Jelusick: Follow the Blind Man

Escape Music 2023
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Label: Escape Records
Veröffentlichungsdatum: 29. 9. 2023
Produktion: Simon Jovanovič
Albumlänge: 53.34 min
Genre: Progressive Metal/Heavy Metal
Wertung: 10/10


Dino Jelusić braucht keine große Vorstellung. Der kroatische Hard-Rock- und Heavy-Metal-Sänger hat sich in kurzer Zeit in den erlesenen Kreis der angesehensten Vokalisten seiner Generation vorgearbeitet — was ihm die feste Mitgliedschaft bei niemand Geringerem als Whitesnake eingebracht hat. Damit ist eigentlich alles gesagt. Coverdale hat immer nur die Besten der Besten ausgewählt.

Nach dem ersten Absatz dieser Rezension könnte man meinen, Jelusick seien eine aufgefrischte Hard-Rock-Revival-Truppe — aber weit gefehlt. Sie sind deutlich schärfer und kantiger, als man erwarten würde. Auch vom Metal ordentlich infiziert. Schon der Opener Reign Of Vultures macht unmissverständlich klar, worum es bei Jelusick geht. Wer beim Hören dieses Tracks Genre-Assoziationen Richtung Progressive Metal im Kopf hat, liegt nicht weit daneben. Daraus folgt: das Album »Follow The Blind Man« ist sein ganz eigenes Biest, und Jelusick sind eine andere Art von Musikgeschichte — mit einer unverwechselbaren musikalischen Identität.  

Jelusick sind ein Quartett. Ohne besondere Gastmusiker. Dino hätte sie dank seines Rufs problemlos ins Boot holen können, hat es aber nicht getan. Das Album »Follow the Blind Man« ist deshalb reines Quartett-Handwerk — zu 110 Prozent ausgereizt. Die Musiker, die seinen mächtigen, durchdringenden und vor allem ungemein ansteckenden Gesang umrahmen, der sofort unter die Haut geht, sind technisch bis zur Perfektion durchgeknetet. Obwohl wir es hier mit einem Debüt zu tun haben, spürt man, dass die Truppe schon lange zusammengewachsen ist und alle Beteiligten eine ordentliche Menge an musikalischen Kilometern auf dem Tacho haben. Gut 53 Minuten Musik sind wirklich erstklassig auf den Tonträger gebannt. Die Songs sind von einer perfekten Kompositionsstruktur begleitet. Die graduell aufbauende Dramaturgie — von der Strophe über die Pre-Bridge in den Refrain — ist durchgehend präsent. Das Quartett atmet auf derselben Frequenz. Im Gleichklang. Und doch ist »Follow the Blind Man« ein zutiefst düsteres Album. Im Einklang mit der Zeit, in der wir uns befinden und in die die Menschheit, wie es scheint, unaufhaltsam und geradewegs kopfüber in den Schoß der Apokalypse rast.

»Follow the Blind Man« vereint im Kern klassische Elemente von Hard Rock und Heavy Metal, besitzt dabei aber (erwartungsgemäß) einen modernen Ansatz — in Produktion wie Komposition. Die Riffs schlagen stellenweise mit voller Wucht zu. Mit Mitteln, die in der gelegentlichen Aggressivität des Gitarren-Riffings sogar in Richtung Thrash Metal zielen (Died, Chaos Master). Da Dino in Klangfarbe und Phrasierung des Gesangs durchaus mit Russell Allen von Symphony X vergleichbar ist (zeitweise auch mit Jorn Lande) und das Material stellenweise enorm vielschichtig ist (optimal durchdetailliert und poliert), lässt sich das Album punktuell sogar mit dem Spätwerk von Symphony X und den jüngsten Soloarbeiten von Michael Romeo vergleichen. Der Material-Mix auf dem Album ist außergewöhnlich bildreich, abwechslungsreich und eigenständig. Deshalb begeistert dieses Album schlicht und einfach — von Anfang bis Ende, in jeder einzelnen Sekunde. Das Quartett hat die kreativen Kräfte in den Kompositionen so verteilt, dass die Talente der Einzelnen mit enormer Intensität strahlen und sich optimal entfalten. Auf individueller Ebene also. Sicher steht Dinos autoritativer Gesang stets im Mittelpunkt — aber die Gitarrenarbeit des außergewöhnlichen Gitarrenvirtuosen Ivan Keller lässt einen nicht minder sprachlos zurück.

