohärenten, abgestimmten und eingespielten Vorstellung. Angesichts des Gezeigten können Roses Of Thieves in Zukunft noch höher greifen.

Die Mehrheit der Musikenthusiasten war an diesem Abend jedoch wegen Myrath in den Club gekommen. Der Raum hatte sich vor dem Konzert ordentlich vollgepackt und gefüllt. Gefüllt bis zu genau dem richtigen Maß, sodass man sich normal bewegen und atmen konnte. Das heißt gut und gern 300 begeisterte Köpfe. Myrath in der Besetzung: Malek Ben Arbia (Gitarre, Bandchef), Anis Jouini (Bass), Zaher Zorgati (Leadgesang), Morgan Berthet (Schlagzeug) und Kevin Codfert (Keyboards) erfüllten alle Erwartungen. Allein die Bühnenkulissen, die dem Cover des neuesten Albums nachempfunden sind, dem die aktuelle Tour gewidmet ist, die verspielten Nebelschleier, in die sich die Bühne gelegentlich hüllte, von der wunderschönen Auswahl an Scheinwerferlicht in Kombination mit der Darbietung selbst ganz zu schweigen – all das sprach schon von einem besonderen Erlebnis. Als dann noch ein Mädchen die Bühne betrat – eigentlich zuständig für den Verkauf des offiziellen Band-Merchandise –, das zu ganz bestimmten Zeitpunkten während des Konzerts auftauchte, jedes Mal in einem anderen Outfit (traditionellen arabischen Gewändern) und dem ganzen Theater mit ihrem Tanz das i-Tüpfelchen aufsetzte, gab es kein Versteckspiel mehr. Bei der herausragenden Darbietung des Quintetts konntest du schlussfolgern: Bei Myrath gibt es keine Geheimnisse, die Band strebt bei allem nach bloßem Perfektionismus und will auch bei Konzerten nur das Beste liefern.

Was dabei auffällt, ist die erstaunliche Leichtigkeit. Die Entspanntheit, ja das Gefühl der Gelassenheit, das Myrath ausstrahlen. Der unglaublich sympathische und umgängliche Sänger Zaher Zorgati hielt im traditionellen Outfit durch die gesamte Konzertdarbietung einen perfekten Kontakt zum Publikum. Bandchef Malek, der den Großteil des Konzerts mit einem Bein auf dem Monitor spielte – ganz nach Vorbild von Petrucci –, verblüffte mit seiner technischen Makellosigkeit, die mehrfach sogar den göttlichen Michael Romeo (Symphony X) ins Gedächtnis rief. Was das Gefühl entspannter Gelassenheit angeht, stach beim Quintett mit seinem Gesichtsausdruck besonders der hervorragende Bassist Anis Jouni hervor. Er erwies sich als ungemein geschmeidiger, aber erstklassig geschickter Jongleur auf seinem fünfsaitigen Bass. Keyboarder Kevin Codfert bestätigte insbesondere mit einigen Intros seine Raffinesse, während Drummer Kevin Codfert, diesmal als Sarazene gekleidet mit vollständig bedecktem Gesicht, mit Meisterwerken der Beweglichkeit verzauberte, wobei die Saftigkeit der synkopierten Rhythmen und Ausflüge in streng orientalische Rhythmusstrukturen hervorstachen. Zaher Zorati fesselte nicht nur mit Charisma, sondern auch mit einer stimmlichen Darbietung, die durch den Einsatz von Emotionen und Leidenschaft mitriß. Mehrfach nutzte er auch Dios ‚malocchio‘, womit er nur bestätigte, dass er bei den ‚Größten‘ gelernt hat. Dio, Russell Allen und in den höchsten Lagen – glaubt es oder nicht – erinnert Zaher mehrfach an Steve Perry (Journey). Er ist also ein wunderbarer Sänger.

Die Band startete ihr Repertoire entschlossen mit Material vom neuen Album „Wilderness Of Mirrors“ und eröffnete das Konzert mit The Funeral. Das neueste Album präsentierten Myrath in acht Songs, was eigentlich der Hälfte der gesamten Setlist entspricht. Tiefer in ihre musikalische Vergangenheit als bis zum Album „Tales Of The Sands“ griffen sie jedoch nicht. Im vierten Song Until The End (ebenfalls vom neuesten Album) stieß Roses Of Thieves-Sängerin Ivett Dudas für ein Duett mit Zaher zur Band. Im Intro des Songs Jasmin gehörte auch Kevin Codfert ein kurzes Drum-Solo. Bis zum obligatorischen Zugabenblock ergänzte die Band nach dem Song Jasmin das etwas vermisste Album „Legacy“ mit der Darbietung seines dritten Tracks, mit dem sie das Konzert auch abschloss – dem großartigen Believer! Unglaublich stark und kompakt funktioniert das Repertoire der Band live. Es enthält außerordentliche Musikalität und verlockende Sprünge zwischen Arabesken und Neo-Klassizismus. Auch im rhythmischen Sinne. Und Myrath haben ihre eigene besondere musikalische Welt aufgebaut, die dich hineinsaugt und verzaubert. Sie trägt dich irgendwohin weit weg. Auch jenseits des Realen. Dabei stützen sie sich auch auf spirituelle Aspekte, was durch die Texte und dramatische Theatralik (nennen wir es einfach Bombastik) die gesamte Intensität der dargebotenen Energie vertieft. Dazu noch die Bühnentänzerin (die natürlich dafür sorgte, dass die Band nach dem Konzert auch ihr offizielles Merchandise sehr gut verkaufte), dazu perfekte Klangeigenschaften – und so erhielt dieses Konzert das Prädikat ‚bezaubernder Magie‘. Myrath beschwören also auch Mystik. Für knapp zwei Stunden außergewöhnlicher Intensität, die nicht nachlässt. Das ist jenes Konzert, das als solches den Charakter gewinnt, zu schnell vorbeizugehen. Es endet also immer zur falschen Zeit. Myrath erschaffen ein besonderes musikalisches Universum, aus dem du noch eine ganze Weile nicht in die Realität des Alltags zurückkehrst.

Die Band, die mit pedantischer Hingabe dafür sorgt, das Beste zu liefern, hat dies mit ihrer Vorstellung vollständig unter Beweis gestellt! Wer sie auf dieser Tour verpasst hat und im Metal das Gleichgewicht zwischen ansteckender Musikalität, komplex-technischer Harmonie und äußerst verführerischer Atmosphäre sucht, wird sich diesen Fehltritt schwer verzeihen. Eine Band, die jede Aufmerksamkeit verdient. Und eine Band, die sich in diesem Moment auf dem sehr wahrscheinlichen Höhepunkt ihrer Live- und kreativen Kräfte befindet. Möge es andauern.

Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Roses Of Thieves – Setlist:
1. Fend off the Dark
2. Be the Captain
3. Synonym for Blasphemy
4. White Wolf
5. Boys (Summertime Love) – (orig. Sabrina Salerno)
6. Blunderbuss
7. Keep the Night Inside
8. Can’t Look Back
9. Taste of Freedom
10. Hymn of Hell
11. Not Your Fate

Myrath – Setlist:
1. The Funeral
2. Born to Survive
3. Dance
4. Until the End
5. Into the Light
6. The Clown
7. Through the Seasons
8. Tales of the Sands
9. Still the Dawn Will Come
10. Breathing Near the Roar
11. Endure the Silence
12. Beyond the Stars
13. No Holding Back
14. Soul of My Soul
—Zugabe—
15. Les Enfants du soleil
16. Jasmin
17. Believer


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