Martin Krpan

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Interpret: Martin Krpan
Label: Jugoton
Erscheinungsjahr: 1982
Laufzeit: 44:38
Bewertung: 3.6/5

Beim Erwähnen des Namens Martin Krpan denken wir alle an den muskelbepackten Krpan, der mit seiner Kobilica Salz transportierte und Brdavs so bezwang, dass er ihm den Kopf abschlug und damit den Kaiserhof vor dem Untergang und der Versklavung rettete. Andere denken dabei gleichzeitig auch an eine der Bands, in der Vlado Kreslin als Sänger auf ganzer Linie brillierte, während unter anderem der damals noch junge Aleš Klinar sein außerordentliches Talent zeigte. Aus Neugier und angesichts der Tatsache, dass man sich aus Best-of-Sammlungen allein kein vollständiges Wissen über Bands aneignen kann, die unsere Musikwelt erst erwähnenswert und kennenswert machen, habe ich mich ins Wühlen in verstaubten Archiven der Vergangenheit vertieft. Wenn der literarische Held von Fran Levstik es schaffte, Salz über bewachte Grenzen von Vrh pri Sveti trojici bis nach Wien zu transportieren, ignorierten die gleichnamigen slowenischen Rocker bewusst alle Grenzen und Genregesetze und lieferten ein Debüt, das alles andere als rein und geradlinig ist. Die schwer greifbare Form der Platte Bonbonjera oder Martin Krpan I kokettiert so mit Jazz, Progressive Rock, Fusionssubstraten etwa von Frank Zappa, und das Ganze lässt kein Gramm Halbherzigkeit zu. Die Instrumentals sind erstklassig, überraschend dabei die Tatsache, dass das Klischee, Kreslins Stimme sei die einzig mögliche Stimme der Band, sich als völlig falsch und irrig erweist. Martin Krpan ist eigentlich das Produkt einer Synthese aus Mitgliedern der aufgelösten Gruppen Na lepem prijazni und Srečanje, die ihre ersten Schritte im ausgehenden Jahrzehnt der Siebziger unternahm, der erste wirkliche Schritt in Richtung eines expliziterem musikalischen Wirkens begann aber erst 1981, als sich Tomaž Sršen und Aleš Klinar eine Soldateska aus drei talentierten Musikern hinzugesellten – Gitarrist Saša Bole, Schlagzeuger Miro Križaj und Vokalist Andrej Turk. In einer Zeit, als Jugoslawien trotz sozialistischer Repression und der Halbdurchlässigkeit der damals hermetisch abgeriegelten und militärisch bewachten Grenzen nur selten ausländische Einflüsse der »schädlichen« Musik aus dem Westen zuließ, funktionierte der Schmuggel offensichtlich recht erfolgreich: Martin Krpan brachten qualitativ hochwertige New-Wave-Einflüsse in ihren Sound ein und lieferten trotz leichter Archaik einen experimentelleren Klang, aufgrund dessen ich sie schon beim ersten Hören neben die Buldožeri stelle – daneben hört man auf dem Debüt genug Anteile von Cobhams Spectrum, Frank Zappa, der Theatralik des ehemaligen Genesis-Mitglieds Peter Gabriel und noch einigem mehr, was das Hören alles andere als einfach, aber umso abenteuerlicher macht, und das Plättchen bleibt trotz dreier Jahrzehnte auf dem Buckel noch immer relativ frisch und attraktiv.

Und das vom ersten Takt des Stücks Prva an, wo sich zunächst Klinars Keyboards und Matjaž Kosis Synthesizer das Podium teilen, geschmackvoll begleitet von Schlagzeuger Miro Križaj. Die Spannung bricht beim Einsatz von Saša Boles ausgesprochen prog-lastiger Gitarren, die in ihrer recht verhaltenen Distortion aber auch mit klassizistischeren Einflüssen kokettieren. Das instrumentale Intro trägt einen Schleier der Verträumtheit der Band in sich, die sofort bewiesene musikalische Breite und Virtuosität setzt sich dann mit dem Lyrismus des provokanten Stücks Slovan Karantan fort. Der Text spiegelt das Nationalbewusstsein eines um Land und Existenz betrogenen Volkes wider, zwischen den Bildern des unterwürfigen Karantaners und des dominierenden Herrn, der scheinbar eine plebiszitäre Wahl zwischen Himmel und Hölle auf Erden anbietet – Andrej Turk singt melodiös und melodisch perfekt, während man hinter allem einen tiefen Zynismus und Spott spürt. Doblekars Produktion ist Buldožeri-raffiniert, und ein himmelhoch gereckter Mittelfinger manifestiert sich noch zugespitzter beim Happy End. Die Notwendigkeit der Metaphorik schleicht sich in die jazzige Fusionswelt der Trugbilder des Theaters des Absurden, und camusianisch entfremdete Fremde reichen sich die Hand mit dem fast Pop-Punk-haften Tanz eselhafter Karikaturen der Menschenmassen, die öfter als Esel aufs Eis gehen. Die Krpani ertränken die Hoffnung in der Metaphorik allzu zahlreicher Vignetten und den vokalen Exzessen der komplexen Musik. Die Platte ist von Anfang an komplex und wird noch komplizierter. Schichten werden automatisch und mit extremem ästhetischem Gespür für Weiterentwicklung und Provokation hinzugefügt. Ich frage mich, ob die Behörden, die die Veröffentlichung damals genehmigten, die Platte wirklich gehört und auch wahrgenommen haben, denn unter den schönen Konturen der Musik verbergen sich jede Menge kontrapolitischer Parolen, literarischer und poetischer Überschreitungen sowie Unbeugsamkeit gegenüber den Systemgeboten. Gott sei Dank offenbar nicht, denn sonst wäre das Gesamtbild an manchen Stellen abgegriffen, gestutzt und durch Zensur um die Schärfe beraubt, die das Debüt von Martin Krpan, trotz der kitschigen Buntheit seiner klanglichen Fächerung, zweifellos ausstrahlt.