Das Album besitzt eine außergewöhnlich lebendige Produktion. Eine organische Wärme im Klang. Es wirkt, als wären die Songs im Studio nach dem Prinzip eines Konzertauftritts eingespielt worden. Die Band hat das Album im Ljubljaner Studio Evolucija unter der Produzentenregie von Simon Jovanovič aufgenommen.

Die Songs sind mit Bedacht in ihrer Reihenfolge angeordnet. Der Titeltrack gilt als einer der albuminternen Höhepunkte. Eine mitteltempige, stellenweise balladenhafte Mini-Epos-Suite, vollgepackt mit Melancholie und pompösem Theatralik-Drama — dazu ein Mid-Eight-Abschnitt mit einer überwältigenden Gitarren-Erektion atemberaubenden Solospiels, der in eine Welt der Mystik und Fantasie hinübergleitet: eine erstklassige atmosphärische Abkehr, die gleichzeitig als kompositorisches Meisterwerk dieses Debüts gilt und die heftige dunkle Aggressivität des Eröffnungsteils mit den ersten drei Tracks ablöst. In der zweiten Albumhälfte übernimmt The Healer eine ähnliche Funktion wie der Titeltrack — eine der eingängigeren Nummern des Albums. Wirklich beeindruckend ist auch der Ausklang, den die abschließende Klavierballade The Great Divide gestaltet, in der Dino aus seiner Stimme bewusst den unverkennbaren, raubgeräucherten Coverdale-Charme herausholt. Ja. Die Songs sind enorm vielschichtig. Sie biegen sich vor Ausgefeiltheit. Von atmosphärischen Sprüngen über motivische Wendungen, Modulationen bis hin zu Übergangspassagen. Deshalb braucht »Follow the Blind Man« eine ordentliche Anzahl an Durchläufen, bevor es als Ganzes wirklich unter die Haut geht. Aber wenn es erst mal unter die Haut gegangen ist, wirst du dieses Album noch lange, lange Zeit mit großem Vergnügen konsumieren. Daher die Feststellung: Es liebäugelt ständig und schamlos mit Elementen des Progressive Metal.

Das Debüt »Follow the Blind Man« ist nicht einfach nur ein weiteres Album. Es ist ein außergewöhnlicher Grundstein für die Karriere der Band. Darauf hat die Gruppe ihre eigene DNA präsentiert, der sie auch in Zukunft folgen, die sie pflegen und weiterentwickeln wird. Wie bereits erwähnt: »Follow the Blind Man« trägt die enorme Kraft und Überzeugungsstärke eines ausgearbeiteten, ausdrucksstarken Art-Charakters — und ist angesichts der Tatsache, dass wir hier über ein Debüt sprechen, ein eindeutiger Kandidat für das Debütalbum des Jahres 2023 im Metal-Bereich. Brillante Arbeit. Es muss nichts hinzugefügt werden, noch weniger muss irgendetwas weggenommen werden.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Reign Of Vultures
2. Died
3. Animal Inside
4. Follow The Blind Man
5. What I Want
6. Acid Rain
7. Healer
8. The Great Divide
9. Fly High Again
10. Chaos Master
11. The Bitter End

Besetzung:
Dino Jelusick – Gesang, Keyboards, Arrangements
Ivan Keller – Gitarre
Luke Broderick (Luka Brodarić) – Bassgitarre
Mario Lepoglavec – Schlagzeug


Jelusick – „Follow the Blind Man“ (Escape Music, 2023)
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