Kamlisajlan
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstlerin: Šulc, Katja
Label: Casete Mexico Label
Erschienen: 2016
Laufzeit: 33:40
Wertung: 4.5/5
Auch wenn dich das Cover dieses Albums zunächst erschreckt, weil du denkst, ein neues Studioalbum von irgendeiner Katy Perry sei in deine Hände geraten, ist jede weitere Phobie völlig ungerechtfertigt und unangebracht. Katja Šulc ist nämlich jene slowenische Musikkünstlerin, die – angesichts der ambitionierten künstlerischen Sprünge, die sie von Album zu Album wagt – schlicht keine Angst kennt. Vom Kabarettjazz und der Vertonung von Gedichten von Mila Kačič auf dem Album aus dem Jahr 2008 über traumhaft esoterische Elektronik, die ihr zweites, 2013 erschienenes Album bot, bis hin zur Vertonung von Romapoesie – nirgendwo anders als im Herzen Mexikos –, was ihr neues Album mit sich bringt. In dieser Hinsicht ist Katja auf der slowenischen Musikszene eine Art »weiblicher« Robert Jukič, nur mit einer etwas kürzeren Diskografie. Du kannst nämlich beim besten Willen nicht im Voraus vorhersagen, wie ihr nächstes Musikprojekt oder Wagnis aussehen wird.
Das Album »Kamlisajlan« ist definitiv ein Wagnis in jeder Hinsicht dieses Wortes. Es wurde sorgfältig geplant und über einen längeren Zeitraum entwickelt, und Katja hat gemeinsam mit den beteiligten Musikern ihr Herz hineingegossen. Sie ist ganzheitlich herangegangen und hat im Stil einer echten Perfektionistin kaum etwas dem Zufall überlassen – sofern man überhaupt glaubt, dass es ihn gibt. Auf dem Album »Kamlisajlan« finden sich zehn vertonte Gedichte zeitgenössischer Romadichter aus Osteuropa und dem Balkan.
Da die Idee so groß ist, verlangt sie auch nach großzügigen Lösungen. So gewann Katja den französischen Romani-Forscher Marcel Courthiade als Mitarbeiter, der sie rund zwei Jahre lang behutsam in die Romasprache einführte, sodass ihr diese mindestens so sehr ins Blut übergegangen ist, dass die Künstlerin jederzeit glaubwürdig genug damit umgehen kann, damit ihre ausgewählten Reinterpretationen höchst authentisch und wahrhaftig wirken! Auch im emotionalen Ertrag – was letztendlich das Wichtigste ist.
Neben dem allgemeinen Interesse an Romakultur, -poesie, -sprache, -geschichte und mehr war das nächste entscheidende Element bei der Entstehung dieses Albums Katjas Begegnung mit dem Geiger Alban Usatch im Jahr 2012 in Mexiko, der gemeinsam mit Katja auch die Musik und die musikalischen Arrangements für dieses Album beitrug. Die Entdeckung, dass auch dort Roma leben und dass sie – wie überall sonst auf der Welt – »angepasst« sind, anderswo zu leben. Sprich: auch in Mexiko zu leben.
Daher lässt sich das Album »Kamlisajlan« als ein Roma-Bindeglied zwischen Asien und Mexiko verstehen. Das bedeutet: eine Verschmelzung des Traditionellen, wohin uns die Poesie führt, mit der Anpassung des Lebens der Roma in Lateinamerika. Daher überrascht der Latino-Melos nicht, ebenso wenig wie die Rhythmik, die den Zuhörer in den Arrangements, die die Romalieder in Katjas Vokalinterpretation umhüllen, nahezu unmerklich ansprechen. Auch dieses Mal überzeugt die Sängerin mit einem unglaublich einladenden und gefälligen Vokalansatz. Sei es nur für die Farbe ihrer Stimme, die wieder durchgehend unglaublich angenehm ist, als auch für die Interpretation selbst, bei der man die vollkommene herzliche Hingabe an die Botschaften der Poesie deutlich spürt, die in vollem Glanz über das Album strahlt. Die Romasprache hat Katja also in dieser Hinsicht hervorragend gemeistert. Diese Stimme, die an sich sanft ist, ist durchgehend von hingebungsvoller Sinnlichkeit und sogar einer erotogen-jungfräulichen Verführungskraft durchdrungen, obwohl die Botschaft der Poesie alles andere als das ist. Das Leben der Roma ist hart, und für Romantik bleibt hier eigentlich kaum Platz. Die Schichten der musikalischen Arrangements selbst umhüllen Katjas vokale Sanftheit wie ein zarter Schleier oder zarte Schleierchen und kommunizieren wunderbar miteinander. Einträchtig und in unglaublich sinnvoller Harmonie. Unprätentiös. Genauso wie Katja mit ihrer Stimme. Einfühlsam. Die Symbiose der Elemente auf dem Album ist greifbar und höchst authentisch in der ideellen Verkörperung dieses Projekts – und das ist auch das Hauptziel eines Künstlers. Auch in puncto arrangementmäßiger Lebendigkeit.
In dieser Hinsicht lässt sich das Album »Kamlisajlan«, obwohl es außerordentlich mild ist und bescheiden sowie unaufdringlich klingt, als unglaublich durchdringende und mutige Leistung bezeichnen, die in der Interpretation einzigartig wirkt und ihr Ziel erreicht. Es verleiht ausgewählten Werken der Romapoesie Sinn und belebt sie sinnlich; mit dem Gesang Katjas und ihrer Mitstreiter erreicht es eine eigene Dimension und bringt so – nicht nur auf die slowenische, sondern auch auf die internationale Musikszene – einen wunderschönen musikalisch-künstlerischen Brillanten. Wohin Katja in Zukunft mit ihrer mutigen und abenteuerlichen musikalischen Erkundung aufbrechen wird, lässt sich unmöglich vorhersagen. Wir wissen nur eines: Ganz bestimmt wird sie uns damit noch auf das Angenehmste verwöhnen. So wie sie uns jetzt wieder verwöhnt. Diesmal mit dem Album »Kamlisajlan«.
Besetzung
Katja Šulc – Gesang
Alban Usatch – Violine, Viola, 12-saitige Akustikgitarre, Cajón
Güicho Vargas – Gitarre
Mario Egremy – Bassgitarre
GASTMUSIKER:
Shyam Nepali – Sarangi (Track Nr. 7)
Edgar Sosa – Güiro (Track Nr. 3)
Jessie Newling – Akkordeon (Track Nr. 3)
Duarte Salgado – Hang (Track Nr. 1)
Nico Pinier – Cajón (Track Nr. 8)
Igor Matković – Trompete (Tracks Nr. 2 und 9)
Pier – Posaune (Track Nr. 9)
Produktion
Katja Šulc & Alban Usatch
Trackliste
1. O ćhonut (03:16)
2. Kamlisajlan (02:45)
3. Ćorrolikano bluz (04:54)
4. Kheldõm e balvalãça (03:45)
5. E plain an kidipe (02:50)
6. Dikhav ‚daj, dikhav ‚doj (03:46)
7. Rroma pakǎna (03:44)
8. O brîsind sîn me (03:55)
9. Gilǎban gili, Rroma!le (03:07)
10. Sovimasqe gili (01:34)