https://www.youtube.com/watch?v=JuCfewg72Q8

Celofan mit seinen Sisyphi und psychedelischen Ausfällen einer leicht angejahrten Musik ist nur der äußere Verputz, darunter verborgen eine Erzählung darüber, dass wir uns vergebens bemühen, Menschen in ihrem wahren Wesen zu lieben, da uns immer nur Oberfläche und Oberflächlichkeit sichtbar und spürbar ist – viele Anspielungen, Illusionen, Sex-Appeal und spielerische Mehrstimmigkeiten verweben sich mit Bass am Flanger, Klavier und Saxofonen, und absichtlich bleibt der Track trotz seiner Fülle leer. Dann schneidet Cicibanove igračke in voller metallisierter Stampede hinein. Klein und unbedeutend, voller Zuckerstücke der Bestechung und des leeren Glaubens an Ideale bleiben wir auch heute, die zerfressende Gitarrenkanonnade und außergewöhnliche Arrangements verleihen der Geschichte des Aufwachsens mehrdimensionales Potenzial, das nicht verträumt und unnötig gebremst ist – Martin Krpan spielen mit Form und Melodien wie um die Wette und steuern verschiedene melodische und rhythmische Muster an. Die Verwirrung ist nur scheinbar, denn jeder Teil funktioniert sowohl durchdacht als auch instinktiv zugleich. Eho wächst mit seiner unheimlichen Erinnerung an Jacksons Thriller zu einem Jazz-Rock-Fusionskanon der Mehrstimmigkeiten über die Sinnlosigkeit der Gründung neuer Klassen und des Herstellens eines Gleichgewichts zwischen Sein und Vernichtung, Existenz und Leere heran. Die Echos sind das Vorspiel für das Blues-Stück Po ruski. Der sexy Einstieg von Bass, Orgel und Gitarre beschleunigt sich bald in einen schwungvollen Kazačok aus witzigen Synths und vokaler Untermauerung – mit dem matten Russland hat das Stück aber wenig gemein. Das instrumentale voralpenländische Hommage an die Weiten jenseits des Urals wirkt etwas naiv, aber keineswegs halbherzig. Martin Krpan nehmen das alles verdammt ernst, denke ich, und so presst Paranoja noch seinen symphonischen Teil an Barockheit aus. In Zeiten nach Blackmores Obsession mit Rustikalität sind dann nur noch Wiederholungen und Annäherungen möglich – von Jazz-Fusions-Experimenten mit Klassizismus ganz zu schweigen. Dennoch haben wir mit dem Debüt von Martin Krpan ein würdiges Werk zum Dagegenhalten. Der etwas irritierende dünne Tenor bzw. blasse Bariton des aktuellen Mitglieds der Anwaltssoldateska Miro Senica überzeugt mich hier diesmal nicht besonders, dafür aber fügt das Titelstück Bonbonjera mit seinem dem cankarjanischen Weltschmerz gewidmeten Melos lyrisch den Punkt aufs i des einfallsreichen Instrumentariums hinzu, das schon auf Anhieb fesselt. Martin Krpan zeigen trotz Jugend und Unerfahrenheit, dass sie in sich noch weit mehr als bloßes Potenzial tragen. Von bloßen Möglichkeiten gehen die Krpani zu Taten über. Die Metaphern werden zum Werkzeug des Theaters des Absurden, aus dem kein leichtes Entkommen zu erwarten ist.

https://www.youtube.com/watch?v=U19GxAS0y7g

Das Debüt des Kerls aus Vrh pri Sveti trojici zeigt den großen Willen, das Wissen und den Ehrgeiz, neue Spitzenwerte auf dem damals verschlafenen slowenischen Musikmarkt zu setzen, und zugleich, dass es trotz allem Gesagten und Geschriebenen das gravitationsschwere Vokabular der großen Buldožeri trägt. Wenn Letztere nur kurz davor eine ganze Schaufensterauslage von manchem bitterlichen Geschmack des Izlog jeftinih slatkiša bieten konnten, starteten Martin Krpan weniger wuchtig – nur mit einer geschmackvoll gestalteten und arrangierten Schachtel der raffinierten Bonbonjera. Raum für Verbesserungen gab es genug, aber das Eis war diesmal schön gebrochen. Mit der Entschlossenheit und Kraft, die nur ein Mann besitzt, der Brdavs den Kopf abgeschlagen hat. Martin Krpan legen ihr erstes Statement vor, nach dem es keinen Weg mehr zurück geben konnte. Exzess und Provokation mussten weitergehen. Und sie taten es, aber in einer geläuterteren und für manches Ohr freundlicheren Gestalt …

Besetzung

Saša Bole – Gitarre

Aleš Klinar – Keyboards

Miro Križaj – Schlagzeug

Tomaž Sršen – Bass

Andrej Turk – Gesang

Roman Vlah – Klarinette, Saxofon

Matjaž Kosi – Synthesizer

Produktion

Braco Doblekar

Trackliste

  1. Prva
  2. Slovan Karantan
  3. Happy End
  4. Celofan
  5. Cicibanove igračke
  6. Eho
  7. Po ruski
  8. Paranoja
  9. Bonbonjera
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