Lee Kerslake: Eleventeen

0 161

Label: Cherry Red Records
Erscheinungsdatum: 26. 2. 2021
Produktion: Lee Kerslake
Albumlänge: 38.22 Min.
Genre: Hard Rock
Bewertung: 8.0/10


Lee Kerslake ist ein Name, den alle Liebhaber guter und echter Rockmusik kennen – spätestens wer sich mit dem Schaffen von Ozzy Osbourne oder Uriah Heep beschäftigt hat. Anfang dieses Jahres erschien sein Debütalbum »Eleventeen«. Leider posthum. Kerslake litt jahrelang unter schweren gesundheitlichen Problemen. Bereits 2007 musste er deswegen Uriah Heep verlassen, und sein Zustand verschlechterte sich mit den Jahren immer weiter. Lee Kerslake galt als überragender Rockdrummer, den man mühelos in eine Reihe mit Legenden wie John Bonham, Bill Ward oder Cozy Powell stellen kann. Aber das war noch nicht alles. Kerslake war auch für seine faszinierende Stimme bekannt – ein Talent, das er selbst nie wirklich ernsthaft in den Vordergrund gestellt hat. Die mehrstimmigen Harmonien auf all jenen Uriah Heep-Alben, an denen Kerslake mitwirkte, hätten ohne seine ganz eigene vokale Färbung nie diese mitreißende Dichte erreicht, die in den Melodien der Legendenband so deutlich spürbar ist. Und das Unglaubliche: Auf »Eleventeen« kehren genau diese Gefühle zurück. Mitsamt der Nostalgie.

Kerslake und sein Uriah Heep-, Toe Fat- und The Gods-Weggefährte Ken Hensley gingen einer nach dem anderen. Im vergangenen Jahr, im Abstand von eineinhalb Monaten. Ken Hensley schaffte es noch, sein letztes Album »My Book of Answers« so weit fertigzustellen, dass es von Anfang bis Ende kohärent wirkt. »Eleventeen« hingegen hinterlässt – wenn man es ganz genau nimmt – nicht ganz dasselbe Gefühl: Der abschließende Instrumentaltitel Mom wirkt ein wenig atemlos, irgendwie unvollendet, und man merkt ihm an, dass Lees Stimme fehlt. Genau deshalb steht er am Ende des Albums. Als Ganzes ist »Eleventeen« aber ein qualitativ hochwertiges Werk – das ultimative Statement eines legendären Schlagzeugers, mit dem er sich auf mehr als würdige Weise von der Musikwelt verabschiedet hat. Ich hätte es natürlich lieber anders gesehen, hätte gewünscht, dass dieses Album gar nicht nötig gewesen wäre. Aber so läuft das nun mal. Das ist das Leben.

Stimmt schon: Take Nothing For Granted würde problemlos auf jedes Uriah Heep-Album passen, das zwischen 1982 und 1998 erschienen ist. Obwohl man in offiziellen Quellen nirgends genau herauslesen kann, wer konkret welches Instrument auf dem Album spielt – klar ist nur, dass Lee Kerslake selbst trommelt und singt –, ist offensichtlich, dass Uriah Heep-Gitarrist Mick Box seine Finger im Spiel hat. Die Arrangements lehnen sich stark an satt-organisches Gitarrenphrasing an, das klassisch mit wuchtigen Hammond-Linien verwoben ist. Der Opener Celia Sienna, der das Album schüchtern, akustisch und in entspanntem Folk-Klang eröffnet und Lees gefühlvolle Stimme vorstellt, deutet das noch nicht an – aber das bereits erwähnte Nothing For Granted positioniert das Ganze sofort im Rockkontext. Vertieft wird dieser Moment durch das folgende Where Do We Go From Here. Dazu kommen mehrstimmige Vokalharmonien, ein atmosphärisches Crescendo im Refrain, und die Sache ist tatsächlich eine faszinierende Annäherung an den klassischen Uriah Heep-Sound. Aber nicht alles ist so »heepig«. You May Be By Yourself (But You’re Never Alone) schrieb Lee, als er einst seinen ehemaligen Ozzy Osbourne- und Uriah Heep-Weggefährten Bob Daisley beobachtete – und dessen liebevolle, fürsorgliche Vaterrolle gegenüber seiner kleinen Tochter. Hier steckt ein gewisser Zuckerüberschuss drin, und der Rockkern, den die beiden vorangegangenen Tracks aufgebaut haben, verblasst ein wenig. Ein Paradebeispiel für das Label „Dad Rock“. Doch Lee konnte nicht nur sehr gefühlvoll sein – er galt auch als ansteckend witziger Typ. Diese Seite seines Charakters zeigt die schelmische, im Kabarett-Hunky-Tonk-Marsch-Stil dahinschunkelnde Port And a Brandy, in der Lee dir das prächtige Angebot seines Lieblingskneipers präsentiert, während im Hintergrund eine Truppe betrunkener Kojoten sorglos vor sich hin brummt. Dann gibt es noch ein Cover des Carole King-Originals You’ve Got A Friend als vollständig akustischen Moment, bevor das Album mit Home is Where the Heart Is wieder zuverlässig rockt – und dort fasziniert einmal mehr das vokale Talent des Drummers.

Dem Album fehlt mindestens noch ein weiterer Track à la Nothing For Granted, Where Do We Go From Here und das kurz vor Schluss kommende Home is Where the Heart Is, um in einer geradlinigeren Rock ’n‘ Roll-Manier zu überzeugen. Beim abschließenden Instrumental Mom, das wie die Abspannmusik eines sehr nostalgischen Films wirkt, beschleicht den Hörer gleichzeitig das Gefühl, dass dieser Track nachträglich fertiggestellt wurde und ursprünglich als Vokalnummer gedacht war. Aber der Sensenmann hat Lee leider viel zu früh zu sich gerufen. Auf dem Werk stecken also ein paar künstlerische Reserven, die mit Sicherheit ausgeschöpft worden wären, wäre Lee noch bei uns. Obwohl es hier in erster Linie um das Album von Lee Kerslake geht – also ein Singer-Songwriter-Album –, vermisst man darauf den einen oder anderen Track, der etwas »heepiger« kratzt. Für das letzte Werk Kerslakes hätten seine Kollegen sich ein etwas weniger billiges Albumcover leisten können. Uriah Heep-Fans werden darin allerdings viel Symbolik entdecken: Lees blaue Augen sind nämlich genau jene, die man der Kreatur auf dem Cover des Uriah Heep-Albums »Innocent Victim« (1977) verliehen hat.

»Eleventeen« ist unterm Strich ein sehr schönes letztes Manifest eines legendären Schlagzeugers, der im Rockuniversum ein echtes Unikat war. Easy Livin‘ wäre ohne seinen einzigartigen »reitenden Stampede« niemals zur mitreißenden Rockklassiker und zum Evergreen geworden, der er ist. Lee war einer und einzig. Unersetzlich. Ein einzigartiges Juwel des Rock ’n‘ Roll und ein Stern, der von nun an hell am Himmel leuchtet. In die Ewigkeit. Ehre.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Celia Sienna
2. Take Nothing For Granted
3. Where Do We Go From Here
4. You May Be By Yourself (But You’re Never Alone)
5. Port And A Brandy
6. You’ve Got A Friend
7. Home Is Where The Heart Is
8. Mom (Instrumental)

Besetzung:
Lee Kerslake – Gesang, Schlagzeug

Gastmusiker:
Jake Libretto, Thomas Jacobson, Jo Kelly, Shane Cauldfield, Simon Goodchild, Mick Box

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki